Sexuelle Gewalt Nicht die Schauspielerin Alyssa Milano erfand #MeToo...

... sondern die Amerikanerin Tarana Burke - und das schon vor zehn Jahren. Heute ist ihr Hashtag ein weltweiter Kampfbegriff. Und jetzt? Eine Debatte in vier Phasen.

Von Laura Hertreiter

Tarana Burkes Geschichte bleibt ein Geheimnis. Nur so viel sagt sie: "Ich bin eine Überlebende sexueller Gewalt." Und dann: "me too", ich auch. Wer dieser Tage #MeToo sagt und twittert, fügt meist eine Geschichte bei, die von sexuellen Übergriffen oder Ungerechtigkeiten handelt. Hunderttausende solcher Geschichten fluten gerade die sozialen Medien und offenbaren das Ausmaß des Problems. Wie vor vier Jahren, als in Deutschland unter #Aufschrei diskutiert wurde. Altes Problem, neuer Hashtag? Fehlanzeige. #MeToo wurde vor zehn Jahren von einer unbekannten Frau namens Tarana Burke erfunden. Dass er heute ein weltweiter Kampfbegriff ist, zeigt den Mechanismus der wiederkehrenden Hashtag-Debatten, die sich in vier Phasen unterteilen lassen.

Phase 1: Ignoranz

Tarana Burke kämpft seit zehn Jahren unter dem Schlagwort #MeToo für die Rechte junger Frauen in den USA. Bisher mit überschaubarem Erfolg. Die Idee dazu hatte sie schon 1996 als Leiterin in einem Jugendcamp, wie sie nun in TV-Interviews berichtet. Damals habe ihr ein Mädchen vom Missbrauch durch den Freund der Mutter erzählt. "Ich sah, wie sie dann ihre Maske wieder aufsetzte und wieder in die Welt hinausging, als sei sie ganz allein", sagte Burke, "und ich fand nicht einmal die Kraft, um ihr zuzuflüstern: me too." So sei ihre Bewegung entstanden.

Phase 2: Entrüstung

Die Lawine aber, die durch die Netzwerke rollt, hat nicht Burke losgetreten, sondern die Serienschauspielerin Alyssa Milano. Nachdem viele Schauspielerinnen dem US-Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen hatten, rief Milano alle Menschen in einem Tweet zum kollektiven Bekenntnis auf. Diese Konstellation bewirkte binnen weniger Tage, was Burke nie geschafft hätte: Aus dem Hashtag wurde ein Debattenschlagwort. Milano räumte am Dienstag in einem weiteren Tweet ein, dass sie sich nicht darüber bewusst gewesen sei, dass es #MeToo längst gab. So oder so: Prominenz und eine große Bühne sind entscheidend. Auch die #Aufschrei-Debatte nach den Äußerungen von Rainer Brüderle zum Körper einer Journalistin begann in der Medienbranche. Das liegt sicher nicht daran, dass es nur dort Missstände gibt.

Phase 3: Debatten

Unter dem Hashtag ist ein wildes Gemisch an Schilderungen gelandet. #MeToo steht für schmierige Komplimente, für Zungen im Ohr, für Pfiffe auf der Straße, aber auch für Vergewaltigung. Ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist all diesen Geschichten gemein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Sexismus, sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch. Es gilt, die strukturellen Probleme herauszufiltern und zu lösen. Im aktuellen Fall: das Fehlen von Standards in Hollywood und anderen Bereichen, wie mit den Weinsteins dieser Welt zu verfahren ist.

Phase 4: Ironisierung

140 Zeichen sind rasch getippt, und hinter jedem Wisch lauert der nächste Aufreger. Deshalb kochen Debatten im Netz rasch hoch, sind dann aber ebenso plötzlich verstummt - und unumstößlich gestrig, was in sozialen Medien zu den schlimmsten Eigenschaften zählt. Vielleicht liegt es daran, dass das Wort "Aufschrei" heute so oft mit einem Zwinkern verwendet wird. Und vielleicht nimmt es Aktivistin Tarana Burke deshalb gelassen, dass eine andere den Ruhm für ihren Hashtag erntet: "Mir geht es nicht um eine Kampagne, die viral geht. Es geht um eine Bewegung."

Man kann sich gar nicht genug empören

Der Fall Weinstein hat die Seximus-Debatte in die Gesellschaft geholt. Unter dem Hashtag #MeToo twittern Menschen über Alltagserlebnisse - und zeigen: Das hat nichts mit Hysterie zu tun. Kommentar von Friederike Zoe Grasshoff mehr...