Antisemitismus Deutschlands fürchterliches Schweigen

Zwei Schüler der Talmud Tora Schule Hamburg

(Foto: dpa)

An diesem Sonntag ruft der Zentralrat der Juden zu einer großen Kundgebung gegen Judenhass in Berlin auf. Aber warum müssen die Juden das eigentlich selbst machen? Warum kam niemand sonst auf die Idee, gegen Antisemitismus aufzustehen?

Kommentar von Thorsten Schmitz, Berlin

An diesem Sonntag ruft der Zentralrat der Juden in Deutschland zu einer Kundgebung gegen Judenhass auf - etwas stimmt nicht an diesem Satz.

Die Unstimmigkeit wird augenfällig, schaut man auf die Liste der Trittbrettfahrer. Alle wollen zum Brandenburger Tor kommen: die Arbeiterwohlfahrt, Joschka Fischer, der Springer-Verlag, die Kulturministerin, Vertreter von Kirchen und Parteien, Präsident Joachim Gauck. Kanzlerin Angela Merkel wird eine Rede halten.

So weit, so gut. Nur: Warum müssen Juden in Deutschland eine Demonstration organisieren dagegen, dass man sie ablehnt, überfällt, hasst? Warum kommt nicht die Arbeiterwohlfahrt auf die Idee für so eine Demonstration?

Muss die deutsche Bevölkerung mehr Engagement gegen Antisemitismus zeigen?

Der Zentralrat der Juden ruft an diesem Sonntag in Berlin zu einer Kundgebung gegen Judenhass auf. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein: Muss die Bevölkerung mehr Engagement gegen Antisemitismus zeigen? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Juden in Deutschland sind verunsichert

Deutsche Politiker betonen gerne, Juden seien Teil der Gesellschaft. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Auch das ist Deutschland: Juden, die eine Kippa tragen, werden angepöbelt. Israelis, die in Kreuzberg leben, werden von Palästinensern krankenhausreif geschlagen. Auf Demonstrationen wird "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" skandiert. In einer Moschee ruft ein Prediger dazu auf, Juden zu töten. Synagogen werden in Brand gesetzt, und auf Schulhöfen ist das Wort "Jude" ein Schimpfwort.

Parallel zum Gaza-Krieg ist in diesem Sommer eine Welle an schockierendem, gewaltbereitem Judenhass über Deutschland (und Frankreich und Belgien) gerollt, ein oft religiös verbrämter Hass. Juden in Deutschland hat das verunsichert. Manche fragen sich, ob es - wieder - Zeit sei, die Koffer zu packen.

Wo bleibt die Welle der Sympathie?

Gauck und Merkel haben schnell den neuen und alten Judenhass gegeißelt, doch die Zivilgesellschaft - sie blieb still. Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats, hat die erschütternd trostlose Feststellung gemacht: "Wir Juden fühlen uns alleinegelassen. Warum gibt es keine Welle der Sympathie mit uns Juden?" Ja, warum eigentlich nicht?

Es hat Tradition in Deutschland, dass Juden und Israel stets in einen Topf geworfen werden. Hier lebende Juden werden als Repräsentanten des Netanjahu-Israel betrachtet. Dabei gibt es Zehntausende Israelis, die vor der Politik des israelischen Premierministers nach Deutschland geflohen sind (Anmerkung der Redaktion: Bei der Zahl handelt es sich um eine umstrittene Schätzung.) Der Gaza-Krieg war in Wahrheit nur Katalysator für einen Bodensatz an Antisemitismus, der schon immer in Deutschland existiert.

Am Montag wird wieder auf einem Schulhof das Schimpfwort "Jude" fallen

Auf der Kundgebung am Sonntag werden die richtigen Worte von den richtigen Menschen fallen. Merkel wird versichern, dass Juden Teil der Gesellschaft sind. So weit, so gut. Am Montag aber wird wieder irgendwo in Deutschland auf einem Schulhof das Wort "Jude" als Schimpfwort benutzt werden. Vielleicht wäre es jetzt einmal Zeit für kleine Gesten, die große Signale setzen können.

Ein Vorschlag an die Kanzlerin: Vielleicht setzt sie sich zu Rosch Haschana einfach mal irgendwo in Berlin an einen Tisch, an dem Juden in zehn Tagen das jüdische Neujahrsfest feiern. Einfach so. Es entstünde ein Foto, das zeigen würde: Ihr gehört zu uns.