Missbrauch in der niederländischen Kirche "Wir sind schockiert"

Die Täter: Frauen und Männer der Kirche. Ihre Opfer: Zwischen 10.000 und 20.000 Kinder. Nach eineinhalb Jahren Ermittlungen kommt eine niederländische Kommission zu einem eindeutigen Ergebnis. Der sexuelle Missbrauch hätte in vielen Fällen verhindert werden können. Die Kirche entschuldigt sich - und kündigt Entschädigungen an.

Von Matthias Drobinski und Thomas Kirchner

In Einrichtungen der katholischen Kirche in den Niederlanden wurden jahrzehntelang Tausende Kinder missbraucht. Die Kirchenführung wusste davon in vielen Fällen, griff aber nicht oder unangemessen ein. Das ist das Fazit einer unabhängigen Kommission, die am Freitag das Ergebnis ihrer eineinhalbjährigen Untersuchung präsentierte.

Zwischen 1945 und 1981 seien zwischen 10.000 und 20.000 Minderjährige in Internaten, Waisenhäusern, Kindergärten, Priesterseminaren und anderen katholischen Institutionen missbraucht worden, heißt es im Bericht der Kommission. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um leichten bis mittelschweren Missbrauch wie unangemessene Berührungen. Viele Kinder wurden aber auch Opfer von Vergewaltigungen.

Die Wahrscheinlichkeit, in einer katholischen Einrichtung "unerwünschtem sexuellen Kontakt" ausgesetzt zu sein, war doppelt so hoch wie sonst unter minderjährigen Niederländern: Sie betrug 20 Prozent. Etwa 800 Missbrauchstäter seien identifiziert worden, so der Bericht, 105 von ihnen lebten noch. Manche stünden noch immer im Dienst der Kirche, könnten aber wegen Verjährung der Taten in der Regel nicht mehr verfolgt werden.

Das Problem sei den Kirchenoberen bekannt gewesen, sagte Kommissionsleiter Wim Deetman, ehemaliger Bürgermeister von Den Haag. Doch habe man Skandale gefürchtet und "schmutzige Wäsche" nicht nach draußen hängen wollen. Die Kirche habe nichts für die Opfer getan. Erst seit den 1990er Jahren hätten sie Aufmerksamkeit gefunden, erst nach dem Jahr 2000 habe es Entschuldigungen und Ausgleichszahlungen gegeben. Die Kommission war im Frühjahr 2010 von der Niederländischen Bischofskonferenz eingesetzt worden. Nachdem in Deutschland zahlreiche Fälle von Missbrauch bekannt geworden waren, berichteten ehemalige Schüler von Übergriffen am Salesianer-Internat von 's-Heerenberg; daraufhin meldeten sich hunderte Menschen bei der anonymen kirchlichen Einrichtung "Hilfe und Not" in Utrecht.

Zölibat als Erklärung?

Die Kommission wertete fast 1800 Missbrauchsmeldungen sowie diverse Kirchenarchive aus. Ein Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat sei wissenschaftlich nicht erwiesen, so Deetman. Die Kommission halte es aber für möglich, dass es zu manchem Übergriff nicht gekommen wäre, wenn die Priester freiwillig ehelos geblieben wären.

Im Namen von Ordensoberen und Bischöfen entschuldigte sich der Vorsitzende der Niederländischen Bischofskonferenz, Erzbischof Wim Eijk, für die Missbrauchsfälle. "Wir sind schockiert", so Eijk, "es ist schrecklich. Künftig werde die Kirche jeden Verdachtsfall den Behörden melden. Die Bischöfe und Ordensoberen hatten im November einer Entschädigungsregelung zugestimmt. Demnach sollen Opfer zwischen 5000 und 25.000 Euro erhalten, in besonders schweren Fällen bis zu 100.000 Euro.

In Deutschland geht man bislang von deutlich niedrigeren Opferzahlen aus. Bei der deutschen Bischofskonferenz haben nach Informationen der Süddeutschen Zeitung bislang 900 Betroffene einen Antrag auf Entschädigung gestellt, fast alle wurden positiv beschieden. Auch Opferverbände sprechen von mehreren tausend möglichen Betroffenen. Allerdings fehlt noch eine dem Deetman-Bericht vergleichbare Studie.