Homo-Paraden in deutschen Städten "Es geht um Bürgerrechte"

Kein Pornospektakel: Jan Salloch, Organisator des Berliner Christopher Street Days, will Schwulenrechte im Grundgesetz verankern.

Interview: Johann Osel

Vor 40 Jahren haben sich in der Christopher Street in New York erstmals Homosexuelle gegen polizeiliche Übergriffe zur Wehr gesetzt. Bis heute feiern Schwule in aller Welt in Erinnerung daran den Christopher Street Day (CSD), in vielen deutschen Großstädten gibt es bunte Paraden mit Hundertausenden Besuchern. Jan Salloch ist Vorstand und Organisator des Berliner CSD. Im Interview spricht er über den Sinn solcher Veranstaltungen in scheinbar aufgeklärten Zeiten, den Vorwurf des Porno- und Kommerzspektakels und die Forderung nach einer Änderung des Grundgesetzes.

sueddeutsche.de: Deutschlands Hauptstadt hat einen schwulen Bürgermeister, die Schwulen haben immer mehr Rechte. Macht da eine Veranstaltung wie der Christopher Street Day, die ja auf Diskriminierung aufmerksam machen sollte, überhaupt noch Sinn?

Jan Salloch: Mehr denn je. Es gibt eine wieder zunehmende Gewaltbereitschaft gegen Schwule, homophobe Angriffe haben bei uns in Berlin stark zugenommen. Das ist ein alarmierendes Signal, und auch ein Grund für uns, auf die Straße zu gehen. Wir haben natürlich auch konkrete politische Forderungen, der CSD ist und bleibt eine politische Demonstration. Und, ja, es ist unser Feiertag, unser Weihnachten, an dem wir zeigen, dass wir stolz darauf sind, schwul oder lesbisch zu sein.

sueddeutsche.de: Also mehr als nur eine große Party? Kritiker sprechen von einem Kommerz- und Pornospektakel.

Salloch: In den Medien sieht man Fotos mit bunten, ausgelassenen Menschen. Doch da darf man nicht so oberflächlich hinschauen. Der CSD ist mehr als eine bessere Love-Parade. Es geht um Politik.

sueddeutsche.de: Welche politischen Forderungen stellen die Homosexuellen in diesem Jahr?

Salloch: Es ist Schulterschluss in der Community geglückt, es gibt bei fast allen Veranstaltungen in Deutschland ein Kernthema: die Ergänzung des Artikels 3 im Grundgesetz um den Passus der sexuellen Orientierung. Gerade weil die sexuelle Identität nicht im Gleichheitsgrundsatz steht, bleiben uns viele Dinge verwehrt. Die Ergänzung würde uns auch vor politischen Veränderungen im Land schützen. Es könnten schließlich irgendwann einmal deutlich konservativere Kräfte an die Macht kommen, dann wäre der Gleichheitsgrundsatz für uns in der Verfassung verankert. Andere Forderungen sind die Rehabilitierung von Schwulen in Deutschland, die bis 1969 aktiv verfolgt und inhaftiert worden sind. Das Motto des Berliner CSD heißt "Stück für Stück ins Homo-Glück - alle Rechte für alle".

sueddeutsche.de: Am 28. Juni vor 40 Jahren haben sich Homosexuelle in der Christopher Street in New York erstmals gegen Polizeigewalt gewehrt? Wird der Jahrestag extra gefeiert?

Salloch: Das machen einzelne Gruppen mit ihren Beiträgen zur Parade sicherlich. Wir sind stolz auf das, was seitdem erreicht worden ist. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es damals war - sich verstecken und schämen zu müssen, erbarmungslos verfolgt zu werden. 1969 haben die Schwulen, insbesondere auch die Transsexuellen, erstmals Stopp gesagt.

sueddeutsche.de: Sie haben die Zunahme homophober Straftaten angesprochen. In Berlin wird vor allem die Schwulenfeindlichkeit junger männlicher Migranten immer wieder diskutiert.

Salloch: Ich bin der Überzeugung, dass es egal ist, von wem ich eins auf die Fresse bekomme. Man sollte die Herkunft da nicht zum Thema machen, es geht generell um unaufgeklärte Menschen. Deshalb ist bessere Bildung und Aufklärung nötig, man muss an den Schulen ansetzen und vermitteln, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Denn "Du schwule Sau" ist das gängigste Schimpfwort auf Schulhöfen. In Berlin gibt es einen Aktionsplan "Homophobie". Dieser sieht zum Beispiel verpflichtende Fortbildungen für Lehrer vor. Die sehen Homosexualität meistens entweder mit Desinteresse oder sind mit dem Thema heillos überfordert.

sueddeutsche.de: Zurück zum Christopher Street Day: Konservative interpretieren die Paraden zuweilen als Umpolungsaktion für Heterosexuelle. Wie ist das Verhältnis zur Bevölkerung? Sehen die Berliner den CSD als Volksfest, an dem sie auch teilnehmen können?

Salloch: Schwulsein ist kein Lifestyle, sondern eine sexuelle Identität. Das haben wir uns nicht ausgesucht, und anders wäre vielleicht für viele vieles leichter gewesen im Leben. Der CSD ist ein Bürgerfest, denn es geht schließlich auch um Bürgerrechte. Insgesamt sind die Berliner schon ein tolerantes Völkchen, die haben uns richtig an die Mutterbrust genommen. Und es ist herrlich, wenn zum Beispiel ältere Leute bei der Parade stehen und sagen: "Find ick dufte, wat ihr hier macht." Das freut uns enorm und es zeigt, wie viel sich schon verändert hat.

sueddeutsche.de: In anderen Ländern, etwa in Osteuropa, ist das nicht so. Hier werden schwule Paraden immer wieder von Neofaschisten attackiert, zuletzt wurden beim Eurovision Song Contest schwule Demonstranten von Polizisten im Würgegriff abgeführt.

Salloch: Indem wir bei uns auf die Straße gehen, zeigen wir unsere Solidarität mit den lesbisch-schwulen Communitys in Ländern, in denen das nicht so selbstverständlich ist. Es wird auch jedes Jahr der Opfer gedacht, die ihr Leben wegen ihrer sexuellen Orientierung geben müssen. Zum Beispiel Iran, wo Schwule schon hingerichtet wurden. Ich war vor fünf Jahren in Warschau. Das war damals total gespenstisch: überall Polizisten und an allen Ecken haben die Faschos gewartet und die Teilnehmer übelst beschimpft. Jetzt, 2010, findet in Warschau der Europride (eine zentrale, jährlich die Stadt wechselnde Hauptveranstaltung der Schwulen in Europa, Anm. d. Red.) statt. Das hätte sich damals noch niemand gedacht, das kommt auch von der tapferen Arbeit der lesbisch-schwulen Community dort.

sueddeutsche.de: Es ist Wahljahr: Hat das einen Einfluss auf den CSD am kommenden Wochenende?

Salloch: Die Parteien sind schon sehr engagiert, sogar die CDU. Es sind immer Vertreter präsent, zum Beispiel bei der Abschlusskundgebung. Das zeigt auch, dass wir immer mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. In Wahljahren sind es meistens noch mehr, das freut uns natürlich. Doch ich messe die Parteien daran, was sie mit ihrer Politik für uns tun und wofür sie stehen. Das alleine zählt.

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