Leben im Katastrophengebiet Die Kinder von Tschernobyl

"Das Leben geht weiter": Mehr als 20 Jahre nach der Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl leben die Menschen dort noch immer mit der unsichtbaren Bedrohung.

Von Oliver Bilger

Die Gegend um Bragin wirkt auf den ersten Blick fast malerisch. Birken- und Kiefernwälder ziehen sich kilometerweit über das flache Land, Rinder grasen auf den Wiesen. Traktoren durchpflügen die Felder, hin und wieder gleiten Störche durch die Luft. Das warme Wetter wäre ideal für einen Spaziergang. Doch niemand geht spazieren. Überhaupt sind nur wenige Menschen zu sehen. Die meisten sind seit mehr als zwei Jahrzehnten fort - umgesiedelt, aus Sicherheitsgründen.

Das Städtchen Bragin liegt ganz im Südosten Weißrusslands. Von hier ist es nicht weit zur ukrainischen Grenze, und von dort sind es nur wenige Kilometer bis nach Tschernobyl. Bragin war am stärksten betroffen, als im April 1986 Block 4 des Atomreaktors explodierte und eine radioaktive Wolke über Europa hinwegzog.

Unsichtbare Bedrohung

Ein Fünftel des Landes ist seitdem radioaktiv verseucht. Die Dörfer, die einst auf den weiten Wiesen standen, wurden nach der Katastrophe geräumt und abgerissen. Manchmal weisen noch Mauerreste auf die Siedlungen hin.

Die Menschen im Südosten des Landes leben mit einer unsichtbaren Bedrohung. Sie leiden noch immer unter den Spätfolgen des Unglücks. Betroffen sind auch ihre Kinder, die noch gar nicht geboren waren, als das Unglück geschah. Die 14 Jahre alte Julia ist eine von ihnen. "Es gibt hier keinen Menschen, der nicht weiß, was Tschernobyl ist und welchen Einfluss die Strahlen auf die Gesundheit haben", sagt das Mädchen mit den braunen Haaren. Sie hat "Probleme mit der Schilddrüse", ein weitverbreitetes Symptom. Andere häufig auftretende Krankheiten sind Herz-Kreislauf-Störungen und Krebserkrankungen.

Schuld daran ist vor allem das radioaktive Cäsium, das über die Jahre tief in den Boden gesickert ist. Dort wird es von Pflanzen aufgesogen und später von Tieren gefressen. Am Ende landet das Gift auf den Esstischen und in den Körpern der Einwohner.

Am Nachmittag haben sich Julia und 60 weitere Jugendliche in der Aula der einzigen Schule in Bragin versammelt. Sie bekommen eine Urkunde, weil sie im Rahmen eines Projektes ihre Mitschüler ein Jahr lang über einen gesunden Lebenswandel aufgeklärt haben: Nicht trinken, nicht rauchen, richtig ernähren - für die Kinder in der Region steht die Gesundheit an erster Stelle. Ob die Schüler Angst haben, hier zu leben? Nein, antworten sie. "Das Leben geht weiter", sagt Julia.

"Hier ist meine Heimat"

Viele von ihnen verschwenden deshalb auch keinen Gedanken daran, die verseuchte Region nach der Schulzeit zu verlassen. Große Ziele haben die Jugendlichen stattdessen: Sie wollen als Arzt oder Programmierer arbeiten, zum Militär gehen oder als Buchhalter Geld verdienen. Die meisten möchten in Bragin blieben. "Hier bin ich geboren", sagt der 15-jährige Igor, "hier ist meine Heimat." Für einen Umzug fehle ohnehin das Geld, meint ein anderer Schüler.

Hier haben die jungen Leute gute Chancen auf einen Arbeitsplatz, der Wettbewerb ist nicht so hart wie anderswo. Die Regierung wirbt mit Vergünstigungen, damit sich Arbeitskräfte aus anderen Landesteilen hier niederlassen. Sie dürfen kostenlos in neuen Wohnungen am Stadtrand wohnen. Nur etwa 12.000 Menschen leben heute noch in der Region Bragin, sehr viel weniger als vor der Katastrophe. Auch die Bezirkshauptstadt sollte damals geräumt werden, doch die Einwohner wehrten sich und durften bleiben.

Sie leben nun direkt an der Grenze zu der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor. Das stark kontaminierte Gebiet ist streng bewacht und nur mit Sondergenehmigung zu betreten.

Auf der anderen Seite des Schlagbaums verwildern Geisterdörfer, Büsche überwuchern die verfallenen Holzhäuser. Auf einer Veranda stehen sogar noch Schuhe, eine Zeitung von damals liegt auf dem Boden. An der holprigen Straße steht ein Wartehäuschen, an dem schon lange kein Bus mehr hält. Stromleitungen führen ins Nichts.

Auf Schildern ist zu lesen: "Warnung! Aufenthaltszeit begrenzt." Nur unter einer halben Stunde sei der Aufenthalt in der Zone ungefährlich, sagen Einheimische.

Neuen Lebensmut schöpfen

Wer in Bragin lebt, hat sich zwar mit seinem Schicksal arrangiert. Dennoch ist die Chance, die Region für ein paar Wochen zu verlassen, von großer Bedeutung, vor allem für die Kinder. Wenn sie einmal im Jahr auf Erholungsreise ins Ausland fahren, in eine andere Welt eintauchen dürfen, ist das für sie etwas Besonderes: Sie bekommen gesundes Essen, sauberes Wasser, frische Luft. In wenigen Wochen stabilisiert sich ihr Immunsystem, sagen die Organisatoren solcher Reisen. "Ein Monat in Deutschland hat auf die Kinder eine positive Wirkung für das ganze Jahr", sagt Lars-Torsten Nolte von der "Hilfe für Tschernobyl-Kinder" in Hannover. Die Gäste schöpfen neuen Lebensmut und merken, dass sie, auch 23 Jahre nach der Katastrophe, nicht vergessen sind.

Seit den späten achtziger Jahren organisieren allein in Deutschland viele Dutzend Vereine, Initiativen und Kirchengemeinden solche Erholungsfahrten. Tausende Kinder kommen jedes Jahr, fast 200.000 müssen es in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewesen sein. Wer wie in Bragin zur Schule geht, war sehr wahrscheinlich schon einmal in Deutschland.

Dabei sah es im vergangenen Herbst so aus, als ob künftig keine weißrussischen Besucher mehr kommen dürfen. Präsident Alexander Lukaschenko verhängte ein Reiseverbot, solange die Zielländer nicht die Rückkehr der Kinder garantieren. Grund dafür sollen zwei Kinder sein, die nach ihrem Aufenthalt in den USA und in Italien nicht in ihre Heimat zurückkamen. Eine andere mögliche Erklärung lautet, der Präsident möchte das Stigma Tschernobyl loswerden, die Kinder sollen im Ausland nicht jedes Jahr aufs Neue an das Unglück erinnern.

Behördenwillkür: "Unverständlich"

Im Frühjahr einigten sich Deutschland und Weißrussland auf einen völkerrechtlichen Vertrag. Darin heißt es, die Bundesrepublik bemühe sich um eine Rückkehr der Gäste. Die Kinder dürfen somit weiterhin nach Deutschland reisen. Allerdings gibt es Probleme bei der Umsetzung: Die Behörden in Minsk streichen Kinder, die älter sind als 14 Jahre, aus den Teilnehmerlisten, und niemand darf mehr als dreimal in dasselbe Land reisen. Burkhard Homeyer von der Bundesarbeitsgemeinschaft "Den Kindern von Tschernobyl" findet das "unverständlich".

Dass die Reisen weitergehen müssen findet auch die Kindergärtnerin Alisa Gramatschikowa. "Jeder ist sehr froh, wenn er fahren darf", sagt die junge Frau stellvertretend für alle Betroffenen. Achtmal war sie selbst in Deutschland, mit 21 Jahren ist sie nun zu alt dafür.

Neben der Erholung seien die Reisen auch eine Chance, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, sagt die junge Frau: "Man setzt sich danach neue Ziele im Leben."