Zwangsprostitution in Argentinien Gericht spricht mutmaßliche Menschenhändler frei

Zwangsprostitution ist in Argentinien eine Industrie. Nun gab es erstmals einen Prozess gegen 13 Beschuldigte - alle wurden freigesprochen. Die Mutter eines vor zehn Jahren verschleppten Mädchens will weiter gegen Zuhälter kämpfen, mit Unterstützung der argentinischen Präsidentin.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Niemand außer den Tätern weiß, wo ihre Tochter ist. In welchem Land, an welchem Ort, in welchem Bordell. Ob María de los Ángeles Verón überhaupt noch lebt, zehn Jahre nach ihrer Entführung. Ihre Mutter Susana Trimarco glaubt es, sie hofft es, und sie war wie die meisten Argentinier guter Dinge, dass dieser heiße Dienstag ein wenig Gerechtigkeit bringen würde. 13 Angeklagte saßen wegen mutmaßlichen Menschenhandels vor dem Strafgericht der nordargentinischen Stadt Tucumán, für den Abend war das Urteil angekündigt. Die Sender der Nation schalteten live nach Tucumán, es war ja ein Präzedenzfall. Nach zehn Monaten Verhandlungen mit 100 Zeugen würden sieben Männer und sechs Frauen zwischen zwölf und 26 Jahren ins Gefängnis müssen. Das jedenfalls hatten die Ankläger gefordert und erwartet. Es schien ein angemessenes Strafmaß für diese Verbrechen zu sein.

Die Causa Verón steht stellvertretend für alle verschwundenen und versklavten Frauen und Mädchen Argentiniens. Der Einsatz von Mutter Susana Trimarco war zum Zentrum der Ermittlungen gegen sexuelle Ausbeutung geworden, gegen dieses Monster nach Art des Drogenhandels. Obwohl sich die Beschuldigten für unschuldig erklärten und behaupteten, nichts von Marita Verón und anderen zu wissen. "Ich habe Hoffnung, dass die Justiz heute ihre Arbeit macht", sagte Susana Trimarco. Doch dann verzögerte sich das so sehnlich erwartete Urteil um Stunden. Schließlich, Argentinien hielt den Atem an, wurde der Beschluss der Richter verlesen: Freispruch. Für alle.

Die 13 Beschuldigten fielen sich weinend und grölend in die Arme. Bordellbesitzer, ihre Angehörigen und ehemalige Polizisten, eine unheimliche Riege. Dabei lagen gegen Leute wie den gedrungenen Fernando alias "Chenga" Gómez so viele belastende Aussagen vor, dass sie einer Haftstrafe kaum entgehen konnten. Aber das Gericht hielt die Erkenntnisse für unzureichend. Die Begründung des Urteils will es in den nächsten Tagen veröffentlichen. Susana Trimarco, 58, und mit ihr fast das ganze Land, inklusive sämtlicher Medien, konnten es nicht fassen. "Korruption, eine Schande", sagte die Mutter und sprach der Republik aus der Seele. Bei keinem anderen Thema ist sich das sonst so zerstrittene Argentinien so einig.

Begonnen hatte Susana Trimarcos Kampf am 3. April 2002. Damals kam die seinerzeit 23-jährige Marita Verón von einem Arzttermin nicht zurück, obwohl zuhause ihre kleine Tochter wartete. Laut Beobachtern wurde sie in ein Auto gezerrt und verschleppt, offenbar von einem Mafiaring für Zwangsprostitution. Spuren führten in den Bundesstaat La Rioja, zu schummrigen Etablissements namens "Candy" oder "El Dasafío", die Herausforderung. Es gab Verbindungen bis nach Buenos Aires, Feuerland, Spanien. Viele wollten sie gesehen haben. Niemand fand sie.

Susana Trimarcos Klagen trafen auf taube Ohren der Behörden. Gemeinsam mit ihrem 2010 verstorbenen Mann Daniel Verón und einem befreundeten Polizisten recherchierte die Mutter selbst. Sie verkleidete sich als Zuhälterin und durchforstete Rotlichtschuppen. Sie entdeckte Minderjährige, geschlagen, vergewaltigt, mit Rauschgift vollgepumpt wie vermutlich auch ihre Marita. "Jede hatte ihren Preis", berichtete sie der BBC. "Alle hatten verängstige Gesichter. Es gab 14-Jährige. Wenn du sie ansahst, dann ließen sie die Köpfe sinken und bedeckten ihre Körper mit ein bisschen Kleidung."

Ihr Mut rettete in den zurückliegenden zehn Jahren mehr als 400 junge Frauen. Susana Trimarco wurde zur öffentlichen Figur, zur Mutter Courage. Sie gründete eine Stiftung, in der Opfer betreut werden. Auf ihre Initiative hin erließ das Parlament ein Gesetz gegen diese Sklavenindustrie. Susana Trimarco bekam Preise. Doch ihre Tochter sucht sie noch immer.

In einem der Bordelle sagte das Ehepaar Trimarco/Verón: "Wer gegen seinen Willen hier ist, der soll mit uns kommen." Ein Mädchen lief ihnen in die Arme. Sie heißt Anahi, begann mit Hilfe der Stiftung María de los Ángeles ein neues Leben und wurde eine Schlüsselzeugin. Dem Hauptverdächtigen Gómez wurde von mehreren Zeugen vorgeworfen, Marita Verón missbraucht und geschwängert zu haben. Nur die Richter wollten nichts davon wissen.

Nach dem Skandalurteil bekam Susana Trimarco einen Anruf von Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. "Susana, ich weiß nicht, wie du das aushältst. Zähle auf mich. Ich kann nicht glauben, was sie gemacht haben." Susana Trimarco vergoss in Fernsehinterviews keine Träne. "Ich bin eine kalte Person", sagte sie, "man hat mich dazu gemacht. Ich werde nicht ruhen, bis ich meine Tochter gefunden habe und diese Typen verurteilt sind. Ich bin stärker denn je."