ILO-Studie zu Ausbeutung und Zwangsarbeit "Enorm profitabel, aber durch und durch verderblich"

Arbeitende Kinder in einem Kohledepot im indischen Bundesstaat Meghalaya

(Foto: AFP)

Offiziell ist die Sklaverei abgeschafft. Doch die Realität sieht anders aus: Wie der jüngste Bericht der UN-Arbeitsorganisation belegt, sind mehr als 20 Millionen Menschen Opfer von Zwangsarbeit. An der Spitze steht die sexuelle Ausbeutung.

Von Violetta Simon

Viereinhalb Minuten dauert das Video-Statement von Guy Ryder, dem Generaldiektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen. Ryder, ein ehemaliger Gewerkschafter aus Liverpool, der ein fein klingendes britisches Englisch spricht, beschreibt darin, was seine Organisation in einer gerade veröffentlichten Studie erarbeitet hat: dass Ausbeutung und Zwangsarbeit auf der ganzen Welt immer mehr zunehmen.

Ryder spricht über die Verlierer der Globalisierung. Über die weltweit mehr als 20 Millionen Menschen, darunter fünf Millionen Minderjährige, die gegen ihren Willen in niederen Diensten schuften müssen. Der Chef der ILO referiert Zahlen, beschreibt globale Entwicklungen, stets in einem nüchternen, fast staatstragenden Gestus.

Erst zum Ende hin wird er drastischer: "Zwangsarbeit ist eine Praktik, die in einer modernen Gesellschaft keinen Platz hat. Und es wird Zeit, das wir uns gemeinsam daran machen, diese enorm profitable, aber durch und durch verderbliche Quelle der Scham ein für alle Mal zu beseitigen", sagt Ryder.

Wer sich weigert, wird bestraft

Jene "Quelle der Scham", von der Ryder spricht, hat ihren Ursprung zum größten Teil in der in der privaten Wirtschaft. Eine gewaltige Mehrheit der Opfer, etwa 90 Prozent, wird dem Bericht zufolge in diesem ökonomischen Bereich ausgebeutet. Die Betroffenen werden zur Prostitution gezwungen, arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen in Fabriken oder werden an private Haushalte vermittelt. Wer sich weigert, riskiert empfindliche Strafen, Schläge oder Nahrungsentzug, heißt es in dem ILO-Bericht. Bezahlt würden die Zwangsarbeiter höchstens völlig unzureichend oder überhaupt nicht.

Umso lukrativer ist die Ausbeutung von Menschen für die Profiteure, also Menschenhändler und Auftraggeber: Die Zwangsarbeit von Männern, Frauen und Kindern in der Privatwirtschaft wirft nach Schätzung von UN-Experten weltweit Gewinne in Höhe von 150 Milliarden US-Dollar (110 Milliarden Euro) pro Jahr ab. Der Generaldirektor der UN-Organisation, Guy Ryder, sagte am Montag in Genf: "Der Bericht belegt, dass das Verständnis von Ausbeutung, Zwangsarbeit und moderner Sklaverei ein neues Niveau erreicht hat." Ryder rief zu einem entschlossenen Kampf gegen die Zwangsarbeit auf, die oft von Kriminellen organisiert werde.

Größtes Risiko: plötzlicher Einkommensverlust

Erste Bestrebungen, die Sklaverei offiziell abzuschaffen, gab es schon im Jahr 1926. Damals hatte der Völkerbund ein entsprechendes internationalen Abkommen verabschiedet. Auch laut Artikel 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention und nach dem UN-Menschenrechtsabkommen sind Sklaverei und Menschenhandel verboten. Doch in der Realität wird dieses Verbot oft nicht beachtet.

Den weitaus größten Anteil an der modernen Sklaverei hat dem ILO-Bericht zufolge die illegale sexuelle Ausbeutung. Diese sei abscheulich, aber extrem gewinnbringend, sagte Ryder. Dem Bericht zufolge wirft das Geschäft von Schleppern und Zuhältern, Prostitution und Pornografie unter Zwang etwa 99 Milliarden Dollar (72 Milliarden Euro) pro Jahr ab. Die Opfer sind vor allem Frauen.

Andere Sektoren, die immer wieder durch Presseberichte in das öffentliche Bewusstsein rücken - zum Beispiel beim Bau der Stadien für die Fußball-WM 2022 in Katar oder beim vergangenes Jahr beim Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch - sind das Baugewerbe, Fabriken und Bergbau, die Fischerei sowie die Land- und Forstwirtschaft. Männer, Frauen und Kinder werden aber auch in Privathaushalten zur Arbeit gezwungen, wo sie wie Leibeigene ohne Bezahlung oder zu Hungerlöhnen schuften und unter unzumutbaren Bedingungen untergebracht sind.

Sozial Benachteiligte sind besonders gefährdet

Wie hoch das Risiko der Ausbeutung für jeden Einzelnen ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Demnach tragen Nationalität, Herkunft und Lebensumstände dazu bei, dass manche Menschen stärker von Zwangsarbeit bedroht sind als andere, so ein Ergebnis der Recherche der ILO-Experten. Das gelte nicht zuletzt für Migranten und Analphabeten. Das größte Risiko, in die Zwangsarbeit abzurutschen, seien unvorhersehbare ökonomische Ereignisse wie der Wegfall des Einkommens, erläutern die Autoren des Berichts. Mangelnde soziale Absicherung und fehlende Alternativen hätten zur Folge, dass die Betroffenen sich auf skrupellose Menschenhändler einließen oder Schleppern in die Hände fielen, die deren Notlage ausnutzten.

Dem ILO-Bericht zufolge werden in Asien die meisten Menschen ausgebeutet, fast zwölf Millionen. In Afrika werden 3,7 Millionen Männer, Frauen und Kinder zur Arbeit gezwungen, dahinter folgt Lateinamerika (1,8 Millionen). Aber auch in europäischen Staaten sind Menschen von Sklaverei und Ausbeutung betroffen - allein in Südosteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind es 1,6 Millionen, schätzen Experten. In den USA, den EU-Ländern und anderen entwickelten Staaten seien es 1,5 Millionen, allein in den EU-Staaten 880.000, wie aus einem früheren ILO-Bericht hervorgeht. Demnach seien fast zwei von 1000 Menschen in EU-Mitgliedsstaaten Zwangsarbeiter - was in Deutschland einer Anzahl von 145 000 Personen entspräche.