Prozess gegen Amanda Knox Der Mord und das Mädchen

In Perugia hat das Berufungsverfahren im Fall Amanda Knox begonnen. Die wegen Mordes Verurteilte gibt sich bieder - an ihrem Image als durch und durch braves Mädchen scheint seit Monaten gefeilt zu werden.

Von Andrea Bachstein, Perugia

Die langen Haare hat sie abschneiden lassen, und auf die Idee, wieder ein T-Shirt zu tragen, auf dem steht "All You Need Is Love", ist sie auch nicht gekommen. Amanda Knox erschien am Mittwoch in Perugia in einem biederen hellblauen Pullover mit Knöpfchen und Zopfmuster vor Gericht. Es war der erste Tag des Berufungsverfahrens um den Mord an der Austauschstudentin Meredith Kercher, der weltweit Aufsehen erregt hatte.

Amanda Knox am 24. November 2010: Biedere Zurückhaltung vor Gericht.

(Foto: Getty Images)

Die 23-jährige Amerikanerin wirkte ernst und erwachsener als beim Prozess im vergangenen Jahr. Ein Lächeln hatte sie nur für eine Freundin unter den Zuhörern. Im vergangenen Dezember war sie zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Schwurgericht von Perugia hatte sie für schuldig befunden, mit ihrem früheren Freund Rafaele Sollecito und einem dritten Täter am 1. November 2007 Kercher grausam ermordet zu haben, unter Drogeneinfluss und bei Sexspielen, gegen die die 21-jährige Britin sich gewehrt habe. Alle drei erklären sich für unschuldig. Sollecito bekam in der ersten Instanz 25 Jahre Haft. Er steht nun wieder mit Amanda Knox gemeinsam vor Gericht. Beide hoffen diesmal auf einen Freispruch.

"Ciao, wie geht's?"

Am Mittwoch dauerte der Gerichtstermin dann allerdings kaum 20 Minuten, gerade lang genug für ein paar prozesstechnische Formalitäten. Eine Verteidigerin Sollecitos, die auch als Politikerin prominente Anwältin Giulia Bongiorno, war wegen ihrer Schwangerschaft verhindert. Die mehr als hundert Journalisten, Fotografen und Kameraleute, die am Mittwoch wieder in die umbrische Universitätsstadt gekommen waren, mussten nach ein paar spärlichen Bildern und Eindrücken wieder einpacken. Zu berichten ist gerade einmal, dass der 26-jährige Sollecito sich die Haare in der Haft länger wachsen ließ und nun fast dieselbe Frisur hat wie Amanda Knox. "Ciao, wie geht's", begrüßte ihn die 23-Jährige aus Seattle. Das war es dann auch schon. Weiter geht es erst Mitte Dezember.

Aus dem ersten Prozess hatten die aus aller Welt angereisten Medien zeitweise eine Amanda-Show gemacht. "Foxy-Knoxy" oder "Engel mit Eisaugen" wurden der hübschen jungen Frau als Beinamen angehängt. Jedes Foto mit einem Aufschlag aus ihren blauen Augen begeisterte Fans, die überzeugt waren von ihrer Unschuld. Der Eindruck, den Knox erweckte, schien die Phantasien zu beflügeln: Luder oder Unschuld - das waren die Extreme. In den USA wurde das Bild des braven amerikanischen Mädchens von nebenan propagiert. Die Verurteilung von Knox löste dort herbe Polemiken und Proteste aus.

Der Fall wurde zum Politikum.

Meredith Kercher hatte man in Lachen von Blut gefunden. Halb bekleidet, mit diversen Verletzungen und einem tödlichen Stich in der Kehle, sie wies Spuren sexueller Gewalt auf. Getötet wurde sie in ihrem Apartment im selben Haus, in dem Amanda Knox und weitere Studenten wohnten. Knox hatte sich bei ihren Aussagen in Widersprüche verwickelt. Doch die Schuldsprüche stützten sich später vor allem auf Indizien: das Profil eines Küchenmessers aus Sollecitos Besitz, DNS-Spuren an diesem Messer und am BH des Opfers. Die Verteidiger stellten diese Beweise in Frage: Bei den Ermittlungen sei geschlampt, Spuren seien verschleppt worden. Die Indizien zu widerlegen, wird auch im Berufungsverfahren ihre Strategie sein. Sollecitos Anwalt Luca Maori sagte nach dem Termin am Mittwoch, er verspreche sich viel von der neuen Analyse des Computers von Sollecito. An ihm will der Student zur fraglichen Zeit gesessen haben. Auch will die Verteidigung einen inhaftierten Kindermörder als Zeugen aufrufen. Der gibt an, Rudi Guede, der dritte wegen des Mordes Verurteilte, habe ihm im Gefängnis gesagt, Knox und Sollecito seien unschuldig.

Weiterer Prozess erwartet

An Knox' Image als durch und durch braves Mädchen scheint seit Monaten gefeilt zu werden. Was an die Öffentlichkeit gelangt, ist etwa, dass sie im Gefängnis weiter Sprachen studiert, oft betet und jeden Monat Hunderte Fan-Zuschriften beantwortet. Wenige Wochen vor dem Prozessbeginn hat ein Abgeordneter der Regierungspartei PDL, Rocco Girlanda, das schwärmerisch getönte Buch "Ich komme mit dir" vorgestellt, in dem er Gespräche mit Knox im Gefängnis wiedergibt sowie Briefe von ihr. Knox spricht darin über ihren Glauben und ihre Sehnsüchte.

Doch egal, wie nun der Berufungsprozess ausgeht, bereits im Mai muss Knox erneut vor Gericht. Sie hatte ausgesagt, sie sei bei Vernehmungen misshandelt und von einer Polizei-Übersetzerin zu falschen Angaben gedrängt worden. Das hat ihr nun auch eine Anklage wegen Falschaussage und Verleumdung eingebracht.