Krisenforscher "Die Chancen sind hoch, einen Lebensmittel-Erpresser zu fassen"

Frank Roselieb ist Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel und berät Familien und Unternehmen bei Entführungen und Erpressungen.

(Foto: privat)

Krisenforscher Frank Roselieb erklärt, wie häufig Unternehmen erpresst werden, warum die Öffentlichkeit von den meisten Fällen nie erfährt - und wie hoch das Risiko für Kunden wirklich ist.

Interview von Anna Fischhaber

650 Anrufe hat die Polizei in Konstanz bis Freitagmittag gezählt. Viele der Anrufer haben keinen Hinweis, sie sind beunruhigt, wollen wissen, wie sie sich verhalten sollen. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass unbekannte Erpresser damit drohen, Lebensmittel in Supermärkten und Drogerien zu vergiften. Die Polizei veröffentlichte Fotos eines Tatverdächtigen und richtete eine Hotline ein. Dass der oder die Erpresser es ernst meinen, haben sie bereits unter Beweis gestellt: Fünf vergiftete Gläschen mit Babynahrung wurden in Friedrichshafen am Bodensee entdeckt.

Ein "außergewöhnlicher Fall", sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz zur SZ. Über den Täter sagt er: "Wir können nicht ausschließen, dass er noch einmal zuschlägt." Derzeit werten 220 Ermittler der Sonderkommission "Apfel" rund um die Uhr Hinweise aus. Bislang gibt es keine heiße Spur. Dabei sind die Chancen hoch, einen Lebensmittel-Erpresser zu fassen, sagt Frank Roselieb. Er ist Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel und berät Unternehmen bei Erpressungen.

SZ: Wie oft werden Unternehmen in Deutschland mit der Drohung erpresst, dass Lebensmittel vergiftet werden, Herr Roselieb?

Frank Roselieb: Relativ häufig. Bei den sieben bis zehn größten Lebensmittelkonzernen gehen pro Woche etwa zehn bis zwölf Schreiben ein. Das macht 70 pro Woche. Aufs Jahr gerechnet ist das eine ordentliche Zahl. Über alle Branchen waren es 2016 etwa 150 Erpressungen pro Woche und 7800 pro Jahr.

Und die muss man alle ernst nehmen?

Allerdings. Entführungs-Drohungen werden erfahrungsgemäß seltener umgesetzt, Lebensmittel-Erpressungen bleiben dagegen fast nie im Versuchsstadium. Drei von vier Tätern schlagen zu. Sie gehen in der Regel zweistufig vor. Erst wird etwas im Regal platziert, um zu zeigen: Ich bin nicht irgendein Spinner. Dann erst kommt das Erpresserschreiben. Unternehmen müssen solche Drohungen also ernst nehmen.

Und Kunden müssen bei jedem Einkauf Angst haben?

Nach unseren Statistiken wurde seit 1984 niemand tödlich vergiftet. In den seltensten Fällen kommen Konsumenten überhaupt mit kontaminierten Lebensmitteln in Kontakt. In der Regel wollen die Täter ja niemanden töten, sie wollen Druck machen. Ihr Gegner ist nicht der Kunde, sondern das Unternehmen. Sie wollen deutlich machen: Ich hab hier etwas, das kann euch gefährlich werden. Auch in diesem Fall hat der Täter den Babybrei wohl kurz vor Ladenschluss am Samstagnachmittag platziert, da konnte kaum noch jemand einkaufen gehen. Er hat dann seinen Drohbrief weggeschickt und die Unternehmen hatten das ganze Wochenende Zeit, ihre Regale zu leeren.

Es leuchtet ein, dass Unternehmen solche Negativ-PR lieber für sich behalten, aber warum geht die Polizei nicht öfter damit an die Öffentlichkeit?

In jedem fünften uns bekannten Fall gab es einen Trittbrettfahrer. Der Täter ist eigentlich in Baden-Württemberg aktiv und plötzlich stellen sie fest: Oh Gott, da werden auch Tomatensäfte in Frankfurt (Oder) vergiftet. Polizei und Unternehmen schweigen deshalb meist. Manchmal machen aber die Täter selbst ihre Drohung öffentlich, um den Druck zu erhöhen.

In diesem Fall ist die Polizei an die Öffentlichkeit gegangen. Warum?

Weil mehrere Konzerne betroffen sind und man relativ klare Bilder von einem Tatverdächtigen hat. In einem ähnlichen Fall ist die Polizei einem Erpresser auf die Schliche gekommen, indem sie die Videoaufnahmen in Supermärkten ausgewertet hat. Der Täter hatte im September 2016 kontaminierte Marzipanherzen an Bushaltestellen im Großraum Kiel ausgelegt und versucht eine Supermarktkette zu erpressen. Die Drohung: Wenn ihr nicht zahlt, sterben viele Schulkinder. Die Polizei hat dann einen Markt gefunden, in dem sehr große Mengen an Marzipanherzen gekauft wurden. Sie hat sich die Videoaufnahmen angeschaut und den Täter gefunden. Der 38-Jährige war Polizei und Staatsanwaltschaft bereits bekannt.

Was sind Lebensmittel-Erpresser für Typen?

Das eine sind die Amateure, die sagen: Ich probiere das mal, und die dann schnell merken, dass es gar nicht so einfach ist, einen Konzern zu erpressen. Das andere sind diejenigen, die am Ende einer langen Verbrecherkarriere stehen. Die davor schon Einbrüche begangen haben und recht skrupellos vorgehen. Sie ziehen das bis zum Ende durch. Sie werden oft nicht gefasst, sie wissen ganz genau, wann sie abbrechen müssen. Und dann gibt es den Mischtyp mit ein wenig Erfahrung. Er erpresst gerne bekannte Marken aus der Nachbarschaft wie Lidl oder Aldi und wird dann häufig geschnappt.

Wie denn?

Die Chancen sind hoch, einen Lebensmittel-Erpresser zu fassen. Viele Täter hinterlassen Spuren. Überall gibt es Überwachungskameras, manche Erpresser wissen nicht einmal, dass man eine SMS nachverfolgen kann. Und dann treiben es viele natürlich zu weit, sie wollen unbedingt das Geld haben, aber so eine Übergabe ist natürlich riskant. Die Aufklärungsquote bei den wirklich großen Fällen liegt bei 80 bis 90 Prozent.

In diesem Fall dürfte die Fahndung schwierig sein. Der Erpresser hat gedroht, mehr als 20 Lebensmittel in verschiedenen Märkten national und international zu vergiften.

Wer glaubt, er könnte alle Handelskonzerne auf einen Schlag erpressen, übernimmt sich. Es gibt dennoch nicht so viele Lebensmittel, die man kontaminieren kann. Eine Milchtüte anstechen, bringt nichts - da merken die Kunden spätestens im Einkaufswagen: Da tropft etwas. Die Supermärkte wissen also, wo sie aufpassen müssen. Ein Süßwaren-Erpresser hat den Vorteil: Die Gummibärchen liegen auch an Tankstellen aus - er hatte also viel mehr Orte, an denen er zuschlagen kann.

Was können Unternehmen gegen Erpresser tun?

Einen echten Schutz gibt es nicht. Alle Versuche, die Produkte besser zu verpacken, sind gescheitert, weil die Kunden nicht genau darauf achten, ob das Gurkenglas wirklich klackt beim Öffnen. Und die Videoüberwachung hat natürlich auch Grenzen. Die wenigsten Täter rennen einfach ins Geschäft. Sie tarnen sich, wie es jetzt der Tatverdächtige wohl auch getan hat. Zumindest wurde er noch nicht erkannt. Als besonders dreister und professioneller Täter gilt bis heute der Karstadt-Erpresser Dagobert. Er hat die Polizei trotz guter Überwachungstechnik über Monate genarrt.

Was kostet ein Unternehmen so eine Erpressung?

Der Schaden ist erheblich. In den Fällen, an denen wir beteiligt waren, lag er stets im Millionenbereich. Zwar zahlen Unternehmen selten das Lösegeld und legen es höchstens bereit, um den Täter bei der fiktiven Übergabe zu schnappen. Aber sie müssen die Ware meist komplett aus dem Regal nehmen und vernichten. Der logistische Aufwand ist beträchtlich. Und viele Kunden haben eine Art Memory-Funktion und erinnern sich dann beim Einkaufen: Da war doch mal was.

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