Reykjaviks Bürgermeister Jón Gnarr im Gespräch Mit der Kraft des Nichts

Ein ungewöhnlicher Bürgermeister: Jon Gnarr.

Jón Gnarr wurde mit einem Gaga-Programm zum Bürgermeister von Reykjavik. Jetzt, da ihn alle ernst nehmen, hört er auf. Eine Begegnung in Berlin.

Von Alex Rühle, Berlin

2009 lag Island am Boden. Ein paar Oligarchen hatten sich Banken unter den Nagel gerissen, dänische Firmen und britische Fußballclubs aufgekauft und wurden zu Hause als die modernen Wikinger gefeiert. Leider konnte keiner dieser Wikinger rechnen, und als die große Party zu Ende ging, hatten die Banken einen Berg Schulden angehäuft, der 16 mal so hoch war wie das isländische Bruttosozialprodukt. Dann kam Jón Gnarr. Schauspieler und Komiker, ein ehemaliger Schulversager mit Asperger-Diagnose. Und gründete die Partei "Best Parti". Die Isländer wählten ihn zur großen Überraschung aller - und plötzlich war Gnarr Bürgermeister und Chef von 8000 Mitarbeitern. Warum ihn jetzt alle lieben? "Weil es ihm ernst ist mit seinem Spaß", sagt seine Frau Jóga, mit der er fünf Kinder hat.

Nach Berlin ist Gnarr mit grüner Cargohose, Bergstiefeln, Wollpulli, hochgegeltem Haarschopf und großen Tattoos gekommen. Nach Deutschland ist er gekommen, um aus seinem Buch "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!" vorzulesen, in dem er über seine vier Jahre als anarcho-surrealistischer Bürgermeister schreibt.

SZ.de: Herr Gnarr, als Sie als Bürgermeister anfingen, sagten Sie, Sie könnten nur mit jemanden koalieren, der alle Staffeln der amerikanischen Serie "The Wire" kennt. Kucken Sie immer noch so viele amerikanische Serien wie früher?

Keine Zeit. Manchmal eine Folge aus "24" oder "The Wire", weil ich das auswendig kenne. Wenn ich spätabends heimkomme, gucke ich mir nur noch hirnloses Zeug an wie "Night of the Walking Deads". Ich liebe gute Dokumentarfilme, aber es ist momentan einfach kein Platz dafür.

Wie lange sind Sie denn noch Bürgermeister?

Bis zum 16. Juni. Noch 149 Tage.

Sie zählen die Tage?

Habe ich vom ersten Tag an getan. Ich bin kein Politiker. Ich verbringe nur gerade meine Zeit in der Politik. Wenn ich das sage, winken viele ab: Come on, Sie sind Bürgermeister, natürlich sind Sie Politiker. Ich antworte dann immer: Wenn man Sie ins Gefängnis steckt und Sie haben dort Sex mit Männern - heißt das, Sie sind schwul? Erst wenn ich mit dem Vergleich komme, hören die Leute auf mit ihrem Politikergerede. Was ich erreicht habe: Ich konnte die politische Satire einen entscheidenden Schritt weitertreiben. Ist ja nochmal was anderes, ob man eine Standup-Show über Politiker macht oder ob man als Bürgermeister die Waffen des Humors einsetzt.

Ich habe Ihr Buch gern gelesen, es ist sehr persönlich und witzig, aber Sie schreiben keine Zeile über Ihre politischen Erfolge und Niederlagen der vergangenen vier Jahre. Sie deuten nur einmal an, dass eine Schulreform schwerer ist als einen Friedhof umzuziehen.

Wir mussten einfach was machen, die Schulen waren zu teuer. In Dänemark haben sie Schulen geschlossen, das wollten wir nicht. Stattdessen haben wir Schulen zusammengelegt und damit viele Betriebskosten eingespart. Dadurch wurde mehr Geld frei für Unterrichtsmaterialien, Unterricht und Schülerstipendien. Politisch war das eine ziemlich heikle Sache, aber es war sinnvoll.

War diese Schulreform Ihr größter Erfolg?

Der größte Erfolg war die Strukturreform des städtischen Energieunternehmens. An die Reform hatte sich zuvor keiner rangetraut, obwohl die nahezu bankrott waren. Es ist das mit Abstand größte Unternehmen in Reykjavik. Wir haben uns sofort nach der Wahl einen Rettungsplan überlegt: Stromkosten erhöhen, Leute entlassen und dem Unternehmen die Steuern erlassen.

Klingt nicht sehr populär.

Wir konnten das nur machen, weil wir nichts zu verlieren hatten. Wir wussten, jeder wird uns dafür hassen. Viele sagten: Ich werd Sie nie wieder wählen. Da habe ich gesagt: Ich glaube Sie haben nicht mal die Möglichkeit, mich noch mal zu wählen. Es war sehr hart, aber es hat geklappt. Seither gibt es keine Politiker im Direktorium, sie dürfen keine Schulden mehr machen, der ganze Luxus in den oberen Etagen ist Geschichte. Für die Stadt war es schwierig, weil ein Rieseneinnahmeposten wegfällt. Aber es ist wirklich eine Erfolgsgeschichte. Weil es mutig war.

Auf lange Sicht haben das die Reykjaviker ja auch so empfunden: Sie sind heute noch beliebter als bei der Wahl, und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Ja. Das ist recht ungewöhnlich.

Sie hatten 35 Prozent der Stimmen, als Sie gewählt wurden. Heute würden sogar 37 Prozent der Reykjaviker Sie wählen. Haben Sie je überlegt, weiterzumachen nach den vier Jahren?

Nein, ich wusste immer, dass nach den vier Jahren Schluss ist. Das sollte ein einmaliger Versuch bleiben. Wir hatten ja eine große Verantwortung, dadurch dass uns soviel Menschen ihr Vertrauen geschenkt haben mit ihrer Stimme. Einige aus unserer Gruppe wollten deshalb auch weitermachen und haben Bright Future mitgegründet.

Eine Art landesweite Variation Ihrer Best Parti.

Eher eine liberaldemokratische Partei mit grünen Einsprengseln. Mein Vorschlag war, die Best Parti einfach aufzulösen und jeder, der weitermachen will, geht zur Bright Future. Ich hab keinen messianischen Komplex, aber ohne mich gibt's keine Best Parti. Ich habe sie gegründet, sie wird immer mit meinem Namen verknüpft sein.

Ist die Best Parti überhaupt eine politische Partei?

Nein. Eher ein einmaliges Experiment. Sie ist ja nicht mal demokratisch strukturiert. Wir haben keine Infrastruktur, es gibt keine Mitgliedschaft, wir haben auch kein Programm, keine Theorie, kein Manifest.

Sie haben zu Anfang einfach ihre besten Freunde und Ihre Frau gefragt, ob sie mitmachen wollen.

Ja, Ottar Proppe ist Punksänger, Einar Örn hat die Sugarcubes gegründet und Bjarni ist Bassist in einer Heavy-Metal-Band.

Sind alle dabeigeblieben?

Alle. Bis jetzt. Das ist vielleicht unser größter Erfolg. Einige sind enttäuscht. Schließlich waren es vier sehr harte Jahre. Wir mussten dauernd politisches Notprogramm fahren, Leute entlassen, Verwaltungsarbeit leisten. Wenn wir weitermachen würden, könnten wir jetzt endlich auch schönere, kreative Dinge machen. Elektroautos, Fahrradwege . . .

Das klingt jetzt sehr grau. Aber Sie haben doch auch in den letzten vier Jahren einiges an kreativen Dingen gemacht, die Smileys auf den Ampeln, der "Guten-Tag"-Tag, Ihre Auftritte als Drag Queen.

Das waren eher Spaßaktionen. Aber was wir tatsächlich erreicht haben, ist ein anderer Umgang miteinander im Stadtrat. Wir haben auf alle Diffamierungskampagnen und Angriffe immer freundlich und höflich reagiert. Und nie zurückdenunziert. Und wir haben erreicht, dass Frauen und Männer für dieselbe Arbeit endlich wirklich dasselbe Gehalt und dieselben Verträge bekommen. Aber wegen Ihrer Abdankungsfrage: Ich bin einfach kein Politiker, sondern Comedian. Ich will wieder Bücher schreiben und spielen.