Amoklauf von Newtown Waffentragen als grundlegendes Freiheitsrecht

Jagd im Jahr 1950: Ein Schüler lernt im De Bruce Conservation Camp im Bundesstaat New York die grundlegenden Regeln des Schießens und Jagens.

(Foto: Getty Images)

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind vom alten Kontinent aus nur schwer zu verstehen: Rasen und Rauchen sind de facto abgeschafft, Prostitution nicht ganz. Das Recht auf Waffentragen gilt jedoch als fundamental. Trotz mehr als 10.000 Erschossenen pro Jahr. Doch nun sind Kinder gestorben. Der höchste Preis, den eine Gesellschaft bezahlen kann.

Von Andrian Kreye

Amerika ist ein seltsames Land. Es ist das Land, in dem der Vorsitzende des Vereins amerikanischer Waffenbesitzer (Gun Owners of America), Larry Pratt, kurz nach dem Amoklauf an der Grundschule von Newtown öffentlich sagen konnte, dass es doch nun an der Zeit sei, das Waffenverbot an Schulen aufzuheben. Wären die Lehrer und Hausmeister bewaffnet gewesen, hätten sie den Amokläufer schon gestoppt. Es ist das Land, in dem der konservative Politiker Mike Huckabee im Fernsehen behaupten durfte, das Massaker sei geschehen, weil man Gott aus den Schulen vertrieben habe.

Aus europäischer Sicht ist der Stand der Dinge eindeutig: Was diskutiert Amerika denn überhaupt über schärfere Waffengesetze? Es sollte doch nicht mehr um "gun control" gehen, sondern um ein generelles Waffenverbot. Das mag anmaßend sein. Ganz abwegig ist es nicht.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben die USA fünf große Versuche einer Prohibition lanciert, und immerhin zwei davon haben funktioniert. Wenn man sich die Einzelfälle genauer anschaut, versteht man, warum es Amerika so schwerfällt, Waffen einfach zu verbieten.

Nicht so gut funktioniert haben die Versuche, das Saufen und den Sex zu regulieren. Das Alkoholverbot, das der amerikanische Senat am 16. Januar 1919 mit dem 18. Verfassungszusatz verabschiedete, war eine der folgenreichsten politischen Fehleinschätzungen in der Geschichte der westlichen Zivilisation. Die 13 Jahre der Prohibitions-Ära legten das Fundament für eine Schattenwirtschaft, in der die Routen der amerikanischen Alkoholschmuggler die Infrastruktur für ein organisiertes Verbrechen schafften, das sich bis heute über alle fünf Kontinente ausgebreitet hat.

Nichts ist so gut fürs illegale Geschäft wie ein Verbot

Nicht umsonst beginnt die Fernsehserie "Boardwalk Empire" über die Verwicklungen zwischen Politik und Verbrechen während der Zwanzigerjahre damit, dass die Mafiosi von Atlantic City den Beginn des Alkoholverbots mit einem rauschenden Champagnerfest feiern. Nichts ist so gut fürs illegale Geschäft wie ein Verbot.

Den gewerblichen oder auch nur sündigen Sex haben die amerikanischen Gesetzgeber nicht ganz so stringent bekämpft. Die Moraloffensive begann 1873 mit dem Gesetz des prüde gesinnten obersten Postinspektors Anthony Comstock, der den Postversand von "obszönem, lüsternem und laszivem Material" unter Strafe stellte. Heute ist es vor allem die Prostitution, die in sämtlichen Bundesstaaten außer Nevada verfolgt wird. Was wiederum eine Schattenwirtschaft geschaffen hat, in der sehr viel mehr Geld auf Kosten von Frauen und Freiern verdient wird als beispielsweise in Ländern wie Deutschland und den Niederlanden, die einen bürokratischen Zugang zum Sexgewerbe gefunden haben.

Ganz gut funktioniert haben die Prohibitionen des Rasens und des Rauchens. Das Gesetz für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 55 Meilen pro Stunde wurde während der Ölkrise von 1973 aufgesetzt. Man hoffte, den Benzinverbrauch zu senken und sich so aus der Abhängigkeit von Opec-Staaten zu winden. Eine Milchmädchenrechnung: Die effektive Ersparnis belief sich auf knappe ein Prozent. Dafür sank die jährliche Zahl der Verkehrstoten um rund zehntausend, was einem Minus von etwa 18 Prozent entsprach. Aus den Zahlen wurde bald Konsens. "Coasting" und "cruising" sind heute die Weisen des amerikanischen Autofahrers, der "speeding" höchstens auf deutschen Autobahnen kennt.