Giftschlamm in Ungarn Totes Land

Rotschlamm-Katastrophe in Ungarn: Die Brühe ist so giftig, dass sich in dem gesamten Landstrich auf Jahre nichts mehr anbauen lässt. Der Chemie-Unfall ist die bisher größte Umweltkatastrophe in Europa.

Von Michael Frank, Kolontár

Der Mann inmitten der roten Wüste sieht müde aus. Seine bis zur Brust reichenden Gummistiefelhosen waren einmal grün, jetzt sind sie jauchebraun gefärbt vom Schlamm. Er weist mit einer Geste der Verzweiflung auf seinen Hof mitten im Land und wagt einen zynischen Scherz: "Wenn das hier mal trocken ist, dann muss man nur noch ein paar weiße Striche ziehen, und halb Ungarn ist ein riesiger Tennisplatz."

Die Furchen seines frisch gepflügten Ackers sind jetzt eine glatte rote Fläche, ausgegossen wie ein Estrich. Und wirklich, man glaubt den typischen Geruch früherer Jugendspiele in der Nase zu haben, als Sportplätze noch mit roter Hochofenschlacke aufgeschüttet wurden. "Das ist gar nichts", sagt der Mann, "wenn Sie reinkommen nach Kolontár, werden Sie sich wundern."

Bald wird klar, was der Mann meint. Die Alleen der Maulbeerbäume sehen aus, als seien sie eingetaucht worden: Stamm und untere Zweige sind erdrot, die Krone ragt grün darüber hinaus, als habe sich Christo vom Verpacken aufs Anstreichen ganzer Landstriche verlegt. Am Wegrand erst Spielzeug, dann die Trümmer von Möbelstücken, Küchengerät. Hier eine tote Katze, dort die Kadaver von Gänsen und Hühnern. Schließlich Autos auf dem Dach liegend, ein Bus umgekippt, überall Schlamm.

Und Menschen wie Gespenster: Gestalten mit Atemmasken und grellgelben Overalls, Hilfskräfte, die sich mühen, eine Spur des Lebens durch die tödliche Schicht dieser in Europa wohl einzigartige Umweltkatastrophe zu graben: Am Montag war im Aluminiumwerk bei Kolontár der Damm des Giftabfallbeckens gebrochen, hatte sich eine bis zu zwei Meter hohe Woge dieser roten Brühe ins Land, durch die Stadt und durch fünf Dörfer gewälzt.

Am Mittwoch ist von einem fünften Todesopfer die Rede. Vier Menschen sind bereits tot, ein Mann, eine alte Frau und zwei kleine Schwestern von drei und einem Jahr. Staatspräsident Pál Schmitt hat ihre Verwandten besucht, um sie zu trösten. Sechs Personen, durchwegs alte Leute, gelten als vermisst. Man fürchtet, sie tot unter dem Schlamm zu finden. 120 Verletzte sind teils lebensgefährlich verätzt. Einem Buben hat es die Augen verbrannt, er wird nie mehr richtig sehen. Vermummt mit Atemschutzmasken sind die Menschen schon wieder in den Häusern, können nur noch ein paar Dinge zusammenpacken, um sich in Sicherheit zu bringen.

Draußen schiebt schweres Gerät giftigen Matsch und Trümmer beiseite. Ob die Häuser jemals so von dem Gift zu befreien sind, dass man wieder darin wohnen kann? Die meisten wird man wohl abreißen müssen. Innenminister Sándor Pintér sagt, das schuldige Unternehmen sei praktisch nicht versichert. Die Regierung in Budapest werde aber dafür sorgen, "dass jeder ein Dach über dem Kopf hat", spätestens bis Weihnachten.

Das Alu-Werk hat für jedes kaputte Gebäude 400 Euro Entschädigung geboten. Auf diese grotesk niedrige Offerte reagieren die meisten mit Wut. Auf 40 Quadratkilometern hat sich die zähe Brühe ausgebreitet. Gift könnte in das Grundwasser eindringen. Die ganze Gegend bedient sich des Trinkwassers aus dem Untergrund. Auch umliegende Landstriche können auf Dauer in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der Notstand, den die Regierung ausgerufen hat, wurde von drei auf fünf der 19 ungarischen Bezirke erweitert. Die Flüsse Marcal und Toma sind bereits tot. Die hochwasser- und regenverdünnte Brühe hat bereits die Raab erreicht und könnte in vier Tagen in die Donau fließen. Die Folgen mag sich niemand ausmalen. Massen von Chemikalien sollen das Gift neutralisieren.

Mittwochmorgen hatte es wieder Augenblicke der Panik gegeben, als Gerüchte aufkamen, der Schlammbeckendamm drohe nochmals zu bersten. Innenminister Pintér bemühte sich, solche Ängste zu beschwichtigen. Es werde heftig abgepumpt, um den Druck in dem Schlammbecken zu mindern, in dem der Rotschlamm meterhoch steht. Das Werk hatte beschwichtigend erklärt, es seien ja "nur" 5 Prozent des infernalischen Gebräus ausgeflossen, 95 Prozent habe man halten können.

Gehalten wurde gar nichts: Ablagerungen des Schlamms sind so zäh, dass sie nicht sofort mit weggespült wurden. Umweltminister Zoltan Illes bestätigt indessen, dass das Becken viel zu voll war. Umweltaktivisten schlugen zusätzlich Alarm: In Ungarn gebe es derzeit bis zu 60 ungesicherte oder verlassene Giftdeponien, eine sogar direkt an der Donau. Auch Magyar Alumínium Rt. (MAL), das betroffene Unternehmen, war einst "Volkseigentum", wurde dann privatisiert.

Minister Pintér, der sonst eher zu beruhigen versucht, wird einen Augenblick zornig. Die Werksleitung hatte sich herauslügen wollen, Rotschlamm sei gar nicht giftig. "Er kann ja mal in der Brühe baden, um zu sehen, ob sie giftig ist oder nicht", sagte er. Ministerpräsident Viktor Orban sieht keine natürliche Ursachen für die Katastrophe. Man werde die Verantwortlichen bestrafen.

Der müde Mann auf seinem zerstörten Grundstück nimmt mit Plastikhandschuhen vorsichtig Krümel der roten Masse auf. Er wiederholt: "Wenn das mal trocken ist - dann wird es richtig gefährlich." Denn dann könnte der Wind, der in West-Ungarns Agrarsteppe manchmal zum Sandsturm wird, den Giftstaub über das ganze Land blasen.

Die Bauern ringsherum sind verzweifelt: "Totes Land", sagen sie. Außer den Bäumen sei alles tot. Hier lasse sich auf Jahre nichts mehr anbauen, in einem Landstrich, der fast nur von Landwirtschaft lebt. Eigentlich müsste auf den 40 Quadratkilometern die Krume komplett abgetragen und als Sondermüll entsorgt werden. Eine apokalyptische Vorstellung.

Die Regierung in Budapest spricht von Monaten, vielleicht Jahren, die es dauern werde, das Land zu sanieren. Die Europäische Union trägt nach Ansicht der Umweltorganisation WWF Mitschuld an der Katastrophe. Die EU-Sicherheitsstandards für solche Bergbau- und Industrieabfälle seien viel zu lasch. Als Absicherung der Becken seien einfache Erdbaudämme wie bei Kolontár erlaubt.

Kampf gegen die Brühe

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