Papst Johannes Paul II. Pontifex der Globalisierung

Papst Johannes Paul II. wird heilig gesprochen

(Foto: dpa)

Papst Johannes Paul II. veränderte die Welt: Er trug zum Ende des Kommunismus bei, suchte den Dialog mit Muslimen und machte die Kirche zu einem Global Player der Moral. Doch es gibt auch eine andere Seite.

Von Matthias Drobinski

Es war das öffentliche Sterben, das die Menschen rührte. Da ging einer vor den Augen der Welt dem Tod entgegen, zitternd und mit ersterbender Stimme; sechs Tage vor seinem Tod am 2. April 2005 erteilte Papst Johannes Paul II. stumm den letzten Ostersegen. Es war, als spiegele sich im Leiden des Papstes das Leiden Christi und das Leid der Menschheit. Johannes Paul II. hat das nach allem, was sich über die letzten Tage eines Menschen sagen lässt, auch so gesehen: Ich muss den Weg zu Ende gehen, den Gott mir gewiesen hat. Ohne dieses Sendungsbewusstsein sind die 26 Jahre seines Pontifikats nicht zu verstehen.

Als im Oktober 1978 die Kardinäle der katholischen Kirche zusammentreten, um einen neuen Papst zu wählen, sind sie geschockt: Johannes Paul I. ist nach nur 33 Tagen im Amt überraschend gestorben. Die Kirche braucht einen gesunden, tatkräftigen Pontifex, da ist sich die Versammlung einig. Sie entscheidet sich für Karol Wojtyła, den erst 58 Jahre alten, sportlichen Mann aus Polen, der vermittelbar erscheint zwischen dem konservativen und dem liberalen Lager. Sie entscheiden sich für den ersten Nichtitaliener seit 450 Jahren, einen Mann, erfahren im Widerstand gegen die Nazi-Besatzer aus Deutschland und die Kommunisten. "Du wirst die Kirche ins dritte Jahrtausend führen", sagt ihm der Warschauer Kardinal Stefan Wyszinsky nach der Wahl.

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"Santo subito!", rief die Menge nach seinem Tod - "sofort heiligsprechen!"

Die ersten Auftritte des neuen Papstes sind triumphal. "Habt keine Angst", ruft er den Menschen auf dem Petersplatz zu, "öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen und Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine Macht!" Sein Vorgänger Paul VI. ist ein grüblerischer Mann gewesen, Johannes Paul II., das Schauspieltalent, kann die Menge begeistern, er wird zum Medienstar; Menschen, die ihm begegnen, beschreiben ihn als herzlich und brüderlich. Und er beginnt die Welt zu bereisen: Wo es Katholiken gibt, da will auch er irgendwann einmal sein.

Vor allem seine Besuche in Polen sollen die Welt verändern. Pfingsten 1979 kommen Hunderttausende aus dem ganzen Land unter widrigsten Bedingungen zusammen. Die Papstbegeisterung zeigt den Zentralkomitees in Warschau und Moskau: Es gibt eine geistige Macht, die ist stärker als alle Bataillone und geheimdienstliche Raffinesse. Es ist die Kraft dieser Idee, die Johannes Paul II. zum Ende des Kommunismus beiträgt. 1979 hat er sie in seinem Rundschreiben "Redemptor Hominis" ("Erlöser der Menschen") formuliert: Die katholische Kirche muss weltweit für die Menschenrechte, Gerechtigkeit und Religionsfreiheit eintreten. Dem bleibt er auch nach 1989 treu und kritisiert in zunehmender Schärfe den westlichen Kapitalismus mit seiner Konsumorientierung, seiner Wirtschaft auf Kosten Anderer.

Das ist der revolutionäre Johannes Paul II., der seine Kirche ins neue Jahrtausend führt, der im Jahr 2000 mutig die Sünden der Kirche in der Vergangenheit bekennt, den Dialog mit den Muslimen sucht. Es ist der Papst, der im Zeitalter der Globalisierung seine Kirche zu einem Global Player der Moral macht. Doch es gibt auch die andere Seite: Die 26 Jahre seines Pontifikats bedeuten auch ein Vierteljahrhundert des innerkirchlichen Stillstands und der Verhärtung. Johannes Paul II. straft missliebige Theologen ab, Hans Küng genauso wie den brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff, Denker aus Asien ebenso wie Frauen, die nicht auf Linie sind. Gerade beim Thema Sexualität wird in diesen Jahren der Graben zwischen der Lehre und den Gläubigen immer tiefer. Karol Wojtyła gehört zu jener Minderheit der Kirchenvertreter, die 1968 dem damaligen Papst raten, künstliche Verhütungsmittel für unmoralisch zu erklären - und sich durchsetzen. Und weil er sich als Gesandter Gottes sieht, weil er fest glaubt, dass die Jungfrau Maria am 13. Mai 1981 die Kugel des Attentäters Ali Ağca sein Herz verfehlen ließ, damit er seinen Auftrag erfülle, kann er da nicht nachgeben.

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Das lässt ihn dramatische Fehlentscheidungen treffen, lässt ihn Menschen zu Bischöfen ernennen, die wenig Eignung für das Amt mit sich bringen, Kardinal Hans Hermann Groër aus Wien, dem bald ehemalige Seminaristen vorwerfen, er habe sie sexuell missbraucht. Unbeirrt hält Johannes Paul II. auch an Marcial Maciel fest, dem Gründer der reaktionären Vereinigung "Legionäre Christi" - auch als immer mehr seiner sexuellen Gewalttaten bekannt werden. Die Kirche muss stark und fest stehen, sie darf nicht in ihre eigenen Abgründe sehen. Der Missbrauchsskandal, der sich im Jahr 2010 offenbart, ist der Skandal von Johannes Paul II.

Wann ist jemand heilig? Wenn er alles richtig gemacht hat, wenn die guten Taten das Versagen mehr als aufwiegen, wenn einer nur eine einzige große Tat getan hat? Im Fall des Karol Wojtyła hat die katholische Kirche diese Frage zur Seite geschoben, sie ist dem Ruf der Millionen gefolgt, die im April 2005 "santo subito!" riefen: sofort heiligsprechen! Sein Nachfolger Benedikt XVI. hat die Zeit verkürzt, die zwischen dem Tod und der Heiligsprechung liegen soll, praktischerweise haben sich kurzfristig zwei Wunder ergeben, vollbracht an frommen Frauen. Das Express-Verfahren musste keine Verzögerungen in Kauf nehmen. Die Millionen Menschen, die an diesem Sonntag die Stadt Rom mit frommer Begeisterung füllen werden, dürften es mit Dankbarkeit zur Kenntnis nehmen.

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