Reaktionen auf Dioxin-Skandal Wurde Fett über Wochen verunreinigt?

Wer mischt wann was ins Viehfutter? Der neuerliche Dioxin-Skandal zeigt: Die Verunsicherung ist groß. Politik und Landwirte pochen auf Konsequenzen - und zwar rasch.

Deutschland hat einen neuen Dioxin-Skandal: Das krebserregende Mittel ist in Futter für Hühner, Puten und Schweine gelangt, weil ein Futterproduzent bei der Herstellung falsche Fettsäuren verwendet hatte. Rund 1000 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen wurden vorerst gesperrt, die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat ein Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche des Futtermittelherstellers aus Uetersen in Schleswig-Holstein eingeleitet.

Kuz nach dem Bekanntwerden der Dioxin-Funde ist die Debatte über Art und Umfang von nötigen Kontrollen in vollem Gange. Politik und Landwirtschaft kritisieren das Vorgehen im aktuellen Fall - und fordern Konsequenzen.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, wirft der schwarz-gelben Landesregierung in Niedersachsen vor, zu spät reagiert zu haben: "Mich irritiert vor allem, dass die niedersächsischen Behörden erst mit der Sperrung ihrer Betriebe und der Untersuchung der Eier begonnen haben, nachdem Nordrhein-Westfalen mit den erhöhten Dioxinwerten an die Öffentlichkeit gegangen ist", sagte sie zu sueddeutsche.de. "Es kann nicht sein, dass die Behörden so eine Lage einschätzen nach dem Motto: 'Na, wird schon nicht so schlimm sein.'"

Es sei eine Frage der Haltung, wie wichtig Verbraucherschutzinteressen in einem Agrarland wie Niedersachen genommen würden, sagte Höhn weiter. Für das Unternehmen, aus dem das verseuchte Futtermittel stamme, spreche jedoch, dass die erhöhte Dioxin-Belastung bei Eigenmessungen aufgefallen und an die Behörden gemeldet worden sei, sagte die ehemalige NRW-Landwirtschaftsministerin. Bei einem Betrieb, der sowohl technische Fette als auch Fette für Futtermittel verarbeite, müsse aber genauer hingesehen werden als bisher üblich, so Höhns Forderung.

Uli Kelber, Fraktionsvize der SPD im Bundestag, verlangt Aufklärung darüber, ob Niedersachen die anderen Bundesländer zu spät über die Dioxin-Funde informiert hat. Das sehen die Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen so. Falls sich dies bewahrheiten sollte, fordert Kelber Gesetzesänderungen: "Lebensmittelsicherheit ist klare Ländersache. Aber wenn Niedersachen wiederholt die vorgeschriebenen Alarmierungswege missachtet hat, dann muss die Bundesrahmengesetzgebung geändert werden", sagte er zu sueddeutsche.de.

Kelber wirft Niedersachen vor, zu wenig zu kontrollieren. Der Betrieb, der das verseuchte Futtermittel in den Verkehr gebracht habe, habe offensichtlich "seit geraumer" Zeit, verbotenerweise technische Fette für die Futtermittelherstellung verwendet. "Niedersachen muss sich nach seiner Kontrolldichte fragen lassen", sagte Kelber.

"In Panik verfallen"

Dem Unternehmen wirft Kelber betrügerische Absichten vor, um mit dem Einsatz billiger Industriefette mehr Geld verdienen zu können. Dass das Unternehmen selbst die Dioxin-Belastung festgestellt und gemeldet hat, lässt er nicht als Entlastungsargument gelten. Da sei der Unternehmer wohl "in Panik gefallen", als er feststellen musste, dass ihm mit Dioxin belastete Fette verkauft worden seien. Vorher aber müsse er gedacht haben, er komme damit durch. "Das war nicht leichtsinnig, sondern Absicht", sagte Kelber.