Katholische Kirche in Polen Sex-Vorwürfe gegen Erzbischof

Die katholische Kirche in Polen wird von einem Missbrauchs-Skandal erschüttert: Erzbischof Wesołowski soll in der Dominikanischen Republik minderjährige Jungen zum Oralsex gezwungen haben. Papst Franziskus hat ihn deshalb abberufen. Doch der Bischof ist längst nicht der einzige polnische Geistliche, der sich mit solchen Vorwürfen konfrontiert sieht.

Von Klaus Brill, Warschau

Der Mann des Anstoßes schweigt, und wo er steckt, wird geheimgehalten. Doch ist anzunehmen, dass der polnische Erzbischof Józef Wesołowski sich schon seit Monaten hinter den dicken Mauern des Vatikans aufhält. Papst Franziskus hatte ihn im August von seinem Amt als Apostolischer Nuntius in der Dominikanischen Republik abberufen. Der 65-jährige Gesandte steht nämlich unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs. Er soll in der Karibik minderjährige Jungen zum Oralsex veranlasst und sie beim Masturbieren fotografiert haben.

Der Fall hat nicht nur in der Dominikanischen Republik hohe Wellen geschlagen, sondern auch in Polen. Dabei ist der päpstliche Botschafter zwar bisher der ranghöchste, aber bei weitem nicht der einzige polnische Geistliche, der des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird.

Wie in anderen Ländern, etwa Deutschland oder Irland, ist die katholische Kirche auch in Polen mit einer Welle solcher Sex-Skandale konfrontiert, die man früher unter der Decke halten konnte. Immer mehr Opfer haben jetzt den Mut, sich öffentlich oder jedenfalls der Polizei zu offenbaren.

Entschuldigung, aber keine Entschädigung für die Opfer

Nicht weniger als 27 Priester sind nach Presseberichten seit 2001 in Polen vor Gericht gestellt worden. Das bisher härteste Urteil sprach vor einem Monat ein Bezirksgericht in Rawa Mazowiecka bei Łódź. Ein Pfarrer erhielt eine Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren, weil er fünf minderjährige Messdiener sexuell missbraucht hatte. Der Mann, der den Vorwurf bestritt, hatte die Jungen finanziell von sich abhängig gemacht, indem er ihnen Telefonrechnungen bezahlte. Er darf nie mehr mit Jugendlichen arbeiten. Doch genießt er bei manchen Gläubigen noch Vertrauen, sie demonstrierten für ihn vor Gericht am Tag der Urteilsverkündung.

In Białystok wurde ein anderer Priester zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er ein behindertes 19-jähriges Mädchen mindestens acht Mal zum Sex genötigt hatte. Die Sache flog auf, als das Mädchen schwanger wurde und zur Polizei ging. Einem Garnisonspfarrer aus Legionowo in Zentralpolen, der sich lange bei einer Familie verstecken konnte, wurde vorgeworfen, minderjährige Mädchen über längere Zeit zum Sex gezwungen zu haben. In einem Fall soll er ein Opfer vergewaltigt und zum Schwangerschaftsabbruch überredet haben. Ihm wurde inzwischen die Priesterschaft aberkannt. Großes Aufsehen erregten auch zwei Suizide von Priestern, die ebenfalls der sexuellen Belästigung von Minderjährigen beschuldigt worden waren.

Die Kirchenführung reagierte zwiespältig auf die Skandale. Im Fall des Garnisonspfarrers entschuldigte sich der zuständige Militärbischof öffentlich bei den Geschädigten. Die Bischofskonferenz erklärte, man übe "null Toleranz", und verabschiedete Leitlinien. Doch dürfen Opfer von der Kirche als Institution keine Entschädigung erhoffen. Einen Aufschrei der Empörung löste Erzbischof Józef Michalik, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, aus, als er zerrüttete Familien als Ursache pädophiler Entgleisungen nannte. Ein Kind aus einer schlechten Ehe suche Anlehnung, "es verliert sich und zieht noch einen anderen Menschen da hinein". Dafür hagelte es auch aus kirchlichen Kreisen bitterböse Kommentare, der Bischof entschuldigte sich für "das Missverständnis".

Dass die katholische Hierarchie es mit der Aufklärung wirklich ernst meint, nehmen ihr auch die Katholiken nicht ab, die in Polen 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In einer Umfrage äußerten im Oktober 68 Prozent die Meinung, die Kirche wolle den Missbrauch vertuschen.

Im Fall des Erzbischofs Wesołowski liegt die Entscheidung in Rom. Dem Mann soll als Staatsbürger des Vatikans weder in Polen noch der Dominikanischen Republik, sondern vor einem vatikanischen Gericht der Prozess gemacht werden. Nach Presseberichten drohen ihm bis zu zehn Jahre Gefängnis.