Missbrauch an der Berliner Charité Klinik will Versäumnisse mit allen Mitteln nachholen

Am Mittwochabend geht Einhäupl vor die Presse, spricht von einem "besonders erschütternden Vorfall" und davon, dass er "keinen Zweifel" daran habe, dass das Mädchen "die Wahrheit gesagt hat". Er spricht von drei weiteren Verdachtsfällen, die Jahre zurück liegen. Am nächsten Tag sitzt er wieder vor den Kameras, jetzt hört sich einiges anders an: Nicht erst am Dienstag, bereits am Freitag vergangener Woche habe er von einem Missbrauchs-Vorwurf gehört. Er habe nicht reagiert, weil er den Fall falsch eingeschätzt habe.

Wieder ein Skandal an der Charité: Die Klinik kommt aus den schlechten Schlagzeilen nicht mehr heraus.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Auch zu den älteren Fällen gibt es Neuigkeiten: Der jüngste ereignete sich erst 2011. Damals ist Anzeige erstattet worden. Eine Mutter rief die Polizei in die Rettungsstelle, weil sich der Pfleger ihr "distanzlos genähert hätte", erzählt Frei. Die Ermittlungen wurden wohl eingestellt, in der Personalakte des Mannes ist nichts vermerkt. Ein weiterer Vorfall 2009: Damals entschied man sich, das intern zu regeln. Psychologen seien zu dem Schluss gekommen, dass die Vorwürfe gegen den Pfleger "keine glaubwürdige Schilderung" seien. 2005 soll es noch einen dritten Vorfall gegeben haben. Wie konnten Pflege- und Klinikleitung das alles nicht bemerken?

Den Beschuldigten hat die Polizei noch nicht befragt. Auch die Aussagen des Mädchens müssen auf Glaubwürdigkeit geprüft werden. Das Mädchen und die Eltern habe man nicht mehr erreicht, sagt Einhäupl. Auch auf die Einladung des Staatsanwalts reagieren sie nicht. "Wir brauchen die Geschädigte, ohne ihre Aussage kommen wir nicht weiter", sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft Martin Steltner. Zeugen sind alles, worauf sich die Polizei stützen kann. "Objektive Beweise wie DNA-Spuren sind nach einer Woche schwer zu finden", sagt Steltner.

Ob der beschuldigte Pfleger an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wird, ist höchst fraglich. Viele seiner Kollegen seien entsetzt - nicht nur über die Vorwürfe, auch über die Klinikleitung, die zu "brüsk" vorgegangen sei, sagt Frei. "Menschen, die näher am mutmaßlichen Täter sind als wir, haben uns Vorverurteilung vorgeworden", sagt Klinik-Chef Einhäupl. Er sei aber persönlich von dessen Schuld überzeugt.

Die Klinik will mit allen Mitteln nachholen, was sie versäumt hat. Sie hat Donnerstagmittag Telefonleitungen freigeschaltet, für besorgte Eltern, für Betroffene und weitere Zeugen. Bis zum Abend gingen zehn Anrufe ein, darunter ein Hinweis, der weiterer Nachforschung bedürfe, teilte die Charité mit. Sie hat eine Arbeitsgruppe gegründet, der etwa die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, der frühere Hamburger Innensenator Udo Nagel und die Geschäftsführerin des Kinderschutzvereins "Innocence in Danger" angehören. Sie sollen klären, was falsch läuft an der Charité und Verbesserungsvorschläge machen. Berlins Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat personelle Konsequenzen gefordert. Am Donnerstagabend traf sie Einhäupl zu einer Krisensitzung.