AI vergibt Menschenrechtspreis Unerschrockener Ankläger

Abel Barrera Hernández kämpft für Ureinwohner, die unter dem Drogenkrieg in Mexiko leiden - und bringt sein Land dafür auf die Anklagebank. Heute bekommt er in Berlin den Menschenrechtspreis von Amnesty International.

Von Inga Rahmsdorf

Vor neun Jahren wurde Valentina Rosendo Cantú von Soldaten in ihrem Dorf im Süden Mexikos vergewaltigt. Die Täter wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen. Das ist keine Ausnahme in Mexiko. Ungewöhnlich dagegen ist, dass es der Fall der jungen Frau bis vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte geschafft hat - und die Richter diese und andere Vergewaltigungen im vergangenen Jahr als Folter gegen die indigene Bevölkerung beurteilten. Sie verpflichteten Mexiko, die Verfahren von der Militärjustiz an zivile Gerichte zu übergeben und den Opfern Entschädigungen zu zahlen.

Ohne Abel Barrera Hernández wäre Cantús Vergewaltigung wohl eines von zahlreichen ungesühnten Verbrechen in Mexiko geblieben. Er hat den Fall von Valentina Rosendo Cantú vor Gericht gebracht. Erst vor ein mexikanisches und als das keinen Handlungsbedarf sah, vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in San José, Costa Rica.

Der 51-Jährige kämpft seit 17 Jahren gegen die willkürliche Gewalt durch das Militär und die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Dafür verleiht Amnesty International (AI) ihm an diesem Freitag in Berlin den mit 10.000 Euro dotierten Menschenrechtspreis.

Barrera leitet das Menschenrechtszentrum Tlachinollan, das er 1994 in dem südmexikanischen Bundestaat Guerrero gegründet hat. Mit seinen 25 Mitarbeitern dokumentiert, veröffentlicht und verfolgt er Menschenrechtsverletzungen. In der Region, die zu den ärmsten in Mexiko zählt, gehören Folter, Verschleppungen und Gewalt - oft auch durch Sicherheitsbeamte und Soldaten - zum Alltag. Untersuchungen durch eine unabhängige Justiz gibt es in der Regel nicht. Militär und Polizei gehen stattdessen auch gegen soziale Organisationen und Menschenrechtszentren vor.

Barrera hat vor zehn Jahren die erste Morddrohung erhalten, seitdem wurde er immer wieder bedroht. Er hat erlebt, wie Kollegen umgebracht wurden und Menschenrechtszentren schließen mussten. Es habe immer wieder Momente gegeben, in denen er sich gefragt habe, welches Risiko er eigentlich bereit sei einzugehen, sagt Barrera und blickt zu seiner Frau, die ihn auf der Reise nach Deutschland begleitet. "Ich bringe auch meine Familie in Gefahr."

Doch Barrera hat sich nicht einschüchtern lassen. Auch als er vor vier Jahren am Herzen erkrankte, entschied er weiterzumachen. Rational könne man das nicht erklären, sagt er. "Es ist eine Leidenschaft, eine Verpflichtung gegenüber der indigenen Bevölkerung und Mexiko."

Die Leidenschaft braucht man wohl auch, um in Mexiko für Menschenrechte zu kämpfen und sich dafür auch mit Militär und Polizei anzulegen. Korrupte Strukturen prägen Mexikos Staatssystem von den untersten kommunalen Behörden bis hinauf in die Insitutionen auf Bundesebene. Als Felipe Calderón 2006 das Amt des mexikanischen Präsidenten übernahm, versprach er, gegen Drogenhandel und Korruption zu kämpfen. Seitdem haben Gewalt und Korruption in Mexiko stark zugenommen. 35.000 Menschen sollen in den vergangenen fünf Jahren im Drogenkrieg gestorben sein.

Die zunehmende Militarisierung schützt Menschenrechtsaktivisten wie Barrera nicht, sondern erschwert ihre Arbeit zusätzlich. "Für uns, für Journalisten, soziale Aktivisten und für die indigene Bevölkerung ist es in den vergangenen Jahren immer gefährlicher geworden", sagt Barrera. "Wir sind alle Opfer eines Kriegs, den das mexikanische Volk gar nicht haben will und nie haben wollte." Besonders die arme, meist indigene Bevölkerung leidet unter der Willkür der Behörden und der fehlenden Rechtsstaatlichkeit. Hoffnung macht Barrera, dass immer mehr Studenten aus Mexiko-Stadt in den Bundesstaat Guerrero kommen und sich für die Arbeit des Menschenrechtszentrums interessieren.

Das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs ist ein wichtiger Schritt für Barrera, Rosendo und ihre Mitstreiter in Mexiko - auch wenn sich die mexikanische Regierung weiterhin weigert, die Vergewaltigungen als Verbrechen anzuerkennen und sie einem Zivilgericht zu übergeben.

Valentina Rosendo Cantú, die Barrea zu der Preisverleihung nach Berlin begleitet hat, hat immer noch Angst. Die 26-Jährige und ihre Tochter wurden mehrmals bedroht. In ihrem Dorf kann sie nicht mehr leben, jetzt lebt sie versteckt in einer mexikanischen Stadt.