Flüchtlinge Warum Afrikas Machthaber den Exodus nicht stoppen

Die Wüstenstadt Agadez in Niger ist ein wichtiges Drehkreuz auf der Flucht vieler Afrikaner Richtung Europa.

(Foto: REUTERS)

Trotz guter Wirtschaftszahlen verlassen Tausende Arbeitskräfte den Kontinent. Die Herrscher von Gabun bis Simbabwe lassen sie gewähren - aus eigenem Interesse.

Von Tobias Zick, Nairobi

Sie sitzen auf Bastmatten, unter surrenden Ventilatoren, und warten. Jemand von zu Hause muss ihnen Geld schicken, damit sie ihre Reise fortsetzen können, eine Reise, die eigentlich gerade erst begonnen hat. Doch sie hat schon deutlich mehr gekostet als geplant. Die drei jungen Männer sitzen im Busbahnhof von Niamey, der Hauptstadt von Niger; sie ist eine der Durchgangsstationen für einen Großteil der Migranten aus Westafrika auf ihrem Weg Richtung Libyen, Mittelmeer und Europa. Sie wollten eigentlich längst in Agadez sein, einer Stadt am Rand der Sahara, doch dann ging ihnen das Geld aus. Immer wieder mussten sie unterwegs zahlen, an Wegelagerer in Polizeiuniformen. An der Grenze zwischen Mali und Burkina Faso hieß es plötzlich, hier sei die Busfahrt zu Ende. Wieder mussten sie zahlen, rund 23 Euro pro Kopf, und weitere 40 Euro für ein Motorradtaxi samt der Schmiergelder, die der Fahrer entlang der weiteren Route hinblättern musste.

Das ist erst der Anfang. Rund 350 Euro hat jeden Einzelnen die Reise bis hierhin gekostet, und sie haben noch die Wüste und das Mittelmeer vor sich, viele weitere Schlepper, korrupte Polizisten und Soldaten. Sie wissen das alles, sie kennen die Fernsehbilder von den Schiffbrüchigen, aber das hält sie nicht auf. "Es ist Gottes Wille", sagt einer der drei, Ahmed Keita, 22 Jahre alt, gelernter Schweißer: "Jeder hat doch seine Bestimmung im Leben."

Das Land, aus dem jeden Monat 5000 Menschen fliehen

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Die drei Männer kommen aus Guinea, einem bitterarmen Land, das durch die jüngste Ebola-Epidemie zusätzlich erschüttert worden ist und dessen Erlöse aus dem Export von Eisenerz traditionell eine kleine Elite einstreicht. Guinea ist nur eines von zahlreichen Herkunftsländern, das die vielen jungen Männer hier in Niamey nennen: Senegal, Gambia, Nigeria, Mali, Burkina Faso - das sind sehr unterschiedliche Staaten, doch die Migranten haben vieles gemeinsam. Sie wissen, wie gefährlich die Reise nach Europa ist, doch sie nehmen das Risiko bewusst in Kauf. Sie sehen keine Zukunft für sich in ihren Heimatländern. Und sie gehören in der Regel nicht zu den Allerärmsten ihrer Gesellschaft, sondern sie haben Familien im Rücken, die viele Hundert Dollar zusammenkratzen konnten, für den Transport und die Schlepper. Für eine Investition in einen der Ihren, der ihnen dann hoffentlich von Europa aus jeden Monat Geld überweisen wird.

Der Exodus der jungen, intelligenten und arbeitsfähigen Menschen, die Tausenden Toten im Mittelmeer, zu all dem ist aus Afrikas Präsidentenpalästen vor allem eines zu vernehmen: Schweigen.

Warum also kehrt Afrikas Jugend ihrer Heimat den Rücken?

Das mag zunächst verwundern. Doch es erklärt sich nach und nach, wenn man sich auf die Suche nach den Ursachen für die massenhafte Auswanderung begibt. Entgegen allen Klischees ist Afrika nicht der hoffnungslose Kriegskontinent; die Zahl der Kriegstoten pro Jahr ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark zurückgegangen - trotz all der neu aufgeflammten Konflikte, zum Beispiel im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. Zudem glänzen viele Staaten mit Zahlen, die ein rasantes Wirtschaftswachstum bezeugen und Fachmagazine und Investmentberater zu Jubelarien über einen afrikanischen "Boom" verleiten. Glänzende Aussichten, könnte man meinen - warum also kehrt Afrikas Jugend ihrer Heimat den Rücken?

Weil das Wirtschaftswachstum, weil die Erlöse aus den Bodenschätzen des Kontinents nach wie vor nur einer kleinen Elite zugutekommen. Mehr als 50 Milliarden Euro verschwinden, vorsichtigen Schätzungen zufolge, jedes Jahr in Form von illegalen Finanzströmen aus Afrika. Korruption, Geldwäsche, Steuerflucht - die Summe all dessen übertrifft bei Weitem das, was jährlich an Entwicklungshilfe nach Afrika fließt. Und dass das so bleibt, dafür stehen autoritäre Regime wie etwa jenes des simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe, dessen Volk unter seiner Herrschaft zu fast einem Drittel abgewandert ist, hauptsächlich nach Südafrika. Der 91-jährige Mugabe ist derzeit im Nebenberuf Vorsitzender der Afrikanischen Union (AU), jener Organisation also, von der man erwarten könnte, dass dort in nächtelangen Krisensitzungen um Lösungen gerungen würde, um Mittel und Wege, den Exodus, den Auszug der Gebildeten, das Sterben in der Wüste und im Mittelmeer zu stoppen. Doch Mugabe schweigt zu dem Thema, so wie die meisten seiner Amtskollegen.