Juristisch ist der Fall bei passiven Gaffern klar, es handelt sich um unterlassene Hilfeleistung, die mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden kann. Doch wer will das verfolgen? "Wenn ein Notruf kommt, sind Gaffer die Letzten, um die wir uns kümmern können", sagt Ludwig Geiger vom Feuerwehrverband. Die Rettung der Opfer und die Sicherung der Unfallstelle sei wichtiger. Der Polizei fehlt es oft an Zeit und Personal, Beweise für die unterlassene Hilfe zu sichern.
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Täter rechnen mit Tatenlosigkeit
Einen "zahnlosen Tiger" nennt Hans-Dieter Schwind den Paragraphen, der ohnehin kaum zur Anwendung komme. "Jeder, der sich einen Anwalt nimmt, kann den Paragraphen ausnutzen", sagt der Kriminologe, der an der Ruhr-Universität Bochum zu Gaffern geforscht hat und Vorstandsmitglied der Opferschutzvereinigung "Weißer Ring" ist. Dass jemand vorsätzlich nicht geholfen hat, sei kaum zu beweisen, sagt Schwind und erinnert an den Fall der drei Jungen, die 1989 im Olympiasee in München im Eis einbrachen und ertranken. Keiner der 20 Schaulustigen hatte sich damals ins Wasser getraut, obwohl der See nur 1,10 Meter tief ist. Es gab Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung, verurteilt wurde keiner.
Die Gründe, nicht zu helfen, sind ganz unterschiedlich, sagt Schwind. Eine uneindeutige Lage, eine Schockstarre, keine Opfersignale - oder die Angst, das Falsche zu tun. "Jeder Mensch kann Opfer werden", sagt Schwind, vielen sei das nicht bewusst. Was das bedeutet, erfuhr er aus seinem direkten Umfeld. Ein psychisch gestörter Täter stach eine seiner Mitarbeiterinnen mittags im Parkhaus der Ruhr-Universität in Bochum nieder. Die Schreie der Frau nahm keiner ernst, sie verblutete.
Was ihm bei seinen Studien aber am meisten auffiel, war, dass Täter die Passivität der Mitmenschen mit einkalkulierten. Das sei in den vergangenen Jahren schlimmer geworden. "Täter rechnen nicht mehr damit, dass jemand hilft." Das sei eine neue Dimension, die einem wirklich Angst machen müsse.
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(SZ vom 03.12.2009/grc)
Kanzlerin Merkel und die Macht
Rhinelander hat in seinem Kommentar zu Recht auf die Sparte "Leserreporter" der BILD-Zeitung hingewiesen. Es wundert mich, gelinde gesagt, warum die SZ die Institutionalisierung und Sanktionierung des Gaffertums durch etablierte Medienorgane in ihrem Artikel nicht zum Thema macht. Durch diese kollegiale Rücksichtsnahme setzt sie sich selbst dem Verdacht aus, mit ihrem Artikel lediglich "Gaffer zu begaffen" und es somit letztlich auf dieselben Sensationsgelüste im Leser abgesehen zu haben.
Die Macher der BILD-Zeitung sind besser in der Lage, über ihr Tun zu reflektieren, als das gemeine Gaffervolk, das nicht zuletzt durch die BILD-Zeitung suggeriert bekommt, Gaffertum habe etwas mit staatsbürgerlicher bzw. medienmündiger Wachsamkeit zu tun.
Übrigens, liebe SZ-Leute: Ihr habt Euren Beitrag mit Bildern garniert, die der Text eigentlich verurteilt. Dazu kommen die "lustigen" Kommentare. Ich will keine Spaßbremse sein, aber auch sowas versorgt die beiden Brüder Schaulust und Schadenfreude mit neuem Futter oder?
03.12.2009 14:03:57
ThinkSeifenkisterl: @ Urban Ibarras
Mißt man ihre Fähigkeiten Hilfe leisten zu können an ihrem leider nur herumpolemisierenden, substanzlosen Schwadronieren, überlebte jeder Verletzte problemlos, wären nur ausgerechnet Sie ihm nicht zur eingebildet großartigen Hilfe geeilt.
Sollte ich verletzt an der Straße liegen, Sie geben bitte ordentlich Gas und fahren bloß schnell weg.
Vielleicht lesen Sie zuwenig Zeitung als daß Sie schonnmal mit den regelmäßig feigen Ausreden konfrontiert worden wären mit denen sich Hilfeleistungs-Verweigerer regelmäßig aus der Verantwortung stehlen.
Gut, wenn ich Sie demnächst nach Autounfall schwer verletzt auffinde dann werde ich es so machen wie Sie es vorschlagen und "lieber darauf warten bis Fachleute kommen" bevor ich z.B. Ihre Blutung auf "weniger als perfekte Art und Weise stille".
Bis dahin geben Sie zwar eventuell den Löffel ab aber dafür ist dann wenigstens alles ganz korrekt gelaufen (LOL) und ein echter Dr. Med. stellt bei Ihnen den Tod fest.
Ich kann Sie mir gut als Erste-Hilfe-Lehrer zum Abgewöhnen vorstellen, wie Sie Ihren ohnehin schon verunsicherten Schülern auch noch den letzten Rest an Eigeninitiative und Courage austreiben!
Zur frierenden Familie auf der AB: Vielleicht kamen die aus Osteuropa und unser Rufsäulen-System war denen unbekannt??
In Ihrem Beispiel wäre obendrein selbstredend abzuwarten daß BEHÖRDLICHE Hilfe eintrifft bevor man womöglich erstmal selber der Familie mit ein paar Decken aushilft und per Handy die Polizei verständigt...
Für den Fall daß ich selbst mal in einen Unfall verwickelt sein sollte und dringend der Hilfe benötigte bete ich zu Gott daß Leute mit einer positiveren Einstellung vorbeikommen als Sie sie hier zur Schau tragen!
"03.12.2009 11:39:45
ThinkSeifenkisterl: Mehr Differenzierung (...)
Derart ignoranten Pennern würde man mit einem "Anti-Gaff-Paragraphen" noch schön den Freibrief auf dem Silbertablett reichen: "Hinschauen ist ja verboten, also schnell weg".
Das sind bekanntlich keine Gaffer im beschriebenen Sinne, daher ist "Mehr Differenzierung" wohl auch autobiografisch gemeint.
Sani"töter" braucht niemand.
Im - fiktiven - Beispiel geht einer der Eltern zur nächsten Notrufsäule an der BAB und zwar en passant bei Aufstellung des Warndreiecks in der vorgegebenen Entfernung.
Paging