Projekt "Skateistan" Bretter zum Glück

Einen Ort wie "Skateistan" dürfte es in einem Land wie Afghanistan eigentlich nicht geben: Kinder rasen hier frühmorgens auf Skateboards durch die Halle, anschließend haben sie Unterricht.

Von Stefan Klein, Kabul

Hanifas Tag beginnt mit einem Sturz. Es ist die steilste Rampe in der ganzen Halle, "Wall Ride" sagen die Skater dazu, weil man über eine fast senkrechte Wand rollt, der Schwerkraft zum Hohn. Hanifa, 14, nimmt Anlauf, saust die Steilwand hoch, dreht ihr Board an der höchsten Stelle, saust wieder herunter - und landet bäuchlings auf dem Hallenboden.

Macht nichts. Kann selbst Afghanistans bester Skateboarderin passieren. Es hat geschneit in der Nacht zuvor, es ist kalt in der Halle, vielleicht sind Hanifas Glieder noch nicht geschmeidig genug für das kleine Kunststück am Morgen. Aufgerappelt hat sie sich schnell, und dann ist sie auf einmal nicht mehr Skaterin, sondern Trainerin.

13 kleine Mädchen, Anfängerinnen, sind an diesem Tag angetreten für ihre Übungsstunde. Mit ihren Helmen, Knie- und Ellbogenschützern sehen sie aus wie Kriegerinnen im Miniaturformat, und Mut braucht es ja auch, um auf den wackeligen Brettern in der Halfpipe von einer Seite auf die andere zu rasen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Rauf und runter, hin und her, es geht darum, ein Gefühl für das Brett zu bekommen. Die Ängstlicheren hält Hanifa an der Hand. Sie und ihre Schwester Shogofa sowie ein drittes Mädchen namens Shazia haben die Kinder in Gruppen aufgeteilt, eine Dreiviertelstunde wird nun intensiv geübt, und den Mädchen wird es warm. Danach ist Schulunterricht.

Jeder zweite Afghane ist ein Kind unter 15 Jahren. Aber was heißt schon Kindheit in einem Land, in dem die Männer um Macht, Geld und Einfluss kämpfen? Schule ist hier ein Glück, viele Familien schicken ihre Kinder zum Arbeiten auf die Straße, allein in Kabul gibt es etwa 80 000 solcher Kinder, die Autos waschen, Kaugummi verkaufen oder sich prostituieren.

Eines Tages taucht die Mutter auf: Mit der Skaterei sei sofort Schluss, die Tochter müsse Geld verdienen

Aber manchmal wird dem Elend der Kinder etwas entgegengesetzt, und dann sieht man plötzlich Kinder Skateboard fahren. Oder öffnet im Südwesten Kabuls eine Tür zu einem Garten und sieht: einen Jungen auf einem Hochrad, zwei Mädchen, die sich gegenseitig sieben Kegel zuwerfen und es schaffen, sie eine Zeit lang in der Luft zu halten, einen jungen Burschen, der auf einer Bühne akrobatisch durch die Luft fliegt.

Willkommen im Kinderzirkus. Es waren zwei Dänen, die die Idee für diesen Ort hatten, Berit Muhlhausen und David Mason. Es geht darum, die kindliche Energie - hart geworden durch Krieg und Entbehrung - wieder locker zu machen und neu auszurichten, auf etwas, das Spaß macht und Freude bringt. So wurden Talente geweckt, Kinder wurden mit der Zeit besser als ihre Lehrer, trainierten andere Kinder, traten gemeinsam auf, und plötzlich war Zirkus im Land.

Eines Tages, neun Jahre ist es her, stand ein schlaksiger Australier namens Oliver Percovich unter den Jongleuren und Akrobaten, staunte und dachte, es ist ja doch einiges möglich in diesem Land. Er war selber Jongleur, schon mit sechs Jahren hatte er gelernt, Skateboard zu fahren, dann war er durch die Welt gereist, hatte mal hier gejobbt, mal da, und war schließlich in Afghanistan gelandet. Mit drei Skateboards im Gepäck.

Die Idee, die Percovich dann hatte, hielten viele für eine Schnapsidee. Skaten? Im Krieg? In einem Land, in dem man so ein Brett mit Rollen allenfalls mal im Fernsehen gesehen hatte? Doch der Traveller aus Australien ließ sich nicht beirren. Afghanische Kinder zu Skatern machen und ihnen gleichzeitig eine ordentliche Schulbildung verpassen, das ist die Grundidee seines Projektes "Skateistan", das inzwischen die Welt zu erobern scheint.

Skateistan unterhält heute einen Skatepark in Kambodscha, ein weiterer in Südafrika ist derzeit im Bau, Parks in Brasilien und Jordanien sind angedacht, aber nirgendwo ist das Konzept so fest verankert wie in Afghanistan. Ausgerechnet.

Mit einer Halle in Kabul fing es an, eine zweite in Masar-i-Scharif kam dazu. Beide sind bestens ausgestattet: Mit Rampen, die ein Spezialist aus Passau, Andreas Schützenberger, unentgeltlich gebaut hat, und mit Klassenräumen. 1200 Kinder werden dort unterrichtet, auf rollenden Brettern und auf der Schulbank. Viele sind von der Straße, fast die Hälfte Mädchen.

Trainerin Hanifa war Teeverkäuferin in einem Park, bevor sie zu Skateistan kam. Schon nach ihren ersten Stunden war klar: ein Naturtalent. Doch dann blieb sie weg, kam irgendwann wieder, blieb erneut weg und tauchte schließlich mit ihrer Mutter auf. Sie könne sich nicht leisten, die Tochter ihrem Vergnügen nachgehen zu lassen, auch wenn es mit Schule verbunden sei, Hanifa müsse Geld verdienen, erklärte die Mutter.

Weil die 14-Jährige eine große Begabung war, machte Skateistan sie zur Trainerin und gab ihr zusätzlich einen Putzjob. Ein Monatsgehalt von umgerechnet 270 Euro kam so zusammen, und da auch Shogofa für ihre Trainerarbeit bezahlt wird, konnten die beiden Schwestern weiter skaten und ihr Talent für andere nutzbar machen. Schulunterricht allerdings war neu und fremd, und Hanifa tat sich schwer. Inzwischen hat sie jedoch so weit aufgeholt, dass sie in eine normale Schule gehen kann.

Das Konzept funktioniert, trotzdem macht sich Oliver Percovich, 41, Sorgen. Die Spendenbereitschaft lahmt. Andere Konflikte, vor allem der syrische, haben sich in den Vordergrund gedrängt, und das Interesse der Weltöffentlichkeit an Afghanistan ist zurückgegangen. Skateistan bekommt das zu spüren. 700 000 US-Dollar (umgerechnet 640 000 Euro) braucht man jedes Jahr für die beiden Skateparks mit ihren insgesamt 50 Angestellten, im vergangenen Jahr hat das Geld gerade so noch gereicht.

Für die Zirkusleute ist es noch ärger. Afghanistan ist vergessen, sagen sie und beklagen, dass sie zwar viele Ideen, aber nicht mehr das Geld haben, um diese umzusetzen. Ihr Budget mussten sie eindampfen und Angestellte entlassen. Dabei hat man sich gut etabliert und sogar unter den Mullahs Freunde gefunden. Wer alle Vorführungen mit einer Lesung aus dem Koran beginnen lässt, kann nicht des Teufels sein.

Die Taliban freilich bleiben eine Gefahr, sie sind gegen alles, was Spaß macht, ein skatendes oder jonglierendes Mädchen dürfte der Horror für sie sein. Noch hat es keine gezielten Anschläge gegeben, doch Kabuls Straßen sind gefährlich. Skateistan hat bei Selbstmordanschlägen bereits vier Kinder verloren. Um das Risiko zu verringern, holt man die Mädchen heute in Bussen von zu Hause ab und fährt sie zum Skatepark hin und auch wieder zurück.

Sport und Spaß in Zeiten des Krieges: Kinder, die geprägt sind von Elendslagern oder zerbrochenen Familien und nichts kannten als Kampf ums Überleben, blühen plötzlich auf. Als kleine Bühnenstars haben sie zum ersten Mal das Gefühl, etwas wert zu sein. So schildern es die beiden Dänen von ihrem Zirkus. Oliver Percovich spricht von der "Hoffnung", die Skateistan erzeugt hat, in einem ansonsten hoffnungslosen Umfeld.

Percovich hat heute viele Bewunderer, sein Projekt gilt als so beispielhaft, dass es sogar in der Rede Erwähnung fand, die Afghanistans Präsident im vergangenen Jahr auf Staatsbesuch in Washington vor dem US-Kongress hielt. Aber vielleicht ist es noch wichtiger, dass eine zuvor Verlorene wie Hanifa Halt und einen Platz gefunden hat im Leben. Sie mag manchmal stürzen, aber sie steht jedes Mal wieder auf.

2020 wird Skateboarding in Tokio olympische Disziplin, die meisten Teilnehmer sind Männer, die Zahl der Skaterinnen ist überschaubar. Percovich erwähnt das nur, emotionslos, er würde Hanifa deshalb nicht antreiben. Sein Traum ist, dass eines Tages eine Frau Präsidentin wird in Afghanistan, die Skateistan durchlaufen hat, als Skaterin und Schülerin. Schon wieder so eine Schnapsidee, aber Vorsicht, der Mann hat schon einmal alle überrascht.