Kanzlerin bei Günther Jauch Es geht um die Sache

Merkel aber scheint diese Antwort ihren Bürgern nicht zumuten zu wollen. Stattdessen erklärt sie lapidar, Bürgschaften seien ja etwas anderes als reale Mittel. Damit ließe sich Zeit kaufen, damit Griechenland seine Finanzen in Ordnung bringen könne. Außerdem rechne sie "im Grundsatz erst mal nicht damit", dass diese Bürgschaften eines Tages fällig werden. Da steckt aber wohl mehr Hoffnung als Wissen in dem Satz.

Jauch hält sich eine blau-goldene Broschüre vor die Nase, ein Euro-Ratgeber aus dem Jahr 1998. Er zitiert drei Sätze, die Merkel in Erklärungsnot bringen sollen. Werden sie auch - nur nicht sofort.

Jauch liest: "Der Vertrag schließt aus, dass wir für die Schulden eines Mitgliedslandes der Europäischen Union oder einem EU-Partner haften. Wir müssen nicht für die Schulden anderer EU-Partner aufkommen. Derartige Befürchtungen sind gegenstandslos." Zitat Ende. Jauch: "Und darauf habe ich mich immer verlassen. War das ein Fehler?"

Polit-Novize Jauch legt damit seinen Finger tief in die Wunde. Merkel versucht darauf den Beides-ist-richtig-Spagat. Nein, das sei kein Fehler. Aber es sei damals eben nicht bedacht worden: "Wenn ein Land in Schwierigkeiten gerät, dass dann alle anderen Länder Schwierigkeiten haben." Dafür müssten jetzt eben neue Regeln her. "Wir helfen nicht, weil ein Land zu viele Schulden hat. Wir helfen, damit unsere gemeinsame Währung stabil ist."

Alles ganz einfach also? Nö. Merkel verheddert sich. "Griechenland hafte für seine Schulden nach wie vor alleine", sagt sie. Da ist Jauch zu Stelle: "Aber haften heißt doch, das können die selber irgendwann zurückzahlen?" Merkel: "Ja" Jauch: "Das können die aber nicht."

Dann: Stille.

Merkels linke Hand zerschneidet die Studioluft, als würde sie immer noch lautstark ihre Politik verteidigen. Nur aus ihrem Mund kommt nichts. Nach einer gefühlten Unendlichkeit bringt Merkel ein schwaches "Also, das mag Ihre Ansicht jetzt sein" heraus. Jauch hakt nach: "Ich bin ja nicht ganz alleine."

Schaffen die das oder schaffen die das nicht?

Merkels "Äh" wird von langanhaltendem Beifall übertönt. Immerhin verschafft ihr der Applaus die Zeit, sich eine gute Antwort zu überlegen. Und so erklärt sie, dass es für sie nur eine Instanz gebe, die diese Frage wirklich beurteilen könne. Und das sei die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Kommission und Europäischer Zentralbank, die gemeinsam über die Auszahlung neuer Kredittranchen an Griechenland entscheide. "Die müssen für uns sagen, schaffen die das oder schaffen die das nicht", sagt Merkel.

Das klingt jetzt alles überhaupt nicht mehr kraftvoll und beruhigend, sondern so zögernd und zaudernd, wie sie sich zuletzt oft gezeigt hat. Kein Wunder, dass da manche Abgeordnete nicht mitgehen wollen. Noch ist nicht sicher, ob Merkel am Donnerstag bei der Abstimmung über den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF die symbolisch wichtige Kanzlermehrheit zusammenbringt.

Warum stellt sie dann nicht die Vertrauensfrage, will Jauch wissen.

"Nein, nein, es geht ja um die Entscheidung in der Sache", antwortet Merkel. "Wir sind bei einem ganz normalen Gesetz. Da braucht die Regierung eine Mehrheit. Ich möchte eine eigene Mehrheit und bin zuversichtlich, dass ich sie bekomme."

Entscheidung in der Sache, ganz normales Gesetz. So einfach wird das dann wohl doch nicht. Geht die Abstimmung schief, gerät die Koalition unweigerlich in ernste Gefahr. Aus den vermeintlichen Schicksalstagen, könnten dann schnell die Schicksalsstunden einer Kanzlerin werden.

Nachtrag: Ein Publikumserfolg war das einstündige Interview mit der Kanzlerin bei Günther Jauch nicht. Knapp 4,3 Millionen Menschen blieben nach dem Tatort dran oder schalteten extra um 21:45 Uhr ein. Eine Woche zuvor waren es noch 4,6 Millionen Zuschauer, Jauchs ARD-Premiere am 11. September verfolgten sogar 5,1 Millionen..