Protestantismus nach der Papstwahl Lob des Unsichtbaren

Alle Welt redet nur von Papst Franziskus. Die Protestanten sollten sich deshalb nicht als Vatikan im Kleinformat in Szene setzen.

Von Petra Bahr

Jetzt ist Schluss mit dem Karneval, soll Franziskus, der neue Papst, in der Sakristei der Sixtinischen Kapelle ausgerufen haben, als es ans Umkleiden ging. Weg mit den Schuhen vom italienischen Designer-Label. Raus aus dem Theater der Macht, den liturgischen Pathosformeln des Mittelalters und des Pomps, hinter dem vielen Zeitgenossen eher Geldwäsche als Gottesdienst vermuten. Die Show ist zu Ende. Besinnt euch auf das Leben Jesu Christi und folgt ihm nach. Als schlichter Glaubensbruder will der Neue sein Papstamt ausfüllen. Seine Botschaft ist anrührend und klar. Die Medien überschlagen sich vor Begeisterung. Was für eine Inszenierung, rufen die Kommentatoren der Welt. Sogar auf dem Boulevard reüssieren Worte wie Demut oder Bescheidenheit.

Was Franziskus auch tut, aus dem Inszenierungskreislauf kommt er nicht raus. Das Papstamt ist wie gemacht für die Gesetze absoluter Sichtbarkeit. Jede Geste, jeder Aspekt der Biografie wird ausgeleuchtet. Im Internet kursiert ein böses Gerücht. Der Neue sei zu protestantisch, zu authentisch, ein Individualist und "Andersmacher". Die Kurie werde es schwerhaben mit ihm. Das klingt nach Einflussangst. Ein Jesuit wird protestantischer Umtriebe beschuldigt.

Das Amt, das wie kein anderes unabhängig vom Charisma der Person zu sein schien, erscheint nur noch als ins Absolute gesteigerte Beobachtung eines Individuums. Dieses Individuum muss offenbar die Zukunft des ganzen Christentums tragen. Man mag darin eine Volte der Geschichte sehen, war das doch der Vorwurf des vorherigen Papstes an die Protestanten. Sie seien die Verursacher des Kultes um das Individuum, das sich selbst überfordert und die Welt entweder zu einem Oberflächenphänomen oder zur folgenlosen Innerlichkeit verkommen lässt.

Im Spektakel der vergangenen Wochen blieb dem Protestantismus nur die Rolle der Schattenkonfession. Ihr seid unsichtbar, also gibt es euch nicht, kommentierte lakonisch ein Medienberater, der sich auf Bierwerbung versteht. Natürlich stehen auch evangelische Christen im Bann der Bilder aus Rom. Sie sind besonders empfänglich für die Gesten des Ausbruchs aus dem monarchischen Pomp und ritualisierten Glaubensglamour. Ob das schon kleine Reformationen sind, bleibt abzuwarten. Aber die Mahnung von Franziskus, die Kirchen müssten raus aus ihrem Narzissmus, aus ihrem Hang zur Besitzstandswahrung und aus der Mutlosigkeit, die aus der Selbstfixierung kommt, können auch evangelische Christen für sich gelten lassen.

Im Geiste dieser Neubesinnung muss auch die evangelische Konfession sichtbar sein. Unsichtbar sind die Kirchen der Reformation dagegen nach den Gesetzen der Medienwelt. Sie sind zersplittert in Traditionen und Deutungsgemeinschaften. Sie sind in ihrer Religionskultur immer noch eng an die Nationalstaaten gebunden. Es gibt keine globale Zentralperspektive und keine Institution, die autoritär über die Blickrichtungen wacht. Die Deutung der Schrift und die Aneignung der Tradition sind jedem Gläubigen anvertraut. Deshalb kann es keinen protestantischen Einheitslook geben. Warum sollen wir uns denn die Gesetze der Medien zu eigen machen oder, noch schlimmer, in die Falle der Larmoyanz tappen? Warum sich der Diktatur der Quoten unterwerfen, die vom Zuspitzen, Ausblenden und von Polarisierung leben? Sichtbar sind Christinnen und Christen im Alltag, da, wo keine Kamera hinkommt, an Krankenbetten und in Forschungslaboren, in Kinderzimmern und Amtsstuben, in jenen Orten des Lebens, wo christliche Haltungen nicht von vorneherein feststehen, sondern oft ertastet werden müssen.

In normalen Gemeinden, nicht an den Bildschirmen, entscheidet sich, ob Menschen die Botschaft von der befreienden Gnade Gottes überzeugend finden oder nicht. In guten Gottesdiensten, die theologisch und ästhetisch stimmig sind. In Predigten, die sich aus der Deckung politisch korrekter Sätze wagen. Parteilichkeit für die Armen gedeiht zuerst in der Nachbarschaft. Und sie verlangt neben moralischen Appellen auch politischen und wissenschaftlichen Sachverstand.

"Wir sind alle irgendwie Papst", hat eine 13-Jährige meinem fünf Jahre alten Sohn erzählt. Das Bild ist nur leicht schief. Denn in der Tat ist nach evangelischem Selbstverständnis die Kirche als Institution mit ihren Ämtern kein Selbstzweck, den es zur Not auch gegen die Gläubigen zu verteidigen gilt. Schon gar nicht ist sie das ästhetisch überhöhte Andere zur modernen Welt, also die Kirche, die im Feuilleton so beliebt ist, weil sie mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat. Das Individuum, das sich des "unendlichen Wertes der Menschenseele" (Adolph von Harnack) bewusst ist, das sich getragen weiß und die eigene Sehnsucht nach autoritären Strukturen bis in den Himmel hinein an Karfreitag scheitern sieht, hat durchaus eine Passion für andere. Es lebt in und aus Beziehungen und ist so Teil der Kirche, als "Gemeinschaft der Heiligen".

Deshalb ist es gut, wenn evangelische Christinnen und Christen sich mit theologischer Urteilskraft und innerer Freiheit in Fragen einmischen, die uns beschäftigen. Aus dem Schatten Roms treten die Evangelischen aber nicht, indem sie sich als Vatikan im Kleinformat in Szene setzen.

Der Protestantismus wird da sichtbar, wo er seinen eigenen Einsichten vertraut. Das heißt zum Beispiel, der Weltlichkeit der Welt etwas Positives abzugewinnen und auch öffentlich Nachdenklichkeit zu praktizieren, wo der Entscheidungsdruck und die geforderte Meinungsstärke sich zu vermeintlichen Alternativlosigkeiten verfestigen. Das heißt, dem Einfluss von anonymer Schwarmintelligenz laut zu misstrauen und endlich wieder eine Lanze für Anmut und Würde des Individuums zu brechen. Die streitbare Deutung der Schrift und die Frage, was es heißt, sich der Botschaft Jesu Christi heute anzuvertrauen, macht die Freiheit eines Christenmenschen aus. Sie braucht Sinn für Bildung und das gute Argument des anderen, Humor, eine Haltung des Gebets und den Mut, was zu riskieren - selbst um den Preis der Geschlossenheit, die vermeintlich erst zur Sichtbarkeit führt.

Evangelische Christinnen und Christen sind "ja, aber"-Menschen, auch wenn das nicht zuträglich ist für Talkshowkarrieren. Die Sichtbarkeit der evangelischen Konfession liegt, das hat Lukas Cranach als Künstler der Reformation gezeigt, im eigensinnigen Profil von Gesichtern mit Falten, einem Mund zur freien Rede und Augen, die genau hinsehen.

Diese Heiligen tragen selten rote Schuhe, sie sind absolut fehlbar und doch die Repräsentantinnen und Repräsentanten Christi auf Erden.