Niederlande Ein Land steht still

Auf Amsterdams Plätzen und Brücken bleiben die Menschen stehen. Autos, Trams und Eisenbahnen stoppen, die Musik in Geschäften wird ausgeschaltet. Als die Särge der niederländischen Opfer von MH17 aus den Transportflugzeugen in Leichenwagen verladen werden, ist im ganzen Land kaum ein Geräusch zu hören.

Von Thomas Kirchner, Amsterdam

Stille. Einfach nur Stille, das war die Antwort, die die Niederländer am Mittwoch auf das für viele noch immer unfassbare Unglück in der Ukraine gegeben haben. Den nationalen Trauertag, den die Regierung ausgerufen hatte, begingen sie in einer bewegenden Geste der Gemeinsamkeit und des Zusammenstehens. Millionen Menschen folgten dem Aufruf zu einer Schweigeminute gegen 16 Uhr. Zu dieser Zeit waren zwei Flugzeuge mit insgesamt 40 Leichen auf dem Flughafen Eindhoven gelandet.

Autos hielten auf der Straße oder fuhren auf Parkplätze, die Musik in Geschäften wurde ausgeschaltet, eine halbe Stunde lang waren keinerlei Fluggeräusche zu hören. Selbst Eisen- und Trambahnen hielten an. Auf den Plätzen und Brücken von Amsterdam blieben die Menschen stehen und schwiegen. In vielen Schwimmbädern stiegen die Menschen aus dem Wasser und versammelten sich um das Becken herum.

In Eindhoven schaute derweil die gesamte Staatsspitze zu: König, Königin, Premier, Außenminister, Parlamentspräsident und diverse andere Würdenträger waren dabei, als Soldaten die Särge nach und nach aus den Transportflugzeugen in Leichenwägen trugen. Die Maschinen waren am Morgen in Charkow gestartet. Kein einziges Wort war zu hören, das einzige Geräusch in der nachmittäglichen Hitze waren minutenlang die Taue, die an die Masten schlugen, an denen die Fahnen auf halber Höhe hingen, wie an allen öffentlichen Gebäuden.

Eine Stunde lang nur Fernsehbilder - ohne Kommentar

Es herrschte äußerstes Taktgefühl bei dieser Zeremonie, die Angehörigen wurden abgeschirmt und waren nie zu sehen. Das niederländische Fernsehen brachte es fertig, eine Stunde lang nur Bilder zu zeigen, und auch anschließend nur das Allernötigste zu kommentieren.

In einer Wagenprozession wurden die Leichname nach Hilversum in eine Kaserne gebracht, begleitet von Hunderten Menschen, die am Wegesrand Spalier standen. Experten beginnen nun mit der Identifikation der Toten. Um möglichst zu hundert Prozent sicher zu gehen, wird sie mit großem Aufwand betrieben, einschließlich DNA-Abgleichen. Laut Ministerpräsident Mark Rutte kann das unter Umständen Monate dauern.

Weitere Flüge mit Särgen werden am Donnerstag und Freitag erwartet; es wird dieselbe Zeremonie geben, wenn auch ohne Anwesenheit der königlichen Familie. Die setzt nun ihren Urlaub in Griechenland fort.