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Fall Yagmur in Hamburg:Fehler mit tödlichen Folgen

"Ziemlich schonungslos" nennt Hamburgs Sozialsenator Scheele den 44-seitigen Bericht zum Fall Yagmur, der erschreckend viele Fehler der Jugendämter auflistet. In der Summe haben diese zum Tod des Kleinkinds beigetragen.

Von Marc Widmann, Hamburg

HamburgDie kleine Yagmur, genannt Yaya, wurde drei Jahre alt. Eine Woche vor Weihnachten starb sie in Hamburg, mitten in der Nacht erlag sie inneren Blutungen nach einem Leberriss, geprügelt den Ermittlungen zufolge von ihrem eigenen Vater. An diesem Tag endete für das Mädchen "ein Martyrium". So formuliert es ein interner Bericht der Sozialbehörde, der erschreckend viele Fehler der Jugendämter auflistet. "Ziemlich schonungslos" nennt Sozialsenator Detlef Scheele die 44 Seiten.

Da stehen die Verwundungen des Kindes: Ein schlecht verheilter Unterarmbruch, verletzte Organe "durch massivste äußere Gewalteinwirkung", allein die sichtbaren Hämatome und Quetschungen "umfassen weit mehr als 80 in der Zahl".

Ähnlich drastisch liest sich die Liste von Versäumnissen: Von einer Nichterkennung der Gefährdungslage ist da die Rede, davon, dass die Mitarbeiter des allgemeinen sozialen Dienstes im Jugendamt den Erklärungen der Eltern "zu leicht Glauben geschenkt" oder schlicht die Akten nicht gelesen hätten. Ihnen sei "die notwendige Sensibilität für das Wohlbefinden des Kindes schlicht abhanden gekommen".

Schon im Sommer wurde Yagmur von ihren Eltern in eine Klinik gebracht, ein Arzt erstattete Anzeige wegen Kindesmisshandlung. Er diagnostizierte zum Beispiel ein Schütteltrauma. Die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln, das Kind kam aus der Familie. Danach ging alles schief.

Yagmurs Pflegemutter, die das Mädchen früher lange betreut hatte, schrieb in einer E-Mail an das Jugendamt, dass die Verletzungen möglicherweise von ihr stammen könnten, weil sie das Kind einmal geschüttelt habe. Das war zwar völlig falsch, aber die Mitarbeiterin im Jugendamt Eimsbüttel sah daraufhin Yagmurs Eltern entlastet. Sie einigte sich mit einer Familienrichterin flugs darauf, das Mädchen zurück zu seinen leiblichen Eltern zu geben. Obwohl das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft noch lief.

Zurück in ihrer Familie, sollte Yagmur eigentlich streng überwacht werden, doch im Jugendamt wechselten die Zuständigkeiten. Eine junge, unerfahrene Sozialpädagogin erhielt den Fall, verstand ihn offenbar nicht richtig, auch weil ihre Vorgängerin bei der Dokumentation schluderte. Als die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ergebnislos einstellte, durfte Yagmurs Mutter ihr Kind sogar aus der Kita nehmen. Niemand kontrollierte die Familie mehr. Bald darauf war das Mädchen tot.

Im internen Bericht heißt es jetzt, es gebe "zweifellos eine schwierige Personal- und Belastungssituation" in den Jugendämtern.

© SZ vom 31.01.2014/mike
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