Villingen-Schwenningen Granate auf Flüchtlingsheim galt nicht den Bewohnern

Eine Splitterhandgranate des jugoslawischen Typs M52 - hier ein von der Staatsanwaltschaft präsentiertes Modell - flog auf das Gelände des Flüchtlingsheims.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)
  • Ein fremdenfeindliches Motiv ist laut Polizei auszuschließen, hinter dem Anschlag stecke ein Streit zwischen Sicherheitsdiensten.
  • In dem Konflikt stehen sich offenbar zwei Security-Firmen gegenüber, die Gebietsansprüche in Villingen-Schwenningen erheben.
  • Es gibt Spekulationen darüber, dass hinter den Firmen rivalisierende Rockergruppen stecken.
Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Die Polizei hatte von Anfang an deutlich davor gewarnt, voreilige Schlüsse zu ziehen. Der Handgranaten-Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen habe möglicherweise nicht den Asylbewerbern gegolten, sondern den Wachleuten. Dennoch stellten führende Politiker bis hin zu Justizminister Heiko Maas (SPD) die Tat in eine Reihe mit den Brandanschlägen auf Flüchtlingsquartiere. Zu klären sei, wie die Flüchtlinge besser geschützt werden können. Nun, knapp zwei Wochen später, hat die Politik eine andere Frage zu beantworten: Wem vertraut der Staat den Schutz der Flüchtlinge an?

Am Dienstag meldeten Polizei und Staatsanwaltschaft, vier mutmaßliche Täter im Alter zwischen 22 und 37 Jahren, seien gefasst worden, drei von ihnen säßen in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautet: Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Ein fremdenfeindliches Motiv sei auszuschließen. Hinter dem Anschlag stecke offenbar ein Streit zwischen zwei Sicherheitsdiensten, heißt es in einer Mitteilung, in der auch die Herkunft der Verdächtigen benannt wurde: Sie stammen aus den Kreisen Rottweil und Schwarzwald-Baar und hätten überwiegend osteuropäischen Migrationshintergrund.

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Unbekannte werfen den Sprengkörper auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen. Der Justizminister zeigt sich entsetzt. Es gibt Zweifel, gegen wen der Anschlag gerichtet war.

Offenbar ist der Fall im Türsteher-Milieu angesiedelt. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa stehen sich in dem Konflikt zwei Security-Firmen gegenüber, die Gebietsansprüche in Villingen-Schwenningen erheben und sich gegenseitig vom Markt drängen wollen. Spekulationen zufolge verbergen sich hinter diesen Firmen Mitglieder rivalisierender Rockergruppen aus der Region.

Einige von ihnen, vor allem die in Villingen-Schwenningen gegründeten United Tribuns, beschäftigen die Polizei seit Jahren wegen ihrer Verwicklung in die organisierte Kriminalität. Ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Konstanz sagte jedoch der Süddeutschen Zeitung, es gebe nach jetzigem Stand keine Hinweise darauf, dass Rockergruppen in den Fall verwickelt sind.

Sicherheitsdienste seit Flüchtlingskrise im Fokus der Öffentlichkeit

Rupert Kubon, der Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, mahnte bereits Konsequenzen aus dem Fall an. "Man muss bei der Auswahl der Sicherheitskräfte sehr genau schauen, wen man da engagiert", sagte er, "aus der Eile und aus der Not heraus hat man offensichtlich nicht die richtigen Leute gefunden." In der Sicherheitsbranche habe es in den vergangenen Monaten einen großen Zuwachs gegeben: "Da gibt es offensichtlich auch mehr als nur schwarze Schafe."

Die Arbeit der Sicherheitsfirmen steht im Fokus der Öffentlichkeit, seitdem vor eineinhalb Jahren bekannt wurde, dass Wachleute im siegerländischen Burbach Bewohner eines Flüchtlingsheims geschlagen und gedemütigt haben sollen. In der Erstaufnahmestelle in Heidelberg flog Ende 2015 im Sicherheitspersonal ein Rechtsextremist auf.

Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) fordert nun strengere Vorgaben bei der Ausbildung von Wachpersonal. Für Tätigkeiten in sensiblen Bereichen wie in Flüchtlingsunterkünften seien gesetzliche Regeln notwendig, sagte am Mittwoch eine BDSW-Sprecherin.