Österreich Tote Flüchtlinge im Kühllaster - Ermittler wussten von Schleuserfahrten

Der Kühlwagen, in dem auf der A4 südlich von Wien die Leichen der Flüchtlinge gefunden wurden.

(Foto: dpa)
  • Das verantwortliche Schleppernetzwerk hatte vor der tödlichen Fahrt bereits mindestens 28 ähnliche Fahrten organisiert.
  • 13 Tage vor der Todesfahrt begannen ungarische Ermittler Telefone der Schleuser abzuhören und die Gespräche aufzuzeichnen.
  • Allerdings hatten die ungarischen Behörden die Telefonate offenbar nicht rechtzeitig übersetzt und ausgewertet.

Es war eines der großen Bilder des Sommers 2015: Am 27. August wurde auf der österreichischen Autobahn A4 bei Parndorf ein Lastwagen entdeckt, abgestellt in einer Pannenbucht bei Parndorf. Doch im Frachtraum des verlassenen Kühllasters fand die Polizei keine Tiefkühlware, sondern die Leichen von 71 Menschen. Es waren Flüchtlinge, 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder, alle erstickt.

Womöglich hätte der qualvolle Tod dieser Menschen aber verhindert werden können. Das ergeben Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Demnach hörten ungarische Ermittlungsbehörden die Telefone der wichtigsten Köpfe der mutmaßlich verantwortlichen Schleuserbande bereits zwei Wochen vor der tödlichen Fahrt, die von Ungarn nach Deutschland führen sollte, ab und zeichneten dabei ähnliche Taten auf, bei denen Flüchtlinge zum Teil kurz vor dem Ersticken waren. Und auch bei der Todesfahrt liefen die Aufnahmegeräte der ungarischen Ermittlungsbehörden. Dennoch sind die Behörden nicht sofort eingeschritten, weil nach ihren Angaben die Gespräche erst später - nach der Todesfahrt - ausgewertet worden seien.

In der Ermittlungsakte, die Reporter von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung zum Teil einsehen konnten, finden sich Hunderte Seiten Gesprächsprotokolle über lebensgefährliche Schleusungen desselben Netzwerks - auch aus der Zeit vor der entscheidenden Todesfahrt. Immer wieder berichten in den Telefonaten die zumeist bulgarischen Fahrer den Drahtziehern darin von klopfenden und schreienden Flüchtlingen, die Todesangst haben. So alarmiert ein Fahrer seinen Komplizen beinahe panisch: "Bitte ruf die Leute an, weil sie das Auto gleich kaputt machen. Sie klopfen sehr stark." Der Komplize meint daraufhin, er glaube "dass sie keine Luft bekommen".

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Das verantwortliche Schleppernetzwerk um einen afghanischen und einen bulgarischen Staatsangehörigen hatte vor der tödlichen Fahrt bereits mindestens 28 ähnliche Fahrten, zum Teil auch mit Kühl-Lkws, organisiert. Dabei war zwar kein Flüchtling gestorben, allerdings mussten Geschleuste mehrfach nach dem Auffinden notärztlich versorgt werden, weil sie das Bewusstsein verloren hatten. Bei diesen Fahrten wurden Fahrer von der Polizei in Deutschland, Österreich oder Ungarn gefasst und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Die beiden Chefs der Schleuserbande waren den ungarischen Behörden schon mindestens seit Anfang Juli 2015 bekannt. Am 13. August, also 13 Tage vor der Todesfahrt, begannen ungarische Ermittler dann die Telefone abzuhören und die Gespräche aufzuzeichnen.

Die Todesfahrt des Kühllasters wurde von den Ermittlern aufgezeichnet

Allerdings hatten die ungarischen Behörden die Telefonate offenbar nicht rechtzeitig übersetzt und ausgewertet. Deshalb war ihnen das lebensgefährliche Vorgehen der Schleuser womöglich nicht aufgefallen. Wann die Telefonate konkret ausgewertet wurden, darauf ließen die ungarischen Behörden wiederholte Nachfragen unbeantwortet. Da zunächst keiner der Drahtzieher verhaftet wurde, konnte die Organisation ungehindert weitere Schlepperfahrten organisieren - mit immer größer werdender Risikobereitschaft.

Auch die entscheidende Todesfahrt des Kühllasters, wurde von den Ermittlern aufgezeichnet. In einem Telefonmitschnitt, der NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung im Original vorliegt, beklagt sich der Fahrer über die schreienden und klopfenden Flüchtlinge. Als er ihnen etwas Wasser geben wollte, verbot dies der afghanische Drahtzieher in einem Telefonat mit seinem Komplizen: "Das geht nicht, dass er die Tür aufmacht!" Der Fahrer dürfe nicht anhalten und solle immer weiterfahren. "Falls die Leute sterben sollten, dann soll er sie in Deutschland im Wald abladen", sagte er weiter.

Auf Anfrage weist der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft im ungarischen Kecskemét, Gabor Schmidt, den Vorwürf zurück, die Todesfahrt sei zu verhindern gewesen: "Wenn die ungarischen Behörden die Chance gehabt hätten, diese furchtbare Tat zu verhindern, dann hätte man das getan. Aber die Gespräche konnten erst zu einem Zeitpunkt übersetzt und ausgewertet werden, als diese tragische Schleusung schon durchgeführt war." Zudem säße nicht dauerhaft ein Beamter am Kopfhörer, da "diese Fahrten in den Nachtstunden, also gegen drei Uhr am Morgen, fünf Uhr am Morgen abgewickelt wurden".

Am 21. Juni beginnt nun im ungarischen Kecskemét der Prozess gegen insgesamt elf Personen. Ihnen wird vorgeworfen, ein kriminelles Netzwerk gegründet zu haben. Die vier Hauptbeschuldigten sind zudem wegen Mordes angeklagt. Das Verfahren soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

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