Posse um Berliner Erzbischof Woelki Toleranzbotschafter wider Willen

Öffentlich hat Rainer Maria Woelki über die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften nachgedacht. Als Erzbischof von Berlin ist das bemerkenswert, sogar so sehr, dass der Kardinal nun den "Respektpreis" bekommen soll. Doch der Geehrte wehrt sich: Aus Furcht vor der eigenen Courage - und seiner Kirche?

Von Constanze von Bullion

Vielleicht sollte man nicht von Fracksausen sprechen bei einem Mann, dessen wichtigstes Dienstgewand der scharlachrote Talar ist. Auch das Wort "Bammel" wäre eher unangemessen für einen, der wie Rainer Maria Woelki Erzbischof der deutschen Heidenhauptstadt Berlin ist, mithin tapfer, und mit 56 Jahren der jüngste Kardinal der Welt. Seit 15 Monaten versieht Woelki sein Amt als oberster Katholik der Metropole. Er hat der unbotmäßigen Stadt beherzt die Hand entgegengestreckt, lebt im Arme-Leute-Viertel Wedding und hat sich bei den Berlinern mit seinem rheinisch-robusten Humor mehr Sympathien erworben als erwartet.

Nun aber haben Stadt und Kirche den Kardinal das Fürchten gelehrt. Rainer Maria Woelki will sich nicht mit dem "Respektpreis 2012" ehren lassen, der Persönlichkeiten auszeichnet, die sich gegen die Ausgrenzung Homosexueller engagieren.

Der Kardinal, ein Konservativer unter den deutschen Bischöfen, der an der Opus-Dei-Univerität in Rom promoviert hat und im Kölner Bistum des Joachim Meisner sozialisiert worden ist, hatte beim Kirchentag im Mai gesagt: "Ich halte es für vorstellbar, dass dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung leben, dass das in ähnlicher Weise zu heterosexuellen Partnerschaften anzusehen ist."

Im Zickzack durch das Labyrinth katholischer Sexualethik

In Interviews ließ Woelki erkennen, dass er sich durchaus Gedanken gemacht hatte über das Thema. Der Katechismus verbiete es, Homosexuelle "ungerecht zurückzusetzen", sagte er, also könnten ihre Beziehungen auch "nicht ausschließlich" als Verstoß gegen das natürliche Gesetz betrachtet werden.

Immer hat Woelki dabei betont, er stehe fest zur katholischen Lehre, die homosexuelle Handlungen als sündhaft missbillige. Respekt also ja, Sexualität nein, Gleichstellung sowieso nicht - in entschlossenem Zickzack stapfte der Kardinal durch das Labyrinth katholischer Sexualethik.

Immerhin, ein Dialog kam in Gang, befand das Berliner Bündnis gegen Homophobie, zu dem neben Klaus Wowereit die evangelische Kirche, die Polizei und etliche Verbände gehören. Es nominierte Woelki für den "Respektpreis 2012", zusammen mit einer Kabarettistin, einer Frauenrechtlerin und dem schwulen Theologen David Berger.

Da hat den Kardinal der Mut verlassen - oder das Grauen gepackt, so genau weiß man das nicht. Er wolle nicht für etwas "Selbstverständliches" wie die Achtung aller Menschen geehrt werden, ließ er wissen. Glauben mochte das kaum einer in Berlin.

Woelki sieht sich offenbar dem Druck aus den eigenen Reihen nicht mehr gewachsen. Seit seinen Anmerkungen zur Homosexualität wird er im Netz als "Höllenhirte" beschimpft. Auch hochgestellte Kirchenleute sollen ihm böse Briefe geschickt haben.

In der Erzdiözese Berlin hofft man nun, dass das Bündnis gegen Homophobie nicht zum Äußersten schreitet - und dem Kardinal den unerwünschten Preis dennoch überreicht. So nach dem Motto: Jetzt erst recht.