Ankara Ankaras gefährliche Eskalations-Strategie

TURKEY-POLITICS-ERDOGAN Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan addresses the lawmakers of his ruling Justice and Development Party at the parliament in Ankara on December 28, 2010. AFP PHOTO/ADEM ALTAN

(Foto: AFP)
  • Nach dem verheerenden Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi in Ankara, hat der türkische Präsident Erdoğan Rache geschworen.
  • Die türkische Regierung macht verschiedene kurdische Gruppen aus der Türkei und Syrien für den Anschlag verantwortlich - die streiten eine Beteiligung ab.
  • Der Konflikt spitzt sich immer mehr auf die Frage nach einer kurdischen Eigenstaatlichkeit zu - die Ankara mit allen Mitteln verhindern will.
Von Mike Szymanski, Istanbul

Die Rache dürfte fürchterlich ausfallen. Man spürt es an seinen Worten. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan will Vergeltung. Er brennt. Sein Land werde nicht zögern, sein Recht auf Selbstverteidigung wahrzunehmen, sagt er. "Wenn es das Ziel des Anschlags war, unsere Geduld auf die Probe zu stellen, dann sage ich: Unsere Geduld hat ein Ende."

Es ist keine 24 Stunden her, seit im politischen Herzen Ankaras eine Autobombe inmitten einer Militärkolonne explodiert ist. In den Bussen sitzen nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten. Im Feierabendverkehr schiebt sich der Konvoi durch die Stadt. Er hält an einer roten Ampel. Um 18.31 Uhr am Mittwochabend geht der Sprengsatz hoch. Der Generalstab hat sein Hauptquartier 300 Meter von dort entfernt. Die Detonation ist so heftig, dass sie nur gespenstische Gerippe der Busse übrig lässt. Die Druckwelle ist bis ins Parlament zu spüren, wo die Scheiben wackeln. Mindestens 28 Menschen, davon 27 Soldaten, kommen ums Leben, mehr als 60 werden verletzt.

Kurdische Miliz wehrt sich gegen Schuldzuweisungen aus Ankara

Die PKK und die syrisch-kurdische Miliz YPG bestreiten, in das Attentat von Ankara verwickelt zu sein. Die türkische Regierung wolle den Konflikt bewusst eskalieren. mehr ...

Wieder trifft es Ankara, diese geschundene Hauptstadt. Es ist kein halbes Jahr her, dass zwei mutmaßliche Anhänger des sogenannten Islamischen Staates sich und mehr als 100 Teilnehmer eines Friedensmarsches in die Luft jagten. Damals traf es vor allem Kurden. In dieser Stadt, in diesem Land, bekommen Wunden keine Zeit mehr, zu vernarben. Schon fließt neues Blut. Und wer Erdoğan bei seinen Reden zuhört, bekommt den Eindruck, hier spricht nicht ein Spitzenpolitiker, sondern ein Kriegsherr.

Die Kurden sagen, sie hätten mit dem Terror nichts zu tun

Wer steckt diesmal hinter der Gewalt? Die Spuren des Verbrechens sind noch nicht beseitigt, da kursiert schon ein Name. Zuerst taucht er in der regierungsnahen Presse auf, in der Sabah zum Beispiel. Sie bereitet den Resonanzboden für die Regierung.

Salih Necer heißt der Mann, der das Attentat von Ankara verübt haben soll. Ein Syrer, 1992 in Amuda geboren, einer kleinen Stadt wenige Kilometer hinter der Grenze zu Syrien. Necer soll Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in Syrien gewesen sein. Das ist der bewaffnete Arm der Partei der Demokratischen Union PYD. Sie steht der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe. Er soll 2014 ins Land gekommen sein, die Behörden haben seinen Fingerabdruck in ihrer Datenbank. Er habe Helfer gehabt, bestätigt Premier Ahmet Davutoğlu am Morgen nach der Tat. Es gab 14 Festnahmen.

Für die türkische Regierung heißt Terör in erster Linie: PKK. Wenn es darum geht, Schuldige zu benennen, können die Sicherheitsbehörden atemberaubend schnell sein. Aber die PKK übernimmt keine Verantwortung für den Anschlag. Kommandeur Cemil Bayık sagte der PKK-nahen Agentur Firat am Donnerstag: "Wir wissen nicht, wer das getan hat. Es könnte aber ein Vergeltungsschlag für die Massaker in Kurdistan gewesen sein." Die syrische Kurdenpartei PYD will ebenfalls nichts mit dem Anschlag zu tun gehabt haben: "Wir haben keine Verbindungen zu dem, was in der Türkei passiert", sagte der Co-Vorsitzende, Salih Muslim.

War es doch der IS? Abgesehen davon, dass den Fanatikern alles recht ist, was Unheil bringt, konzentrierten sie sich bisher nicht auf militärische Ziele. Das war immer eher PKK-Handschrift.

"Auslöschen", das ist das Ziel im Kampf gegen die PKK

Seit Anfang der Achtzigerjahre liefert sich das Militär mit der PKK einen blutigen Kampf. Es geht um Autonomie, die PKK hat den Traum von einem eigenen, kurdischen Staat niemals wirklich aufgegeben. Und jetzt, wo mit dem Zerfall Syriens die Region neu definiert werden dürfte, wähnen sich die kurdischen Kämpfer ihrem Ziel ziemlich nahe. In Syrien haben sie entlang der Grenze zur Türkei bis auf einen fast 100 Kilometer langen Streifen ein zusammenhängendes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht. Im Nordirak ist ein kurdisches Autonomiegebiet lange schon Realität. Die PKK hat ihr Hauptquartier in den Kandil-Bergen im Nordirak.

Und in der Türkei: Dort kämpfen im Südosten des Landes PKK-Anhänger und Spezialeinheiten erbittert gegeneinander. Seit Dezember versucht das Militär in einer Großoffensive die PKK zu schlagen. "Auslöschen" - hat Erdoğan als Ziel vorgegeben. Hunderte Todesopfer forderte zuletzt dieser erbarmungslose Konflikt, von dem mit mehr als 40 000 Opfern bereits bewiesen zu sein schien, dass er mit Waffengewalt nicht zu lösen ist. Wer Stadtviertel von Diyarbakır oder Cizre gesehen hat, nachdem die Armee ihre Spezialkräfte abgezogen hat, fühlt sich an das Bürgerkriegsland Syrien erinnert. Die Antwort der PKK ist eiskalte Rache. Am Donnerstagmorgen kommen bei einem Anschlag auf einen Militärkonvoi in Lice nahe der Kurdenhochburg Diyarbakır schon wieder sechs Soldaten um. Das ist der Alltag im Südosten.

Die Türkei ist mit Russland zum schwierigsten Partner des Westens geworden

Der Kampf gegen die kurdischen Separatisten ist längst kein innenpolitischer Konflikt mehr. Er ist zur Determinanten der türkischen Sicherheits- und Außenpolitik geworden, die einmal die Devise hatte: Friede daheim, Friede in der Welt.

Nun könnte sie lauten: Überall Krieg.

Als am vergangenen Wochenende auf der Sicherheitskonferenz in München um eine Waffenruhe für Syrien gerungen wurde, fing das türkische Militär an, Gebiete in Syrien, die die kurdischen Volksschutzeinheiten erobert hatten, mit Artillerie zu beschießen. "Wir werden niemals erlauben, dass an unserer Südgrenze ein neues Kandil entsteht", sagt Erdoğan. Er denke überhaupt nicht daran, die Angriffe einzustellen.

Die Türkei ist - mit Russland - zum schwierigsten Partner für den Westen geworden. Die von den USA angeführte Allianz im Kampf gegen den Islamischen Staat hält die syrischen Kurden für Verbündete. Die Türkei nennt sie Terroristen. Bei Friedensgesprächen wollen die Türken die Kurden nicht mit am Tisch sehen. Der Streit geht so weit, dass Erdoğan die USA direkt angeht - seid ihr auf unserer Seite oder auf der der Terroristen?

Sollte der Ankara-Anschlag tatsächlich den Kurden in Syrien, womöglich noch unter Komplizenschaft mit der PKK - zugeschrieben werden können, dürften bald noch düsterere Zeiten anbrechen. Seit Wochen halten sich Gerüchte, Ankara werde auch mit Bodentruppen ins Nachbarland einmarschieren.

Aber das Militär will keinen türkischen Alleingang, heißt es. Nach dem Attentat auf die Soldaten könnte auch die Militärführung ihren Widerstand aufgeben. Die regierungsnahe Presse macht Stimmung - gegen alle, die die Kurden in Syrien unterstützten. Die Sabah macht den Westen sogar für den Anschlag mitverantwortlich. "Das habt ihr nun damit erreicht."