Organspende-Skandal in Göttingen "Angebote an Lebern kommen wie die Flugzeuge"

Im Prozess um manipulierte Wartelisten für Spenderorgane hat der angeklagte Oberarzt das Vergabesystem heftig kritisiert. Es fehle nicht an Organen, aber diese kämen bei den falschen Patienten an - bei den Schwerkranken, die oftmals trotzdem sterben.

Von Annette Ramelsberger, Göttingen

Glaubt man dem Lebertransplanteur Aiman O., dann gibt es für schwerkranke Patienten in Deutschland keinen Mangel an Spenderorganen. Im Gegenteil. Steht man auf der Rangliste der Patienten, die dringend eine neue Leber brauchen, nur weit genug oben, dann gibt es Lebern im Überfluss. "Die Angebote an Lebern kommen dann wie die Flugzeuge am Frankfurter Flughafen", sagt Aiman O. "Eine nach der anderen. Manchmal zehn am Tag. Der Operateur kann da ganz entspannt sein." Oft lehne ein Arzt 20, 30 Lebern ab, bevor er eine Leber für gut genug erachte für seinen Patienten. Bei einem Patienten seien sogar 99 Lebern abgelehnt worden. Wer den Prozess gegen den Lebertransplanteur Aiman O. in Göttingen verfolgt, bekommt völlig neue Einblicke in Deutschlands Gesundheitssystem.

Juristisches Neuland

Der Göttinger Oberarzt ist in einem bundesweit einmaligen Verfahren angeklagt des elffachen versuchten Totschlags und der dreifachen Körperverletzung mit Todesfolge. In den elf Fällen soll er Patientendaten so manipuliert haben, dass Menschen, die auf der Warteliste weit unten standen, ganz nach oben rutschten und deswegen schneller ein Organ bekamen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deswegen vor, dass er billigend in Kauf genommen habe, dass kränkeren Patienten ein Organ versagt blieb und sie deshalb womöglich starben. Er ist deswegen des versuchten Totschlags angeklagt. In den drei andere Fällen wird O. vorgeworfen, Patienten operiert zu haben, die noch gar keine neue Leber benötigten. Es ist juristisches Neuland, das das Landgericht Göttingen betritt. Gesellschaftlich hatten die Ermittlungen gegen den Arzt bereits gravierende Auswirkungen: Die Spendebereitschaft ist drastisch gesunken.

Und nun versuchen seine Verteidiger zu erklären, dass es gar keinen Tod auf der Warteliste gibt - wegen des Überangebots. Wenn Lebern fehlten, dann für die Menschen, die noch nicht so mitgenommen sind. Auch Richter Ralf Günther scheint erstaunt zu sein: "Bedeutet das, dass man, salopp gesagt, ein Organ einfach sausen lassen kann? Ist das Praxis in Deutschland?" "Das ist mehr als eine Praxis", sagt der Angeklagte O., "das wird überall in Deutschland so gehandhabt." Seit 2006 gebe es dieses Überangebot für Patienten, die sehr krank seien. Doch, das sagt der Angeklagte Doktor O. auch, diese Menschen seien schon so mitgenommen von ihrer Krankheit, dass sie oft mit ihrem neuen gesunden Organ schnell sterben, "das ist das eigentlich Tragische."

Binnen Tagen eine neue Leber

Grundlage für die Verteilung von Lebern ist der MELD-Score, durch den der Gesundheitszustand von schwer leberkranken Patienten anhand von Blutwerten erfasst wird. Der niedrigste Wert ist 6, der Höchstwert 42. Bei einem Punktwert von 26 liegt die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten drei Monaten zu sterben, bei 28 Prozent. Hat man einen Wert von 40, liegt diese Wahrscheinlichkeit schon bei 98 Prozent. Wer einen Wert von 30, 35 erreicht, bekommt sehr schnell eine Leber. Andere warten länger. Die Staatsanwaltschaft wirft Doktor O. vor, seine Patienten ohne Rücksicht auf andere in diesen für sie günstigen Bereich gehievt zu haben.

Die Kammer hat sich die Mühe gemacht, für jeden angeklagten Fall der Manipulation zu recherchieren, was aus denjenigen Kranken wurde, denen die Patienten von O. vorgezogen wurden. Einer dieser bevorzugten Patienten sprang durch die Manipulationen gleich von Rang 34 auf Rang 2 und erhielt binnen Tagen eine Leber. Der Richter fasst die Recherchen zusammen: Der Patient auf Rangnummer 3 bekam ein Organ und lebt. Nummer 4 bekam ein Organ und starb nach der Operation. Nummer 5 bekam ein Organ und lebt, Nummer 6 bekam ein Organ und ist gestorben. Nummer 7 bekam ein Organ, er hatte sogar sieben Angebote. Nummer 8 wurde von der Liste genommen, weil sich sein Zustand besserte. Nummer 9 bekam ein Organ und starb, Nummer 10 lebt. Es ist nicht einfach zu klären, ob die Verzögerung durch die Manipulationen schuld am Tod anderer Kranker war, weil die Ursache für deren Tod ja auch anderswo liegen kann.

Die Verteidiger des Angeklagten greifen das Verteilungssystem nach dem MELD-Score insgesamt an, das von der Bundesärztekammer eingeführt wurde und mit dem die europäische Organverteilzentrale Eurotransplant arbeitet. Und Doktor O. sagt, auch ein Mensch mit einem MELD-Wert von nur 6 könne todkrank sein. Das könne immer nur der Arzt direkt entscheiden. Folgt man dieser Argumentation, dann wäre das MELD-System für jeden Transplanteur hinfällig und der Arzt müsste nur seinem eigenen Gewissen folgen.

Verdacht auf Korruption hat sich nicht bestätigt

Die Verteidiger greifen auch immer wieder die Staatsanwaltschaft an. "Wir haben Zweifel daran, ob ein echtes Aufklärungsinteresse der Staatsanwaltschaft besteht", sagt Verteidiger Steffen Stern. "Wir bemühen uns hier alle um Aufklärung", beschwichtigt der Richter.

Doktor O. erzählt. Von seinen Überstunden, seinem Arbeitsethos. Er erklärt ausführlich, "damit Sie das auch richtig verstehen, Herr Vorsitzender". Seine Frau ist an seiner Seite. Auf den Besucherbänken sitzen ehemalige Patienten von Doktor O. Sie wollen ihm die Hand schütteln, er erkundigt sich in der Pause nach ihrem Befinden. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie das war, als Doktor O. noch der Mann war, der ihnen das Leben zurückbrachte. Als er Herr über Leben und Tod war. Und sich dafür vielleicht passende Regeln schuf.

Bekannt wurde der Organtransplantationsskandal durch einen anonymen Anruf. Ob man sich in der Universitätsmedizin Göttingen auch Organe kaufen könne, fragte da eine Frau im Juli 2011 - und nannte Namen. Darauf setzten interne Ermittlungen ein. Eine externe Kommission von erfahrenen Transplanteuren sah sogar 37 Verdachtsfälle der Manipulation, dazu acht Fälle, in denen ohne Indikation operiert wurde und fünf, in denen sogar gegen eine Indikation operiert wurde. Die Staatsanwaltschaft klagte dann 14 Fälle an. Der Verdacht der Korruption gegen Doktor O. habe sich nicht bestätigt, sagte der Leiter "Soko Leber" am Freitag vor Gericht.