Adolf Eichmann und der BND Beide Augen zu

Bis der israelische Geheimdienst Adolf Eichmann 1960 aufspürte, wusste angeblich auch der BND nicht, wo sich der NS-Verbrecher aufhielt. Doch Eichmanns Deckname war dem Nachrichtendienst bekannt - und mit dem stand er im Telefonbuch.

Von Willi Winkler

Fünf Jahre konnte sich Adolf Eichmann in Deutschland verstecken. Unter dem Namen "Otto Heninger'' arbeitete er bei einem Forstamt am Rand der Lüneburger Heide und gab sich alle Mühe, dass nichts mehr an den "Herrenmenschen'' erinnerte, der die "Endlösung der Judenfrage'' organisiert hatte. Beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg wurde sein Name genannt, er hatte einigen Grund, seine Festnahme zu fürchten.

Bis ihn Agenten des israelischen Geheimdienstes 1960 in Buenos Aires aufspürten, wusste angeblich niemand, wo sich der ehemalige SS-Obersturmbannführer aufhielt. Einmal galt er als tot, Opfer einer jüdischen Racheaktion, dann wieder war er irgendwo im Nahen Osten verschollen, diente in Syrien oder Ägypten irgendwelchen finsteren Mächten. Auch beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach tat man überrascht, als der israelische Ministerpräsident Eichmanns Festnahme bekanntgab.

Inzwischen sind mehrere Klagen anhängig, mit denen die Freigabe der Akten zu Adolf Eichmann erzwungen werden soll. Am vergangenen Samstag konnte Bild immerhin das Faksimile einer Karteikarte zu "Eichmann (Aichmann), Adolf, z. Zt. Damaskus" veröffentlichen, die die bisher so stramm behauptete Ahnungslosigkeit Lügen straft. Diese Karte, die bei der Organisation Gehlen (ORG) geführt wurde, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, wird am 24. Juni 1952 um folgenden Eintrag ergänzt: "Standartenführer EICHMANN befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen CLEMENS in Argentinien auf.'' Zwar hatte es Eichmann nie bis zum Standartenführer gebracht, doch der Gesuchte war tatsächlich in Argentinien untergetaucht, wohin er 1950 mit einem auf "Ricardo Klement'' lautenden Rot-Kreuz-Pass gelangt war.

Dieser Klement arbeitete in den ersten Jahren bei der Auffang-Organisation Capri in der Provinz Tucumán. Er war aber damit keineswegs in den Weiten der Pampa verschwunden. Die Karteikarte macht Angaben, die auch den unfähigsten Mitarbeiter Reinhard Gehlens nicht überfordert hätten: "Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien 'Der Weg' bekannt.''

Um diese Zeitschrift sammelte sich in Buenos Aires ein ständiger Heimatabend von alten Kameraden. Hier begegnete Eichmann auch dem ehemaligen SS-Untersturmführer Willem Sassen, der in Holland als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Gemeinsam arbeiteten sie an einem Buch, durch das einer der effektivsten Exekutoren ausführlich widerlegen sollte, dass es überhaupt zu einer systematischen Ausrottung der Juden gekommen war. Als Kriegsberichterstatter hatte Sassen einen Offizier namens Henri Nannen kennengelernt, der inzwischen zum Chefredakteur des Stern aufgestiegen war. Deshalb konnte Sassen dort das Loblied des Nazi-Fliegerhelden Hans-Ulrich Rudel singen.

Fehlender politischer Wille

Gehlens Truppe verfügte über vielfältige Kontakte in diese Altnazi-Szene am Rio de la Plata. Fritz Otto Ehlert, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen, berichtete ebenso nach Pullach wie Frederico Müller-Ludwig, der Herausgeber des Freien Worts, einem Organ, in dem der 1945 untergegangenen Zeit heftig nachgetrauert wurde. Wilfred von Oven, Presse-Adjutant bei Joseph Goebbels, begann 1952 ein neues Leben als Chefredakteur dieser Zeitschrift und wusste zu berichten, dass Gehlen das Freie Wort nicht bloß finanziell unterstützte, sondern einmal sogar eine Druckmaschine schickte.

Das erfolgreichste, auch das aggressivste Organ dieser Szene aber war "Der Weg'', das der ehemalige HJ-Landesführer Eberhard Fritsch als "Hauptschriftleiter'' betreute. Die "Monatshefte zur Kulturpflege und zum Aufbau'' (Untertitel) gaben sich ein Motto von Johann Gottfried Herder und ermunterten dazu, "mit mutigen, fröhlichen Herzen auch mitten unter der Wolke (zu) arbeiten, denn wir arbeiten zu einer großen Zukunft''. Die Wolke war die Gegenwart, die Zukunft war eher die Vergangenheit, dort war Amerika "vernegert'', war Thomas Mann ein "Vaterlandsverräter'' und der "Kommunismus eine jüdische Verschwörung zur Erringung der Weltherrschaft''.

In diesem Milieu hätte sich der Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, ohne weiteres ausfindig machen lassen. Es fehlte jedoch, anders ist es nicht zu erklären, am politischen Willen. Die Recherche in der deutschen Gemeinde in Buenos Aires hätte sich für den westdeutschen Geheimdienst sogar noch abkürzen lassen: Seit 1952 stand Eichmann als Ricardo Clement im Telefonbuch von Buenos Aires.

Holocaust-Organisator Adolf Eichmann

mehr...