Tod der dreijährigen Yagmur Multiples Versagen

Im Fall der verstorbenen Yagmur wurden viele Fehler gemacht.

(Foto: dpa)

Im Dezember starb ein dreijähriges Mädchen in Hamburg, zu Tode gequält wohl von der eigenen Mutter. Die bisherigen Ergebnisse des Untersuchungsausschusses sind ernüchternd: Die Behörden ignorierten alle Warnzeichen - und sehen ihre Fehler oft gar nicht ein.

Von Marc Widmann, Hamburg

Es gibt das alte Gleichnis von drei Blinden, die vor einem Elefanten stehen und herausfinden sollen, um was es sich handelt. Der erste befühlt ein Elefantenbein und sagt: Das ist ein mächtiger Baum. Der zweite prüft den Schwanz und sagt: Das ist ein langes, ausgefranstes Tau. Der dritte aber tätschelt ein Ohr des Elefanten und spricht: Das ist ein riesiger Fächer.

Es ist eine schöne Kindergeschichte, vielleicht hat sie auch die kleine Yagmur einmal gehört, ehe sie eine Woche vor Weihnachten in Hamburg starb, zu Tode geprügelt den bisherigen Ermittlungen zufolge von ihrer eigenen Mutter. Yagmur wurde drei Jahre alt. Ihr Schicksal bewegt viele Hamburger, weil es so grausam ist - und so tragisch.

Yagmur könnte vermutlich noch leben, wenn die Behörden in der Stadt sich nicht verhalten hätten wie die drei Blinden, wenn sie miteinander gesprochen und rechtzeitig nachgefragt hätten. Stattdessen herrschte "heilloses Durcheinander", sagt der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries. Und fasst damit recht gut die bisherigen Erkenntnisse des Untersuchungsausschusses im Rathaus zusammen, der sich seit Wochen bemüht, den Tod des Mädchens aufzuklären.

2013 kam Yagmur schon einmal schwer verletzt ins Krankenhaus

Drei Stunden lang saß am Dienstagabend die zuständige Familienrichterin auf dem Zeugenstuhl, eine promovierte Juristin, die gleich zu Beginn sagt: "Ich bin unendlich traurig darüber, dass Yagmur tot ist, das geht nicht spurlos an einem vorüber." Dann redet Roswitha Körner offen über Versäumnisse, offener als andere vor ihr auf diesem Stuhl: "Es ist wirklich eine Verkettung unglücklichster Umstände."

Das Unglück beginnt schon damit, dass die Behörden gewarnt waren. Denn Yagmurs Tod kam nicht aus dem Nichts. Bereits ein Jahr zuvor, im Januar 2013, kommt das Mädchen ins Krankenhaus, die Ärzte müssen notoperieren, weil es lebensgefährlich verletzt ist an Gehirn und Bauchspeicheldrüse. Ein Arzt erstattet Anzeige wegen Kindesmisshandlung. Alles geht seinen behördlichen Gang. Alles geht schief.

Die Richterin muss darüber befinden, ob Yagmur ihre Eltern je wiedersehen darf oder nicht. "Einfach schrecklich" findet sie das Gutachten des Professors aus der Rechtsmedizin, der von brutaler Gewalt gegen das Mädchen schreibt. Doch wer hat das Kind so zugerichtet? Es kommen drei Menschen infrage: der Vater, die Mutter oder die Pflegemutter, bei der Yagmur längere Zeit lebte, weil es in ihrer Familie noch nie gut lief.

Niemand kommt auf die Idee, nachzufragen

Die Richterin hätte nun bei dem Professor nachfragen können, wann die Verletzungen entstanden sind. Sie hätte klären können, wer zu dieser Zeit das Kind hatte. Doch auf die Idee, einfach mal nachzufragen, kommt niemand, auch Jugendamt und Staatsanwaltschaft nicht. Alle befühlen nur ihren Teil des Elefanten und warten ab. Yagmur kommt vorübergehend in ein Kinderhaus.

Anfang Mai hat Yagmur noch gut sieben Monate zu leben. Es ist wenig geschehen, außer dass ihre Pflegemutter jetzt die Nerven durchgehen, sie schreibt eine E-Mail ans Jugendamt und schildert, wie sie Yagmur einmal im Kindersitz geschüttelt habe. Die Mitarbeiterin im Jugendamt glaubt nun, dass die Pflegemutter schuld sei an den Verletzungen. Sie ruft die Richterin an und teilt mit, die Pflegemutter habe sich selbst beschuldigt.

Bald darauf sitzen alle zusammen, die Richterin, die Mitarbeiterin des Jugendamts, die Eltern. "Wir waren erleichtert", sagt die Richterin, "der Verdacht gegen die Eltern war entkräftet." So sagt sie es im Untersuchungsausschuss, so offen und angreifbar. Sie ist wohl erleichtert, weil sich alles in scheinbarem Wohlgefallen auflöst. Sie steht vor dem Bein des Elefanten und ruft: Was für ein schöner, großer Baum.

Die Pflegemutter kann es nicht gewesen sein

Tatsächlich hat die Richterin die E-Mail der Pflegemutter nie gelesen, hat sie vom Jugendamt nie bekommen, nie mehr danach gefragt. Sie prüft auch nicht, ob die Schilderungen der Pflegemutter zu den schrecklichen Verletzungen des Kindes passen. Stattdessen erlaubt sie den Eltern wieder den Umgang mit Yagmur.

Im Oktober, zwei Monate vor Yagmurs Tod, gibt es Neuigkeiten. Die Rechtsmediziner haben die Aussagen der Pflegemutter bewertet, ihr Fazit ist eindeutig: Die Pflegemutter kann es nicht gewesen sein, ihr Schütteln am Autositz kann die gravierenden Verletzungen nicht verursacht haben.

So steht es in einem Bericht, der an die Staatsanwaltschaft geht und Wochen später von dort ans Jugendamt. Die Eltern sind als Täter wieder verdächtig, mehr denn je. Yagmur ist bei ihnen. Doch keiner reagiert. Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen ein, sie befragt nicht einmal die Mutter zu dem Fall. Die neu zuständige, unerfahrene Mitarbeiterin im Jugendamt liest die Akte nicht.

Alles lief aneinander vorbei

Und die Richterin? Bekommt wieder nichts Schriftliches, sie kennt den neuen Bericht der Rechtsmediziner nicht. Schlimmer noch, als es schon dämmert vor den Rathausfenstern erzählt sie, von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft habe sie nichts gewusst.

Die Abgeordneten können es kaum fassen. Alles lief aneinander vorbei: Das Strafverfahren einer Staatsanwältin, die bis heute kein Versäumnis ihrerseits erkennen will, und das Sorgerechtsverfahren der Familienrichterin, die immerhin sagt: "Wir müssen unseren Informationsaustausch verbessern." Die eine stand vor dem Bein des Elefanten. Die andere am Rüssel.

Yagmur bleibt bei ihren Eltern. Sie stirbt am 18. Dezember, danach zählen die Ärzte ihre Verletzungen. Sie zählen "weit mehr als 80" Blutergüsse und Abschürfungen. Sie entdecken einen schlecht verheilten Armbruch, der wohl nie behandelt wurde. Sie stoßen auf den Leberriss, an dem Yagmur schließlich gestorben ist.