Uruguay Wilde Kisten, stillgelegt

Warten, dass es weitergeht: Auf dem Dauerparkplatz in Süd-Uruguay stehen seit Monaten die Allrad-Mobile europäischer Langzeittouristen.

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Deutsche Touristen sitzen seit zehn Wochen in Uruguay fest, denn der Zoll hat ihre Wohnmobile beschlagnahmt. Die Frage ist nur: Warum eigentlich?

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Georg Bachmaier aus Baierbrunn bei München sitzt seit einigen Wochen in Uruguay fest. Süd-Uruguay, um genau zu sein, in dem von Schweizer Einwanderern geprägten Städtchen Nueva Helvecia. Es gibt sicherlich schlimmere Orte auf der Welt; eidgenössischer Geschäftssinn mischt sich hier mit südamerikanischer Herzlichkeit, Nueva Helvecia gilt auch als Zentrum der regionalen Käse-Produktion. Bachmaier, 58, ist allerdings nicht nach Uruguay gekommen, um Fondue zu essen. Er will den Kontinent bereisen.

Darin hindert ihn im Grunde niemand. Es ist sein Wohnmobil, das nicht mehr ausreisen darf. Die uruguayischen Behörden haben es Mitte September beschlagnahmt. Wieso? Das wüsste Bachmaier auch gerne.

Der uruguayische Zoll hat nicht nur sein Fahrzeug konfisziert, sondern auf einen Schlag die Wohnmobile und Geländewägen von drei Dutzend Touristen, darunter viele Deutsche, aber auch einige Schweizer und Italiener. Sie sitzen zum Teil seit zehn Wochen in Nueva Helvecia oder im knapp 70 Kilometer westlich gelegenen Colonia del Sacramento fest. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Bachmaier. Und er hat in Südamerika schon einiges erlebt.

Bachmaier brachte sein Wohnmobil von zu Hause mit, das machen fast alle europäischen Langzeittouristen so, die über die löchrigen und einsamen Landstraßen des Kontinents touren, Zehntausende Kilometer weit. Bachmaier hat es auf Basis eines Mercedes-Sprinters ausgebaut, "mein Bruder ist Schreiner". Ein mehr oder weniger selbst gebasteltes Allrad-Fahrzeug gehört zum Wesen jedes Südamerika-Road-Trips: Umgebaute Omnibusse, mit Betten und Kühlschränken bestückte MAN-Trucks, "hier gibt es die wildesten Kisten", sagt Bachmaier. In Südamerika gibt es für solche Camping-Fahrzeuge keinen Markt, sie über den Atlantik einzuschiffen kostet zwischen 3500 und 5000 Dollar. Wenn man lange genug unterwegs ist, lohnt sich das. Georg Bachmaier ist mit seiner Frau seit drei Jahren auf Südamerika-Tournee.

Als Einfuhrhafen ist Montevideo besonder beliebt. Das hängt mit den Zollbestimmungen in Uruguay zusammen, sie galten als recht unkompliziert. Bisher.

Eine Besonderheit Uruguays ist: Touristen erhalten bei der Einreise ein drei Monate gültiges Aufenthaltsrecht, Fahrzeuge dürfen aber bis zu zwölf Monate im Land bleiben. Viele Langzeiturlauber, darunter auch die Bachmaiers, kehren deshalb über die Sommermonate in ihre Heimat zurück und setzen dann, wenn es in Europa wieder kälter wird, die Reise in Südamerika fort. Es ist eine seit vielen Jahren übliche Praxis, die wiederum zur Etablierung eines speziellen uruguayischen Geschäftsmodells geführt hat: den Dauerparkplatz für Reisemobile aller Art. Einer der größten von ihnen befindet sich in Nueva Helvecia.

Im September wurden nun aber all die allein gelassenen Fahrzeuge vom Zoll einkassiert, offenbar auf Basis einer anonymen Anzeige. Die Grundsatzfrage lautet: Erlischt die Aufenthaltsgenehmigung für Autos, wenn der Autofahrer das Land verlässt? Das Gerichtsverfahren zieht sich seit Wochen hin. Die betroffenen Bundesbürger baten auch die deutsche Botschaft in Montevideo um Hilfe, die teilte ihnen aber mit, dass es sich dabei um Privatangelegenheiten handele. Das Auswärtige Amt hat vergangene Woche seine Reisehinweise für Uruguay aktualisiert: "Grundsätzlich ist das Fahrzeug bei der Ausreise des Fahrzeughalters mit auszuführen."

Zwei uruguayische Richter haben inzwischen entschieden, dass die Beschlagnahmung jeglicher Rechtsgrundlage entbehre. Trotzdem warten die Touristen weiterhin auf den Zugang zu ihren Autos. Bachmaier hofft, dass es jetzt nur noch eine Frage von Tagen ist, bis er endlich weiterreisen darf. Sein ursprünglicher Plan für diese Saison war, über Brasilien nach Kolumbien zu fahren. "Aber wegen der wochenlangen Verzögerung müssen wir jetzt eine Abkürzung nehmen", sagt er. Abkürzung heißt in diesem Fall: die Strecke über Bolivien und Peru nach Kolumbien, rund 7000 Kilometer lang.