Telefonseelsorge für Muslime Hilfe ohne Grenzen

In Berlin gibt es das erste Seelsorgetelefon für Muslime. Die Nachfrage ist so groß, dass der Dienst ausgeweitet wird. Vor allem Frauen greifen zum Hörer.

Von Wolfgang Luef

Die letzten Zweifel sind schon nach dem ersten Anruf verschwunden. Es war Tag eins der neuen Seelsorgehotline für Muslime. Imran Sagir saß vor dem Telefon und wartete. Gab es überhaupt Bedarf für sein Angebot? Das Telefon klingelte: Eine junge Muslimin war in der Leitung, ein Vergewaltigungsopfer. Die Tat war vor einem Jahr passiert, auf einer Urlaubsreise in das Heimatland der Eltern. Nun stand erneut eine Reise dorthin bevor, und die junge Frau hatte Angst. Das ganze Jahr lang hatte sie keinem von der Tat erzählt. Nun redete sie darüber. Und Imran Sagir hörte zu.

"Dieser Anruf hat dem ganzen Team noch einmal klargemacht, wie groß der Bedarf für das ist, was wir hier tun", sagt Sagir heute. Der 36-Jährige sitzt in einer renovierten Dachgeschosswohnung in Berlin: die Zentrale der ersten muslimischen Telefonseelsorge Deutschlands. Sagir meint sogar, es gebe "weltweit noch kein vergleichbares Projekt". Mehr als 800 Anrufe aus ganz Deutschland hat die Hotline in den vergangenen Monaten bekommen. Insgesamt 22 Seelsorger warten hier von 16 Uhr bis Mitternacht auf Anrufe - bis zu fünf kommen an einem Abend. Wegen der großen Nachfrage werden gerade weitere Seelsorger ausgebildet. Bald soll das Telefon zwölf Stunden täglich erreichbar sein.

Anrufer sind vor allem weiblich

Etwa drei Viertel der Anrufer sind Frauen - genau wie bei der etablierten christlichen Seelsorge. Auch die Quote jener Anrufer, die den Hörer sofort wieder auflegen, ohne etwas zu sagen, ist mit 10 bis 15 Prozent etwa gleich hoch. Überraschender war für Sagir, dass sich auch die Themen ähneln: Anrufer beschweren sich über Nachbarn, von denen sie sich schlecht behandelt oder gemobbt fühlen, sie erzählen von Problemen mit dem Ehepartner oder von Sorgen bei der Erziehung von Kindern.

Eine verheiratete Frau, die sich in einen jüngeren Mann verliebt hat, berichtete dem anonymen Seelsorger das erste Mal davon. Andere Muslime sprechen über Drogenprobleme oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. "Die Leute haben verstanden, dass wir keine Islam-Hotline sind", meint Sagir. "Das ist für uns ein großer Erfolg." Denn Fragen zur richtigen Auslegung religiöser Regeln könnten er und seine Mitarbeiter ohnehin nicht beantworten. Ihre Aufgabe sei es lediglich zuzuhören und vorsichtige Ratschläge zu geben, erzählt der Geschäftsführer. Er sagt aber auch: "Wenn Gewalt im Spiel ist, müssen wir nicht groß rumphilosophieren - da drängen wir darauf, die Polizei einzuschalten." Auch seiner ersten Anruferin, dem Vergewaltigungsopfer, habe er nahegelegt, sich Hilfe zu holen: Sie willigte ein, zu einer Beratungsstelle zu gehen.

Partnerschaftsprobleme als Hauptthema

Gerade Themen wie Zwangsverheiratung, Diskriminierung oder Extremismus hätten bisher in den Gesprächen jedoch kaum eine Rolle gespielt, berichtet Sagir. Das häufigste Thema gerade bei jugendlichen Anrufern seien Unsicherheit und Zweifel in der Partnerschaft: "Wir merken, wie schlecht sich viele Muslime auf das Zusammenleben vorbereiten." Der Geschäftsführer habe deshalb schon mit Vertretern islamischer Verbände über die Notwendigkeit von Ehe-Vorbereitungskursen gesprochen: "Gläubige Muslime haben schließlich vor der Heirat keine einzige Beziehung."

Schon im Jahr 2003 forderte die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John erstmals ein Seelsorge-Angebot für Muslime - sie schlug vor, eine Hotline auf Türkisch anzubieten. Auch die bestehenden Seelsorge-Hotlines sahen Bedarf: "Bei Glaubensfragen oder Themen wie Zwangsheirat waren wir überfordert", sagt Uwe Müller, Leiter der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin. Gemeinsam mit Caritas und Diakonie bildete die Hilfsorganisation Islamic Relief vergangenes Jahr die ersten muslimischen Seelsorger aus. Seit Mai ist die Hotline erreichbar.

Der größte Unterschied zur kirchlichen Seelsorge ist für Sagir der religiöse Rahmen, den nahezu alle Anrufer erwarten. Die meisten möchten nicht mit "Guten Tag", sondern mit "as-sala-mu 'alaikum" begrüßt werden, wollen nicht "Herr" oder "Frau", sondern "Bruder" oder "Schwester" genannt werden. Scheinbare Kleinigkeiten, die für viele jedoch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen würden - selbst wenn es nicht um ein religiöses Problem gehe. "Das ist unser größter Vertrauensvorschuss", sagt Imran Sagir.

Das muslimische Seelsorgetelefon ist täglich von 16 bis 24 Uhr unter der Nummer 030 44 35 09 821 zu erreichen.