Prozess um Serienvergewaltigungen in Pariser Vorort Urteil wie ein "Schiffbruch"

Immer wieder werden die beiden minderjährigen Mädchen in der Pariser Banlieue zwischen 1999 und 2001 von Horden von Männern vergewaltigt. In Aufzügen, Kellern, Parkgaragen. Gut zehn Jahre später hat ein Gericht die Täter nun verurteilt - zu äußerst milden Strafen. Die Opfer sind entsetzt, Frauenorganisationen schlagen Alarm.

Von Stefan Ulrich, Paris

Die Wohnblocks von Fontenay-sous-Bois, einem Vorort von Paris: sozialer Brennpunkt und Tatort. Vor gut zehn Jahren sollen hier zwei Mädchen über Monate hinweg immer wieder vergewaltigt worden sein.

(Foto: AFP)

Der Prozess fand hinter verschlossenen Türen statt. Doch die Anklageschrift reichte, um die französische Öffentlichkeit tief zu schockieren. In den Jahren 1999 bis 2001 sollen Nina und Aurélie, zwei damals minderjährige Mädchen, unzählige Male vergewaltigt worden sein. Die heute 29 und 28 Jahre alten Frauen schilderten bei den Ermittlungen, wie ganze Horden junger Männer in Wohnanlagen der Pariser Vorstadt Fontenay-sous-Bois über sie hergefallen seien. In leeren Wohnungen, Aufzügen, Kellern, Parkanlagen. Sie hätte sich wie ein Stück Fleisch gefühlt, sagte eines der Opfer. Nun haben Nina und Aurélie den Eindruck, ihr Leben sei ein zweites Mal zerstört worden. Diesmal von der Justiz.

Ein Schwurgericht des Departements Val-de-Marne sprach in der Nacht zum Donnerstag zehn der angeklagten jungen Männer frei. Vier wurden zu eher milden Strafen verurteilt. Die höchste verhängte Strafe beträgt fünf Jahre Gefängnis, davon vier auf Bewährung. Die Angeklagten hatten im Prozess ihre Unschuld beteuert. Einige stritten die Taten ganz ab, andere sagten aus, es sei zwar zum Geschlechtsverkehr gekommen, die beiden Frauen hätten aber zugestimmt.

Die Anwälte der Angeklagten versuchten während der dreiwöchigen Verhandlung immer wieder, Nina und Aurélie in Widersprüche zu verwickeln. Aurélie befindet sich nach einem Selbstmordversuch nun im Krankenhaus. Ob die Staatsanwaltschaft in Berufung gegen das Urteil geht, war am Donnerstag noch offen.

Die beiden jungen Frauen hatten jahrelang keine Anzeige erstattet, aus Angst, wie sie sagten. Nachdem sie sich schließlich dazu durchgerungen hatten, dauerten die Ermittlungen sieben Jahre lang. Das Ergebnis des Prozesses sei für Nina und Aurélie wie ein "Schiffbruch", sagte einer ihrer Anwälte nach dem Urteil. Eine andere Anwältin meinte: "Es geht ihnen schlecht. Das Gericht hat die Aussagen der Opfer nicht anerkannt."

Scharfe Kritik von Frauenrechtlerinnen

Tatsächlich sahen die Richter nur die Vergewaltigungen Ninas als erwiesen an. Ein Missbrauch Aurélies könne nicht nachgewiesen werden. "Das tut sehr weh", sagte Aurélie am Donnerstag. "Ich hätte gar nicht erst Anzeige erstatten sollen." Die französische Justizministerin und die Gleichstellungsministerin zeigten sich betroffen von dem Richterspruch. Frauenrechtlerinnen reagierten empört. "Dieses Urteil sendet eine katastrophale Botschaft an unsere Gesellschaft", kritisierte die Organisation "Osez le féminisme" (OLF). Opfern werde signalisiert, Anzeigen bringen nichts. Die Täter bekämen den Eindruck, Vergewaltigungen seien erlaubt.

Nur jede zehnte vergewaltigte Frau in Frankreich wende sich an die Justiz. Nur zwei Prozent der Vergewaltiger würden am Ende verurteilt. Die Organisation forderte Präsident François Hollande auf, eine nationale Debatte über Gewalt gegen Frauen zu beginnen.