Kolumbien Nach dem Regen

Hunderte Menschen sind tot, Hunderte werden noch vermisst: Die Schlammlawine von Mocoa erwischte die Menschen ohne Vorwarnung. Abholzungen und der Klimawandel dürften die Hauptgründe für die Katastrophe sein.

Von Boris Herrmann

Starker Regen prasselte auf die Dächer, als sich die Bewohner der südkolumbianischen Kleinstadt Mocoa am Freitagabend schlafen legten. Nichts Außergewöhnliches um diese Jahreszeit, eigentlich kein Grund, sich Sorgen zu machen. Eigentlich.

Überlebende berichten nun in lokalen Medien und sozialen Netzwerken, wie sich ihr Schlafzimmer mitten in der Nacht mit Wasser füllte, wie es draußen plötzlich grollte und krachte, wie sie ihre Kinder schnappten und um ihr Leben rannten, wie eine Lawine aus Matsch, Geröll, Felsbrocken, Balken und Bäumen wenig später ein Haus nach dem anderen unter sich begrub. Wie der Tod die Stadt im Schlaf erwischte.

Drei Flüsse waren in dieser Nacht über die Ufer getreten, das Erdreich von den Hängen rutschte herab, alles ging ganz schnell. "Mehrere Viertel von Mocoa sind praktisch ausradiert", teilte der Bürgermeister José Antonio Castro am Morgen danach mit. Sonntagnachmittag deutscher Zeit war bereits von weit mehr als 200 Toten die Rede. Die Zahl der Opfer stieg am Wochenende aber kontinuierlich. Rund 400 Menschen werden laut dem Roten Kreuz noch vermisst.

45 000 Einwohner sind praktisch von der Außenwelt abgeschnitten

Mocoa liegt in der Provinz Putumayo, nahe der Grenze zu Ecuador. Luftbilder geben zumindest einen vagen Eindruck vom Ausmaß der Zerstörung. Wo eben noch eine Kleinstadt war, ist jetzt ein Trümmerfeld. Die rund 45 000 Einwohner sind praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Trinkwasser, ohne Strom, ohne Gas, ohne Benzin, ohne funktionierendes Festnetztelefon. Wegen eingestürzter Brücken ist der Ort auf dem Landweg kaum noch zugänglich. Der Kontakt nach draußen funktioniert derzeit nur über Mobiltelefone, die mit Autobatterien aufgeladen werden. Auch die Lebensmittel werden offenbar knapp. Es gibt Berichte über Plünderungen von Märkten und Geschäften. Eine Bewohnerin sagte der kolumbianischen Zeitung El Tiempo: "Das Einzige, worum ich Sie bitte, ist, dass Sie für uns beten."

So schnell wie möglich soll auch humanitäre Hilfe kommen. Staatspräsident Juan Manuel Santos verhängte den Ausnahmezustand und beorderte Einheiten der nationalen Streitkräfte in die Katastrophenregion. Er sagte auch seine geplante Kuba-Reise ab, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. "Diese Tragödie lässt alle Kolumbianer trauern", teilte Santos mit. Aber ob es wirklich alle sind? Zumindest ein hochrangiger Senator der rechtspopulistischen Oppositionspartei Centro Democratico hat bereits versucht, aus dem menschlichen Drama politisches Kapital zu schlagen. Die Partei hatte für Samstag zu einer Großdemonstration gegen den von Santos initiierten Friedensprozess mit der linken Guerilla-Gruppe Farc aufgerufen. Der Senator behauptete, eine Detonation von zurückgelassenem Sprengstoff der Farc habe den Erdrutsch ausgelöst. Für diese von keinerlei Fakten gestützte Behauptung gab es von allen Seiten schwere Kritik.

Richtig ist wohl, dass der Regen nicht alleine schuld ist an der hohen Zahl der Todesopfer. Das Drama von Mocoa ist schon die dritte verheerende Naturkatastrophe in Südamerika in diesem Jahr, nach den Waldbränden in Chile und den Überschwemmungen in Peru. Der Klimawandel und die damit verbundene Zunahme von extremen Wetterlagen scheinen sich in diesem Teil der Welt besonders deutlich bemerkbar zu machen. Und ähnlich wie bei den Erdrutschen an der peruanischen Pazifikküste haben die Menschen in Kolumbien offenbar mitgeholfen, ihr eigenes Grab zu schaufeln. In Putumayo herrscht Regenwaldklima. Jene Flüsse, die im östlichen Nachbarstaat Brasilien den Amazonas speisen, treten im März und April immer wieder über die Ufer. Nach Einschätzung von Umweltexperten haben vor allem die systematische Abholzung an den Berghängen und die damit verbundenen Erosionen die tödliche Gerölllawine ausgelöst. Es ist auch nicht das erste Unglück dieser Art in Kolumbien. Im Mai 2015 waren etwa in der Gebirgsstadt Salgar durch einen ähnlichen Erdrutsch 92 Menschen umgekommen. Wieder einmal handelt es sich um eine Katastrophe mit Ansage. Auch deshalb ermitteln kolumbianische Staatsanwälte nun, ob die Behörden beim Katastrophenschutz versagt haben. Die Bewohner Mocoas wurden von den Schlammmassen ohne jegliche Vorwarnung erwischt.

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Diejenigen, die sich retten konnten, waren auf die Dächer jener Gebäude geklettert, die zufällig nicht weggespült wurden. Noch am Sonntag harrten dort viele aus und riefen nach Rettungshubschraubern. Ausführlich wurde in kolumbianischen Medien über einen 23-jährigen Polizisten berichtet, der versuchte, ein 12-jähriges Mädchen aus den Fluten zu retten. Bei dem Versuch wurde er selbst vom Strom mitgerissen. Beide ertranken.