Taser-Tod in Vancouver Elektroschocks, Lügen und Videos

Eineinhalb Jahre nachdem vier kanadische Polizisten einen Polen mit Elektroschock-Waffen getötet haben, wird der Fall wieder aufgerollt.

Von B. Calonego, Vancouver

Der 40-jährige polnische Immigrant Robert Dziekanski, der in Kanada ein neues Leben beginnen wollte, muss tausend Tode sterben. Das Amateur-Video, das sein Leiden zeigt, wird eineinhalb Jahre nach dem Drama immer noch von Kanadas Fernsehstationen unzählige Male gezeigt. Der Aufruhr um den Tod dieses unschuldigen Mannes im Flughafen der Westküstenstadt Vancouver, ein Drama, das internationales Aufsehen erregte, weitet sich aus.

Der Tod Dziekanskis drohe die nationale Polizei RCMP (Royal Canadian Mounted Police) in einen der größten Skandale ihrer Geschichte zu ziehen, schrieb die kanadische Zeitung The Globe and Mail: "Das ist eine furchterregende Sache."

Unerträgliche Bilder

Die Video-Bilder, die ein unbeteiligter Passant zufällig aufgenommen hatte, sind unerträglich: Ein verwirrter, erschöpfter Dziekanski weicht vor vier kanadischen Polizeibeamten zurück. Dann bricht er schreiend zusammen, zwei Beamte knien sich auf seinen zuckenden Körper. Die schrecklichen Schreie verstummen plötzlich. Der Mann auf dem Boden rührt sich nicht mehr. Erschossen von sogenannten Taser-Waffen - Elektroschockpistolen.

Dziekanski, der nur polnisch sprach, wollte zu seiner Mutter in der kanadischen Provinz British Columbia ziehen. Nach seiner Ankunft am 14. Oktober 2007 irrte er neun Stunden lang im Flughafen von Vancouver umher, todmüde, orientierungslos, hungrig und durstig. Niemand kümmerte sich um ihn.

Seine Mutter, die sich nach ihrem Sohn bei Informationsbeamten des Flughafens erkundigte, wurde nach Hause geschickt. Dort erfuhr sie vom Tod ihres einzigen Kindes. Die RCMP untersuchte den Vorfall und sprach die vier Polizisten von jeglicher Verantwortung frei.

Eine ganz andere Geschichte

Dann aber musste sie das Videoband zur Veröffentlichung freigeben, das eine ganz andere Geschichte erzählte als die vier Beamten. So gaben diese an, sie hätten Dziekanski nur zweimal mit der elektrischen Schockwaffe Taser getroffen. In Wahrheit waren es fünf 50.000-Volt-Schüsse in nur 31 Sekunden, die teilweise noch abgegeben wurden, als ihr Opfer in schmerzhaften Krämpfen auf dem Boden um sein Leben kämpfte.

Die Verantwortlichen der RCMP klärten die Öffentlichkeit aber während 14 Monaten nicht über diese falsche Information auf, angeblich um ihre eigene Untersuchung nicht zu beeinträchtigen. Als die RCMP wusste, dass die Aussagen der vier Beamten dem Videoband widersprachen, wurden diese nicht nochmals damit konfrontiert. Als immer mehr Widersprüche bekanntwurden, beauftragte die Regierung von British Columbia einen Richter mit einer öffentlichen Untersuchung.

Die Polizisten sind sich einig

Jeder der vier Polizisten gab das Gleiche zu Protokoll - etwa, dass Dziekanski sich gewehrt und die Beamten bedroht habe. Doch fast alle ihrer Aussagen konnten von Videoaufnahmen widerlegt werden. Der Unmut in der kanadischen Bevölkerung wuchs: "War es wirklich nötig, den Taser gegenüber einem unbewaffneten Mann anzuwenden, wenn vier starke, trainierte Mitglieder der nationalen Polizei bereitstanden?", fragte zum Beispiel Leserbriefschreiber Scott Nelson aus Kelowna.

Die landesweite Empörung veranlasste die RCMP-Führung in Ottawa schließlich, sich bei der leidgeprüften Mutter zu entschuldigen. Und gerade als die Sonderuntersuchung ihrem Ende zuging, erschien wie von Zauberhand eine interne E-Mail der Polizei, aus der hervorgeht, dass sich die vier Beamten anscheinend bereits vor Eintreffen am Flughafen entschlossen hatten, ihre Taser-Waffen einzusetzen. Stimmt die E-Mail, würde ein Vorsatz vorliegen, was die RCMP bislang noch verneint.

Warum diese wichtige E-Mail so lange zurückgehalten worden war, konnten die für die RCMP zuständigen Juristen nicht einleuchtend erklären. Jedenfalls muss die öffentliche Untersuchung nun nochmals aufgerollt werden. Der Fall, schrieb die Zeitung Times Columnist, werfe "grundsätzliche Fragen über das kanadische Justizsystem" auf. Zwischenzeitlich hat einer der vier Polizeibeamten in alkoholisiertem Zustand einen jungen Mopedfahrer mit seinem Auto getötet. Der Polizist wurde bislang der Tat nur beschuldigt. Auf ein Urteil über den Fall wartet man in Kanada noch immer.