Missbrauch in katholischer Kirche Studie sieht bei Priestern keine besondere Pädophilie-Neigung

Sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche ist laut einer Studie nicht auf eine besondere Häufung psychischer Störungen zurückzuführen. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben. "Nur in wenigen Fällen" seien Übergriffe die "Folge einer spezifischen Psychopathologie" gewesen.

Im Zuge der Aufarbeitung ihres Missbrauchsskandals hat die katholische Kirche in Deutschland eine Analyse psychiatrischer Gutachten zu einem Teil der beschuldigten Priester vorgelegt. Sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche ist demnach nicht auf eine besondere Häufung psychischer Störungen zurückzuführen.

Sexuelle Störungen wie Pädophilie seien nur bei einer Minderheit der wegen Vorwürfen zu Übergriffen begutachteten Geistlichen diagnostiziert worden, sagte Prof. Norbert Leygraf, Forensischer Psychiater von der Universität Duisburg und Leiter der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie.

Die Studienmacher werteten Gutachten zu insgesamt 78 Geistlichen aus, die ihnen von den Bistümern vorgelegt wurden.

Nur bei neun der Betroffenen war eine Pädophilie, bei fünf eine Ephebophilie (Neigung zu Jugendlichen) diagnostiziert worden. Einige Priester wiesen andere Persönlichkeits- oder sonstige psychische Störungen auf.

Die Experten interpretierten diese Daten so, dass der Anteil der Priester mit einer sexuellen Präferenzstörung an der gesamten Priesterschaft "keinen bedeutsamen Unterschied" aufzeigt zum Anteil der davon Betroffenen in der deutschen Allgemeinbevölkerung.

Ähnliche Ergebnisse hatten Experten des John Jay College of Criminal Justice der City University of New York Anfang 2011 veröffentlicht, die Missbrauchsfälle durch katholische Priester in den USA von 1950 bis 2010 untersucht hatten.

Die "vorgeworfenen sexuellen Übergriffe" der Priester ohne solche Präferenzstörungen seien aus Beweggründen begangen worden, "die sich überwiegend dem normalpsychologischen Bereich zuordnen lassen", erklärte Leygraf. Was darunter zu verstehen ist, sagte der Fachmann allerdings nicht.

So bleibt die Frage offen, warum einige Priester offenbar Kinder oder Jugendliche missbraucht haben, obwohl sie nicht unter einer entsprechenden psychischen Störung litten. Spekuliert wird häufig, dass Priester - besonders katholische Geistliche, die im Zölibat leben - möglicherweise ihrem Sexualtrieb dort nachgeben, wo sich eine Gelegenheit bietet. Kinder würden sie dann missbrauchen, weil diese sich im Gegensatz zu Erwachsenen leicht manipulieren lassen und die Täter aus Angst danach nicht verraten.

Die meisten Vorwürfe gegen katholische Priester in Deutschland wurden zwischen den Jahren 2000 und 2010 begutachtet. Die Mehrheit der vorgeworfenen Übergriffe habe aber zwischen den 1960er und 1990er Jahren stattgefunden und laut Leygraf somit in einer Zeit, in der "noch ein anderes gesellschaftliches Bewusstsein und eine geringere Sensibilität für das Thema sexueller Handlungen an Kindern und Jugendlichen vorherrschte".