Streit um Prostitution in Frankreich Die Dreckskerle sind so frei

"Hände weg von meiner Hure": 343 prominente Franzosen verteidigen in einem Manifest das Recht auf käuflichen Sex. Meinen sie es ernst, oder wollen sie nur Feministinnen provozieren? Das Echo ist jedenfalls gewaltig.

Von Joseph Hanimann, Paris

Das Schärfste an der Provokation ist die Zahl. Wäre es ein "Dreckskerl" mehr oder weniger gewesen statt der angeblich exakt 343, die das Manifest "Hände weg von meiner Hure" unterzeichnet haben, dann wäre die Sache für die Feministinnen halb so schlimm gewesen. So aber ist es eine klare Anspielung auf jene 343 Frauen, die im Jahr 1971, als die Abtreibung in Frankreich noch unter Strafe stand, im Wochenmagazin Le Nouvel Observateur zugaben, schon abgetrieben zu haben - und durch die Titelseite des Satiremagazins Charlie Hebdo dann bekannt wurden als die 343 "salopes", die weibliche Form des männlichen "salaud", eben: Dreckskerl. Deshalb rührt das Manifest am Kern der französischen Frauenbewegung und sorgt für Empörung, schon bevor es in der November-Nummer des Monatsmagazins Causeur erschienen ist.

Unterschrieben haben Schriftsteller Frédéric Beigbeder, der ehemalige Théâtre-du-Soleil-Schauspieler Philippe Caubère, der Anwalt des gestürzten Politikers Dominique Strauss-Kahn sowie andere Herrschaften aus dem Pariser Kultur- und Tratschmilieu. Sie alle gestehen, sie wären schon bei den Strichmädchen gewesen oder könnten dies eines Tages tun. Anlass ist ein Gesetzentwurf, der Ende dieses Monats ins Parlament kommen soll mit dem Ziel, die Kunden der Prostitution in Frankreich mit Bußgeld zu strafen. 1500 Euro würde demnach das Plaisir kosten, wird man dabei ertappt, das Doppelte bei Rückfälligkeit.

Dieser Gesetzesvorstoß ist nicht der erste in diese Richtung. Vor elf Jahren hatte der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy mit dem Delikt der "Kundenfängerei im öffentlichen Raum" vor allem die Zuhälter im Auge und stieß damit auf den Einspruch auch prominenter Feministinnen wie Elisabeth Badinter. Prostituierte seien nicht immer nur Opfer, erklärte diese, sondern freie Wesen, die über ihren Körper verfügen möchten. Die wortgewandte Prostituierte Claire Carthonnet zog damals als Medienstar durch die Fernsehstudios.

Ihr wollt die Freiheit?

Im Aufruf der "343 salauds" von heute geht es aber mehr um die allgemeine Gesellschaftsentwicklung. "Wir lieben die Freiheit, die Literatur und die Intimität - und wenn der Staat sich um unseren Hintern kümmert, sind alle drei in Gefahr", schreiben die Männer und zeichnen das Bild einer angeblich feministisch geprägten Vorschriftsgesellschaft.

Das Jonglieren mit dem Wort "Freiheit" ist es aber gerade, was ihre Gegnerinnen besonders stört. Damit werde heute unter dem Slogan "jedem das Seine" selbst Knechtschaft gerechtfertigt, protestiert die Vorsitzende der französischen Frauenrechtsliga, Anne Zelensky. Sie gibt aber zu, solche Initiativen seien die wohl unvermeidbare Antwort mancher Männer auf die Frauenbefreiung nach dem Motto: Ihr wollt die Freiheit? Kein Problem, dann gehen wir ins Bordell, da nimmt man uns so, wie wir sind, eben als Männer.

Beim Magazin Causeur, dessen Redaktion von der Intellektuellen Elisabeth Lévy geleitet wird, steht man zu dem Manifest. Hinter der Kriminalisierung der Bordellkunden stehe die ständige Drohung an die Männer: "Nehmt euch zusammen!", sagt Herausgeber Gil Mihaely. Über einen Akt eine Geldstrafe zu verhängen, der gar nicht verboten sei, das sei rechtlich absurd: Wenn schon, dann solle man die Prostitution als solche gesetzlich verbieten, wie es in Deutschland gerade 90 Prominente in der Zeitschrift Emma fordern.

Im französischen Prostituiertenmilieu, das ebenfalls gegen den neuen Gesetzesentwurf protestiert, stößt die Initiative der "343 Dreckskerle" auf Ablehnung. Das Bekenntnis der wohl im samtenen Dekor der einschlägigen Pariser Etablissements verkehrenden Herren habe nichts vom subversiven Akt, der im Bekenntnis der 343 Frauen 1971 gesteckt habe, lässt der Prostituiertenverband wissen.

Erschrocken über das Echo

Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem sieht das ähnlich. Die Frauen hätten damals das Verfügungsrecht über ihren eigenen Körper gefordert, die Herren wollten hingegen über einen anderen Körper verfügen, das erübrige jeden weiteren Kommentar, erklärte sie trocken. Prostitutionsfeindliche Männervereinigungen wie das Kollektiv "Zéromacho" tun das Manifest als den spaßigen Versuch Ewiggestriger ab, eine längst verlorene Sache zu legitimieren. Und die antirassistische Vereinigung "SOS-Racisme", die vor 30 Jahren mit ihren Großdemos unter dem Slogan "Touche pas à mon pote!" - Hände weg von meinem Kumpel! - berühmt wurde, beklagt die Verdrehung ihres Satzes (Touche pas à ma pute). Das sei mehr Selbstinszenierung als politische Haltung.

Die meisten Franzosen scheinen, ersten Reaktionen nach zu urteilen, sich vor allem dafür zu interessieren, wie viel Humor die Feministinnen ertragen. Das dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass einige "Dreckskerle" aus der Riege der Spaßmacher in den Talkshows bekannt sind. Eine Geldstrafe für Strich- und Bordellkunden hält laut einer Meinungsumfrage nur eine Minderheit von 22 Prozent für angemessen. Überzeugender fänden die Befragten Aufklärungskampagnen - vorausgesetzt, sie sind unterhaltsam und lustig. Dazu haben die 343 "Salauds" gerade ihren Beitrag geleistet. Angeblich würden einige, erschrocken über das Echo, ihre Unterschrift am liebsten wieder zurückziehen.