Anschlag in Charleston "Das war ein terroristischer Akt"

Im New Yorker Stadtteil Harlem singen die Menschen während einer Trauerkundgebung für die neun Opfer des Todesschützen

(Foto: AFP)

Für die US-Justizministerin ist die Ermordung von neun Schwarzen in Charleston ein "Verbrechen aus Hass". Bürgerrechtler werfen Politik und Medien in den USA Heuchelei vor. Sie fragen: Wieso wird der Angriff nicht als Terror bezeichnet?

Von Markus C. Schulte von Drach

Neun Menschen hat Dylann Roof in Charleston, South Carolina, erschossen - neun afroamerikanische Gemeindemitglieder einer der historisch bedeutendsten Kirchen für schwarze Christen im Süden der USA.

Justizministerin Loretta Lynch zufolge wird der Massenmord des 21-jährigen Weißen als "Hate Crime", als Verbrechen aus Hass, untersucht. Doch das hat massive Kritik von Bürgerrechtlern ausgelöst.

"Ein weißer Mann betritt eine historische Kirche des schwarzen Befreiungskampfes, gibt rassistische Sprüche von sich und ermordet neun Schwarze. DAS IST TERRORISMUS", twitterte etwa Marc Lamont Hill, Professor für Afroamerikanische Studien in Atlanta und Kommentator von CNN.

Er ist nicht allein. Immer mehr Stimmen fordern, die Tat als Terrorakt zu bezeichnen. Bürgerrechtsaktivisten werfen der Justiz und den Medien überdies einen heuchlerischen Umgang mit solchen Angriffen und Anschlägen vor.

So sagte etwa Nihad Awad vom Council on American-Islamic Relations der New York Times, die Amerikaner gingen unbewusst davon aus, dass Gewalt von Muslimen Terrorismus sei. "Wenn die gleiche Gewalt durch einen weißen Rassisten oder Anhänger der Rassentrennung verübt wird, und nicht durch einen Muslim, suchen wir nach Entschuldigungen - er könnte verrückt sein oder wurde zu sehr herumgeschubst."

Tatsächlich gab es etwa beim Anschlag auf den Boston Marathon 2013 nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sich um einen Fall von Terror handelte. Das Gleiche galt für den Angriff von zwei bewaffneten Männern auf eine Ausstellung mit Mohammed-Karikaturen in der Stadt Garland, Texas.

Roof jedoch werde man als "verrückt, Opfer von Misshandlungen oder unzureichender Gesundheitsversorgung betrachten", so schreibt Anthea Butler in der Washington Post. "Die US-Medien gehen anders mit Verbrechen um, an denen Afroamerikaner und Muslime beteiligt sind."

Der Professorin für Religion und afrikanische Studien an der University in Pennsylvania zufolge würden diese als Verdächtige schnell als Terroristen und Gangster beschrieben. "Weiße Verdächtige gelten dagegen als einsame Wölfe." So habe Joseph Riley, Bürgermeister von Charleston, Roofs Verbrechen als Tat einer einzigen hasserfüllten Person beschrieben.

"Motiviert durch den Wunsch, Schwarze zu terrorisieren"

Auch für Dean Obeidallah, einen bekannten US-Comedian und Radiomoderator mit arabischen Wurzeln, ist es nicht nachvollziehbar, dass der Begriff Terrorismus von offizieller Seite bislang gemieden wurde. "Da ist ein Mann, der gezielt in eine schwarze Kirche geht, der einen Hass auf Schwarze hat und einen gewählten Politiker und acht weitere Menschen ermordet", sagte Obeidallah der New York Times. "Er scheint von dem Wunsch getrieben zu sein, schwarze Menschen zu terrorisieren und zu töten."

Peter Bergen, Politikwissenschaftler an der Arizona State University und Mitarbeiter bei CNN, veranschaulicht die verzerrte Wahrnehmung in den USA mit einem Gedankenexperiment: "Wenn ein Muslim die Kirche in Charleston angegriffen und dabei 'Allahu akbar' gerufen hätte, wäre die ohnehin große News-Story noch größer geworden, denn sie hätte gut in das Bild von Politik und Medien gepasst, dass muslimische Gewalttäter die größte terroristische Bedrohung in den USA sind."

Nun zeige sich, dass dieses Bild falsch sei, schreibt Bergen auf CNN. Und nicht zum ersten Mal. Seit 9/11 sind in den USA 26 Menschen von islamistischen Terroristen getötet worden, doch Rassisten und extreme Regierungsgegner haben in dieser Zeit 48 Personen ermordet - acht davon allein im vergangenen Jahr, wie Bergen vorrechnet.

Vor den Al-Qaida-Attentaten im September 2001 hatte es bereits Anschläge weißer Rechtsradikaler gegeben, die als Terror betrachtet wurden: die Bombenattentate auf das FBI-Gebäude in Oklahoma (1995, 168 Tote) und auf die Olympischen Spiele in Atlanta (1996, zwei Tote). Ebenfalls in den 90er Jahren war es zu einer Serie von überwiegend rassistisch motivierten Brandanschlägen auf Gotteshäuser afroamerikanischer Gemeinden gekommen.

Doch nach dem 11.September, so Anthea Butler in der Washington Post, habe "eine Islamophobie Politik und Medien erfasst, die dazu geführt hat, dass nur Fälle, bei denen die Täter dunklere Haut haben, als Terrorismus bezeichnet werden".

Max Fisher von der Online-Zeitung Vox schreibt, viele Amerikaner wollten nicht wahrhaben, dass politisch motivierte Gewalt von Weißen gegen Schwarze noch immer existiere - auch wenn der Ku Klux Klan keine große Rolle mehr spiele. Würde Charleston als Akt des Terrors, und nicht als die Tat eines Verrückten bewertet, ließe sich dies weniger leicht leugnen. "Das würde uns zwingen, anzuerkennen, dass schwarze Gemeinden mit gutem Grund Angst vor Gewalt haben und ihnen zugleich das Recht auf Schutz zusteht."

Ähnlich wie Fisher sieht es auch der bekannteste Comedian der USA, Jon Stewart. In seiner Daily Show am Donnerstag verzichtete er auf die üblichen Witze und kritisierte stattdessen, es gebe "eine rassistische Wunde, die nicht heilen will, von der wir aber so tun, als gebe es sie nicht." Die Bedeutung des Angriffs auf die Kirche in Charleston ist für Stewart völlig klar: "Das war ein terroristischer Akt."