Afghanistan Rettet den Mittelstand

Ein Haus in Kabul, Ende Januar 2016. Zubair Zaheer (Zweiter v. rechts) und seine Familie. Ganz links seine Mutter, sein Baby, seine Frau. Sie alle werden bald denen aus der Familie folgen, die schon in Deutschland sind.

(Foto: Regina Schmeken)

Es sind nicht die Geschundenen in den umkämpften Provinzen, die jetzt aus Afghanistan nach Deutschland flüchten. Es sind die aus den Städten, die es sich leisten können. Wovor flüchten sie?

Von Stefan Klein

Es war die Lust am Singen, die einen Vater das Leben kostete und dessen Söhne nun nur noch an Flucht denken lässt. Möglich, dass das Verhängnis seinen Lauf auch genommen hätte, wenn Zubair Zaheer nicht Sänger geworden und weiter seiner Büroarbeit nachgegangen wäre. Schließlich hatte der Vater einen Beruf, der in Afghanistan dazu geeignet ist, Unheil heraufzubeschwören. Er stand als Polizist in einer unsicheren Provinz im Kampf gegen Taliban und Drogenhändler. Doch es war das Singen des Sohnes, das den Vater das Leben kostete.

Es gibt viele gut aussehende Afghanen, Zubair Zaheer, 23, ist einer davon. Man könnte ihn einen Mädchenschwarm nennen, wenn man sieht, wie er in einem Musikvideo seinen Song zum Besten gibt, dazu eine Schöne mit Geige und wehendem Kleid, Text: "Es macht mich ganz verrückt, in dein schönes Gesicht zu blicken." In westlichen Ohren klingt das wie eine gewöhnliche Schnulze, aber afghanische Teenies hören anders, vor allem solche, die sich für Castingshows im Fernsehen interessieren. Nicht nur Deutschland sucht den Superstar. Afghanistan tut das auch. Dort heißt die Sendung "Afghan Star."

Man sitzt bei Zubair Zaheer zu Hause auf dem Boden, das ist die Landessitte. Teppich, Matratze, Schneidersitz. Ernsthaft ist der junge Mann, vielleicht ist es seine Art, vielleicht sind es die Schuldgefühle, die nachwirken, vielleicht ist es der bevorstehende Bruch in seinem Leben. Ein Bruder, der ältere, ist schon weg, eine lange, schwierige Reise hat kürzlich ihr glückliches Ende in Deutschland gefunden, Fotos von der neuen Heimat sind gerade eingetroffen auf Zaheers Smartphone. Zaheer wird bald nachkommen, mit seiner Frau, seiner Babytochter, seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter. Die Familie ist groß, und es wollen nun immer mehr nach Deutschland.

In Deutschland ist es nur eine TV-Show auf RTL. In Afghanistan ist es eine tödliche Glaubensfrage

Zubair Zaheer hatte diesen Ehrgeiz. Bei "Afghan Star" gewinnen und tatsächlich ein Star sein. Ein berühmter Sänger. CDs, Konzerte, eine große Fangemeinde, was man sich so erträumt, er hat auch eine gute Stimme. Und Ausstrahlung. Aber mit der Musik ist das so eine Sache in Afghanistan. Es sind nicht nur die Taliban. Für konservative fromme Afghanen ist Musik gleich Tanz, und Tanz ist nahe an Prostitution. Musik weckt sexuelle Begierden, so sagen sie, und also ist Musik unislamisch. Zaheer ist gläubiger Muslim, seine ganze Familie ist es, sein Vater war es, aber er war auch ein liberaler Mensch, und als die erste Warnung kam, da schlug er sie in den Wind. Er solle, so hatten ihm die Taliban übers Telefon mitgeteilt, seinem Sohn verbieten, an diesem Gesangswettbewerb im Fernsehen teilzunehmen, es sei gegen den Islam, gegen die Scharia.

Den Vater beeindruckte das nicht, auch nicht die folgenden Drohungen. Mein Sohn ist erwachsen, er trifft seine eigenen Entscheidungen, soll er gesagt haben, und offenbar waren es Entscheidungen, mit denen er einverstanden war. Jedenfalls hängte er Bilder von seinem Sohn auf und warb für ihn. Vielleicht wusste er nicht, wie riskant das war. Teilnehmer an afghanischen Castingshows waren schon oft bedroht, einer gar angeschossen worden.

Dass Zaheer unter tausend Teilnehmern am Ende Sechster wurde, dass er vor Enttäuschung weinte, als er ausschied - alles nicht mehr wichtig, als man den Vater fand. Er war mit drei anderen Polizisten unterwegs gewesen im Distrikt Chimtal in der nördlichen Provinz Balkh, als sie überfallen wurden. Es kam zu einer Schießerei, drei Polizisten wurden getötet, Zaheers Vater aber fassten die Taliban lebend. Man kann hier nicht im Einzelnen schildern, wie sie ihn dann töteten, dazu war es zu grausam. Am Ende war da eine schrecklich zugerichtete Leiche, bei der man einen handgeschriebenen Brief der Mörder fand. Darin stand: "Jeder, der unsere Befehle nicht befolgt, muss sich auf dasselbe Schicksal gefasst machen."

Zubair Zaheer, der Sohn, wusste: Das war auch eine Botschaft an ihn.

Man denkt manchmal, was treibt eigentlich alle diese Afghanen nach Deutschland? Ist es wirklich so schlimm in Afghanistan? Oder ist es doch mehr die Sehnsucht nach dem schönen Leben? Klar, diese Anschläge, diese Bomben, aber gibt es nicht doch noch Ecken, in denen man in Frieden leben kann?

Afghanistan hat das blutigste Jahr seit Langem hinter sich. Am Sonntag teilten die UN mit, die Zahl der durch Anschläge getöteten Zivilisten habe 2015 einen neuen Höchststand erreicht: es waren im vergangenen Jahr 3545 Tote, und mehr als dreimal so viele Verletzte. Die Menschen leben in Angst und bewaffnen sich. So groß ist die Nachfrage nach Kalaschnikows, dass sich ihr Preis fast verzehnfacht hat. Aber was ist mit den großen Städten? Ist nicht wenigstens in Kabul, Herat, Masar-i-Scharif normales Leben möglich? Es gibt viele, die so fragen, auch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière fragt so, und die Antwort ist in den Fragen meist schon inbegriffen. Tatsache ist: Alleine in der Hauptstadt Kabul hat es vergangenes Jahr 26 Selbstmordanschläge gegeben mit Hunderten toten Zivilisten.

Ahmad Saaedi haben sie in den Kopf geschossen, einmal, zweimal, "hier, wollen Sie fühlen?" Saeedi nimmt die Hand des Besuchers und drückt sie an seine rechte Schläfe, "fühlen Sie die Kugel?" Eine haben sie ihm herausoperiert, aber an die zweite, die an der Schläfe, sagen die Ärzte, kommen sie nicht heran, zu gefährlich. Saeedi kam mit dem Auto von der Kabuler Universität, er wollte seine Frau beim Zahnarzt abholen, da kamen die beiden Männer auf Motorrädern heran. Die Pistole, mit der geschossen wurde, das weiß Saeedi noch, hat kein Geräusch gemacht. Drei Monate ist das her, und vor fünf Jahren haben sie schon mal auf ihn geschossen. Jetzt krempelt Saeedi ein Hosenbein hoch. Keine Aussage ohne Beweis.

Ahmad Saeedi, 60: Politologe, ExDiplomat, Buchautor, Regierungskritiker, Whistleblower. Eine laute Stimme in der neu erblühenden afghanischen Zivilgesellschaft. Er prangert Korruption an, er sagt, Demokratie sei in Afghanistan nur eine Fassade. Er weiß nicht, wer auf ihn geschossen hat und in wessen Auftrag. Er lebt jetzt in seiner Wohnung im Norden von Kabul wie unter Hausarrest. Seine Meinung ist mehr denn je gefragt. Gerade kommt ein Fernsehteam, Saeedi wechselt vom Sofa auf einen Sessel und greift zum Mikrofon. Was er von den sich möglicherweise anbahnenden Friedensgesprächen halte, will der Fernsehmann wissen. Nichts, sagt Saeedi. Er sieht hinter den Taliban die Pakistaner, und denen sei nicht zu trauen.

Als man den Politologen nach dem Gespräch verlassen will, klingelt dessen Handy: eine Todesdrohung

Zurück auf dem Sofa sagt Saeedi, am schlimmsten sei für ihn, dass er seine Kinder nicht mehr um sich habe. Sie haben hier in dieser Wohnung im Norden von Kabul alle zusammengewohnt, Vater, Mutter, zwei Söhne, eine Tochter, nur Leena nicht, die lebt in der Schweiz in der Nähe von Basel, "wollen Sie mit ihr sprechen?" Saeedi tippt die Nummer in sein Handy. Dann reicht er dem Besucher sein Telefon. Eine Stimme im reinsten Schweizerdeutsch. Ja, sagt die Stimme, sie mache sich große Sorgen um ihre Familie daheim, sie müssten schnellstmöglich raus aus dem Land, sie seien dort nicht sicher. Der Vater greift zu den Walnüssen vor ihm auf dem Tisch, kauen gegen die Tränen, die ihm in die Augen steigen. Keines der Kinder mehr da, er hat sie woanders unterbringen müssen, Sicherheitsgründe.

Noch ein Fernsehteam. Saeedi wischt sich die Tränen ab, wechselt vom Sofa auf den Sessel, greift zum Mikrofon, spricht die gleichen Sätze wie eben, wechselt zurück aufs Sofa. Er selber, sagt er, wolle nicht weg aus Afghanistan, aber seine Kinder müssten dringend weg - "sie leiden doch wegen mir." Wieder weint Ahmad Saeedi, er will seine Kinder um sich haben, und er will sie in Sicherheit wissen, aber er weiß, beides geht nicht. Er hätte gerne ein Visum für sie, ein deutsches, ein anderes, egal, aber ein ordentliches Visum sollte es sein, denn Schleusern will er seine Kinder auf keinen Fall anvertrauen. Nichts Illegales, das sei er seinem Ruf als Whistleblower schuldig. Er ist ein stolzer Mann.

Beim Verabschieden klingelt Saeedis Handy. Er nimmt das Gespräch an und bleibt starr an der Wohnzimmertür stehen. Dann hält er das Telefon ein Stück weg vom Ohr und nickt dem Dolmetscher wortlos zu, er solle mithören. Der Dolmetscher hört und schreibt mit. Es ist ein Abdullah, der anruft. Er fragt, wieso Saaedi sich für Redefreiheit und Demokratie einsetze. Ob er nicht wisse, dass Demokratie das Gesetz der Ungläubigen sei. Saaedi fragt zurück, welcher Organisation er, Abdullah, angehöre, und Abdullah sagt, er rufe im Namen des "Islamischen Staates" an, er habe ihm mitzuteilen, dass man ihn töten werde, inshallah (so Gott will). Dann kommt ein drittes Fernsehteam.

Die Taliban, gespalten in mindestens zwei Fraktionen, dann der sogenannte Islamische Staat, dazu andere militante Gruppen: Afghanistan ist, ähnlich wie Syrien, ein Tummelplatz für fanatische Islamisten geworden, aber der Zivilbevölkerung kann es egal sein, wer die Bombe zündet, für sie sind die Auswirkungen immer gleich schlimm. So wie sie es auch für den Sänger Zaheer waren, als er mit dem Auto in Kabul unterwegs war und sich in der Nähe ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Die Druckwelle schleuderte ihn nach vorne gegen die zerberstende Windschutzscheibe, er kam mit Nasenbluten davon, doch es war ein Schock, wieder einer. Zweimal davor war er bereits knapp Selbstmordanschlägen in Kabul entkommen.

Sie haben sich nicht gegen ihn gerichtet, sein Platz in der Bilanz wäre der Kollateralschaden gewesen. Aber da sind andere beunruhigende Vorkommnisse, und Zaheer stellt sich Fragen. Warum wird ein enger Freund von ihm auf der Straße zwischen Kabul und Masar-i-Scharif ermordet? Warum erhält die Bank, in der er arbeitet, einen Drohbrief der Taliban? Alles Zufälle oder hat es eben doch mit ihm zu tun, dem Sechstbesten von "Afghan Star"? Er bekommt Drohanrufe, sie haben ihn dazu gezwungen, immer wieder die Wohnung, das Auto und die Telefonnummer zu wechseln. Aber bald soll Schluss sein. Zaheer kann nicht mehr. Er plant seine Flucht nach Deutschland, und andere in der Familie planen mit.

Will er nicht sein Land vor dem Terror beschützen? Doch. Aber er hat auch eine Frau

Zaheers Cousin, Zaheers Schwager, der Schwager vom Schwager, fast alle haben gute Gründe, um Leib und Leben zu fürchten. Es ist wahr, es gibt gefälschte Drohbriefe der Taliban zu kaufen, nicht billig, sie sollen die Ausländerbehörden in Europa von ihrer Schutzbedürftigkeit überzeugen. Aber dieses Schreiben scheint echt zu sein. Es stammt vom Geheimdienst NDS, und es informiert den Empfänger, den Militärstaatsanwalt Mohamed Akbar Daftani aus der Provinz Ghazni, dass einige Terroristen aus einem Gefängnis seiner Region entwichen seien und nun den Plan hätten, entweder Daftani selber oder aber seine Söhne zu entführen.

Das ist eine schlimme Nachricht, wenn man fünf Söhne hat, darunter vier minderjährige, und am liebsten würde der Militärstaatsanwalt alle seine Söhne sofort außer Landes schaffen, denn er kennt sich aus mit Drohungen. Einmal haben die Taliban ihm eine Granate ins Haus geworfen, die Wunde an der Hüfte ist verheilt, aber nicht vergessen. Er wird einen Sohn nach dem anderen schicken, und der Erste soll Hamid Akbari sein. Er ist der Schwager von Zaheers Schwager.

Vielleicht ist es der Fluch der Familie, dass von den Männern einige für die Sicherheitskräfte arbeiten. Oder gearbeitet haben. Zaheers Schwager Nasratullah Jalali, 21, ist einer von ihnen. Eigentlich wollte er Wirtschaft studieren, aber dann hat das Geld nicht gereicht, und er ging zur Armee. Sechs Monate Ausbildung, dann schickte man ihn in eine Unruheprovinz im Osten des Landes. Die einzige Straßenverbindung von dort nach Kabul ist, wie die meisten anderen Überlandstraßen in Afghanistan, im vergangenen Jahr immer unsicherer geworden. Kameraden aus Jalalis Bataillon sind dort umgekommen, dann kam der Tag, der auch für Jalali der letzte hätte sein können.

Er war auf dem Weg von Kabul zurück zu seiner Basis, als das Taxi von acht maskierten, schwer bewaffneten Männern gestoppt wurde, vermutlich Kämpfern der Taliban. Jalali trug Zivilkleidung, seinen Armeeausweis hatte er dem Fahrer gegeben, der hatte ihn irgendwo im Auto versteckt. Das war Routine. Jalali wusste, dass im Falle eines solchen Überfalls jeder Hinweis auf seine Zugehörigkeit zur kämpfenden Truppe tödlich sein würde. Wo er hinwolle, fragten die Männer. Zur Hochzeit meiner Schwester, log Jalai. Die Männer durchsuchten ihn von Kopf bis Fuß, manchmal werden Uniform- und Waffenträger von Schürfstellen auf der Haut verraten, aber sie fanden nichts und ließen Jalali weiterfahren.

Gerade noch mal davongekommen, aber ein zweites Mal wollte sich Jalali, der gerade geheiratet hatte, dieser Situation nicht aussetzen. Er verließ die Armee und wog seine Optionen. Er war jetzt ohne Job, in seiner Nachbarschaft war gerade ein Richter vom Motorrad heruntergeschossen worden, seine junge Frau, eine Medizinstudentin, hatte aus Sorge um ihre Sicherheit ihr Studium geschmissen. In seinen Heimatdistrikt konnte er nicht mehr zurück, denn da waren Kämpfer des alten Warlords Gulbuddin Hekmatyar aktiv, und die hatten es auf ihn, den "amerikanischen Sklaven," abgesehen. So schmähten sie ihn wegen seiner Zeit in der Armee. Letzter Ausweg: Flucht.

Aber war er, Jalali, nicht angetreten, als Soldat Land und Leute zu beschützen und gegen eine neue Terrorherrschaft zu verteidigen? Keine Scham, kein schlechtes Gewissen? Doch, sagt Jalali, aber er fühle sich auch verantwortlich für seine Frau, und das habe den Ausschlag gegeben.

Eine große Gruppe also, die sich da gerade formiert für die lange Flucht nach Deutschland. Es ist der afghanische Mittelstand. Es sind nicht die Geschundenen und Geplagten aus den umkämpften Provinzen, die wüssten gar nicht, wie sie den Weg nach Europa finden und erst recht nicht, wie sie die Reise finanzieren sollten. Flüchten können sie nur in das nächste Nachbarland. Aber auch für Stadtmenschen wie Zaheer ist es schwierig.

Mehrmals hat er bei der deutschen Botschaft in Kabul ein Visum für sich und seine Familie beantragt, stets vergeblich. Längst hat er, anders als Saeedi, der Mann mit der Kugel im Kopf, die Hoffnung auf einen legalen Zugang zum gelobten Land aufgegeben. So bleibt nur die lange Route über Iran, die auch Zaheers Bruder, seine Frau und seine drei kleinen Kinder genommen haben. Zweimal mussten sie zwischen der Türkei und Griechenland als Schiffbrüchige aus dem Wasser gezogen werden, dann kam der Balkan, und irgendwann waren sie in Deutschland.

Klar hat Zaheer mit seinem Bruder telefoniert und gefragt, wie es ihm geht im fernen Land. Die Antwort war nicht überschwänglich, aber es war nichts dabei, was Zaheer veranlasst hätte, seine Reisepläne umzuwerfen. Die Familie hat ein Haus in Masar-i-Scharif, das verkaufen sie jetzt, damit sie den Schleuser bezahlen können. Es ist ein Afghane, der in Iran lebt und auch schon Zaheers Bruder geschleust hat. Die Heimat verlassen. Hart, sagt Jalali. Er sagt aber auch: "Ich habe keine Wahl." Neu anfangen. Vielleicht angefeindet, vielleicht zurückgewiesen werden.

Man wüsste gerne, wie die Frauen zur Flucht stehen. Aber sie dürfen nicht reden

Zaheer sitzt mit durchgedrücktem Kreuz auf dem Teppich, gerade, neben ihm sein jüngerer Bruder Ahmad Reshad und sein Cousin Habibullah, beide fünfzehn Jahre alt. Sie tippen auf einem Smartphone herum, flüsternd, kichernd, nicht mehr Kinder, noch nicht erwachsen, bald Weltreisende. Beide wollen mit nach Deutschland, und sie haben auch schon angefangen, Deutsch zu lernen. "Gut Nacht," wird Ahmad Reshad später beim Abschied sagen.

Man wüsste gerne, was die Frauen sagen. Wie sie zur Flucht stehen und zum Neuanfang in einem fremden Land. Aber solche Gespräche führen in Afghanistan die Männer; die Frauen kommen nur einmal dazu, für das Gruppenfoto. So bleibt es einem Mann, Zaheer, vorbehalten, die Chancen auf Asyl in Deutschland einzuschätzen. Er sagt: "Mein Vater wurde umgebracht, mein Freund wurde umgebracht, mich bedroht man, sollten wir damit nicht ein Recht auf Asyl haben?"

Zaheer will endlich in Sicherheit leben, er will es vor allem auch für seine sieben Monate alte Tochter, er glaubt, dass dafür Deutschland der richtige Platz ist. Es sind viele, die so denken. In den ersten drei Wochen dieses Jahres sind in Deutschland jeden Tag tausend Afghanen angekommen. Deutsche und Afghanen, sagt Zaheer, hätten doch gerade erst hundert Jahre Freundschaft gefeiert. "Du wirst dich hier wieder als Mensch fühlen," hat ihm ein Afghane gesagt, der in Hamburg lebt. Vorher ist die Flucht zu überstehen.

Zaheer weiß um das Risiko, und er sagt: "Lieber ertrinke ich im Meer als so umzukommen wie mein Vater."