Kriminalfall Tanja Gräff Tod am Roten Felsen

Hinter diesem Wohnhaus in Trier wurden die Überreste von Tanja Gräff gefunden.

(Foto: dpa)

Nach acht Jahren wird die Leiche der verschwundenen Studentin Tanja Gräff in Trier entdeckt. Jetzt wird einer der rätselhaftesten deutschen Kriminalfälle noch einmal von vorne aufgerollt.

Von Martin Schneider

Die Leiche liegt nur ein paar Meter entfernt. Ein paar Meter vom Tatort weg, ein paar Meter von der Straße weg, ein paar Meter von einem großen Apartment-Haus weg. Ganz nah. Acht Jahre lang haben sehr viele Menschen nach Tanja Gräff gesucht. Nur dort nicht. Acht Jahre lang war die 21-jährige Studentin verschwunden. Spurlos. Es gab keinen Tatort, keine Spuren, nichts. Bis Arbeiter am Montagmorgen um 8.50 Uhr Hecken und Sträucher wegschneiden und einen Schädel finden. Wo Tanja Gräff ist, weiß man nun. Aber das macht diesen Fall kaum weniger rätselhaft.

Tanjas Mutter

Zwei Monate zuvor. Es ist ein grauer Tag in Korlingen, dem Heimatdorf von Tanja Gräff, 13 Autominuten von Trier entfernt. Ein großes Familienhaus, in dem jetzt nur noch eine Person wohnt. Der Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Bis zu seinem Tod hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, seine Tochter irgendwann wiederzusehen. Vor der Tür liegt ein Stein, Tanja Gräffs Name ist eingraviert. "Kommen Sie rein", sagt Waltraud Gräff, Tanjas Mutter.

Im Wohnzimmer sitzt sie zusammen mit ihrem Anwalt Detlef Böhm auf einer großen, schwarzen Ledercouch. An der Wand hängt ein Bild von Tanja. Das gleiche Porträt, mit dem auch die Polizei nach der jungen Frau suchte. Sie wollen über den Fall sprechen, über die Fakten. Das ist ihnen sehr wichtig.

Es gab schon so viele Texte und Beiträge über Waltraud Gräff, in denen man sich nur dafür interessierte, wie sie als Mutter leidet. Das lässt sie nicht mehr zu. Sie ist hart geworden in all den Jahren.

"Die Mutter hat gespürt, dass sie tot ist"

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Was war passiert?

Um den Fall zu verstehen, muss man zurück zum 7. Juni 2007. Waltraud Gräff fährt am frühen Abend Tanja nach Trier. Die Studentin will zum Sommerfest der FH, ein großes Event, 10 000 junge Menschen feiern auf den Parkplätzen rund um die Hochschule. Die Mutter fährt ihre Tochter zunächst zu Andreas (Name geändert) und seinen Freunden. Tanja kennt Andreas erst seit ein paar Wochen. Die beiden sind befreundet, und Tanja schwärmt für ihn.

Mit diesem Foto fahndete die Polizei nach Tanja Gräff.

(Foto: Polizei Trier/dpa)

Die Clique geht später zum Sommerfest und verliert sich irgendwann aus den Augen. Um ungefähr 3.50 Uhr ist Tanja mit dem letzten Begleiter aus der Clique auf dem Fest unterwegs, als sie neben einer unbekannten Person an einem Bierstand stehen bleibt. Dieser unbekannte Mann, erklärt der Begleiter später, habe ihn harsch mit den Worten "Lass die Tanja in Ruhe" angefahren. Da Tanja den Unbekannten zu kennen scheint, sei er weitergegangen.

Tanja Gräff bleibt bei dem Unbekannten. Um vier Uhr morgens wird sie von einem anderen Zeugen, der Tanja persönlich kennt, beobachtet, wie sie bei einer Gruppe von Männern steht und mit Andreas telefoniert. Andreas ist mittlerweile in der Trierer Innenstadt unterwegs, Tanja möchte zu ihm. Um 4.13 Uhr telefoniert sie wieder mit Andreas. Ihr letztes Lebenszeichen.

Der Leichenfund

Rechtsanwalt Detlef Böhm sagt, der Fund sei auf eine gewisse Art eine "Erleichterung" für Tanjas Mutter. Endlich Gewissheit. Aber was für eine Gewissheit? Es bleiben nämlich Fragen. Die bedrückendste ist: Warum hat man Tanjas Leiche nicht früher gefunden? "Die Nähe des Fundortes bestürzt uns", sagt Böhm. "Man muss sich schon fragen, wie bei der Suche vorgegangen worden ist. Es hieß ja immer, man habe jeden Stein umgedreht."

Tatsächlich ist der Fundort merkwürdig. Er liegt nur wenige Hundert Meter von der Fachhochschule entfernt, direkt neben einem Wohnhaus. Genau dieses Gelände aber wurde mehrfach abgesucht, auch mit Kletterern, einem Hubschrauber und einer Drohne. Es sind steile Hänge und Klippen, die "roten Felsen" aus Sandstein, die zur Mosel abfallen. Außerdem ist das Gebiet dicht bewachsen.

Das Dickicht, sagt Chefermittler Christian Soulier auf der eilig einberufenen Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag, sei der Hauptgrund gewesen, warum man die Leiche nicht gesehen habe. "Die Felsen sind drei Kilometer lang und extrem schwer zugänglich", sagt Soulier. Vom Wohnhaus her war der Ort unter anderem durch eine Brombeerhecke verdeckt und zu Fuß nicht zu erreichen. Erst durch die Rodungsarbeiten sei das möglich gewesen. Die Polizei setzte schon früh Leichenspürhunde und sogenannte Man-Trailer-Hunde ein. Das sind speziell ausgebildete Tiere, die auch noch die geringsten Geruchsspuren verwerten können.

Die Polizei geht davon aus, dass Tanja den Felsen herabstürzte. Ob es ein Unfall war, sagt Ermittler Soulier, das wisse man noch nicht. Allerdings war die Absturzstelle schon 2007 mit einem 1,20 Meter hohen Zaun gesichert. Ist Tanja über diesen Zaun geklettert? Um zu Andreas in die Stadt zu kommen? Höchst unwahrscheinlich. Von dort führt kein Weg in die Stadt. Und Tanja kannte das gefährliche Gelände sehr gut.

Der Fall Tanja Gräff.

Der Spitzbart

Rückblende. In ihrem Wohnzimmer sagt Waltraud Gräff, 58, dass sie das Vertrauen in die Trierer Polizei verloren habe. Es ist Ende Februar. Kurz zuvor hat ihr Anwalt Detlef Böhm erstmals Akteneinsicht in dem Fall erhalten: "Es hieß schon früh von der Polizei, dass der Unbekannte, also die Person, die 'Lass Tanja in Ruhe' gesagt hat, der Schlüssel sein könnte", sagt Böhm. Doch bis heute ist dieser Mann nicht identifiziert. Was unter anderem an der Beschreibung liegt: Er soll dunkle Haare gehabt haben, 1,80 Meter groß gewesen sein. Mehr weiß man nicht.

Was Böhm fast noch mehr interessiert, ist ein anderer, auffälligerer Mann, mit dem Tanja ebenfalls gesehen wurde. Böhm nennt ihn "Spitzbart", denn einen solchen wollen die Zeugen an dessen Kinn gesehen haben. Obwohl Spitzbart mit Tanja in einer Gruppe stand, soll sich die Polizei zunächst nicht für ihn interessiert haben. "Es lag eine genaue Beschreibung vor", sagt Böhm. "Und trotzdem wurde die Person erst vier Jahre später ermittelt. Wir fragen uns: warum?"

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