Fall Chantal Schwere Versäumnisse im Hamburger Jugendamt

Der Methadon-Tod der elfjährigen Chantal hätte verhindert werden können: Dessen sind sich viele Hamburger sicher. Die suspendierte Jugendamtsleiterin hätte ihrer Ansicht nach schon 2009 ihre Amt abgeben sollen. Es habe damals jedoch keinen adäquaten Ersatzposten für die womöglich "betriebsblinde" Frau gegeben, sagt deren Chef.

Von Ralf Wiegand, Hamburg

Stille Trauer, keine Wut sollte nach dem Wunsch der Veranstalter den Schweigemarsch begleiten, zu dem am Freitagabend mehr als 400 Menschen in den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg kamen. Dort, in einer der weniger schillernden Ecken der Freien und Hansestadt Hamburg, auf der anderen Seite der Elbe, wollten die Bürger zweier Kinder gedenken. Lara Mia starb 2009, Chantal vor zwei Wochen.

Mit einem Schweigemarsch gedachten am Freitagabend etwa 400 Menschen in Hamburg der toten Mädchen Chantal und Lara Mia.

(Foto: dpa)

Beide Mädchen standen - das eine mehr, das andere weniger - unter der Obhut des Staates, der sie jedoch nicht zu schützen vermochte. Verantwortlich waren für beide Mädchen das Bezirksamt Mitte und das dortige Jugendamt. Dass deren Leiterin Pia Wolters nun ihres Amtes enthoben wurde, hat die politische Diskussion in der Stadt über die Sicherheit von Kindern in staatlicher Obhut aber nicht entschärft.

Zu allererst ist der aktuelle Fall Chantal ein Kinderschicksal. Ein Mädchen, acht Jahre damals, muss 2008 aus einer kaputten Familie geholt werden. Die leibliche Mutter alkoholabhängig, der Vater drogensüchtig - für Chantal muss eine Ersatzfamilie her, mit Abstand zu Sucht und Drogen. Doch in der Pflegefamilie, die gefunden wird, herrschen ebenfalls Drogenprobleme. Am 16. Januar dieses Jahres stirbt Chantal an einer Vergiftung mit Methadon. Mit dem Heroin-Ersatzstoff wurden die Pflegeeltern therapiert. Blut- und Haarproben haben nach Informationen der Welt nun ergeben, dass beide auch weiter Heroin konsumierten.

Chantals Tod wäre zu verhindern gewesen, lautet der Vorwurf an die Behörden, wenn das Jugendamt des Hamburger Bezirks Mitte seine Pflichten erfüllt hätte. Inzwischen musste Markus Schreiber (SPD), der Leiter des Bezirksamts, in dessen Verantwortungsbereich das Jugendamt liegt, zugeben: Diese Pflichten wurden bei weitem nicht erfüllt. In Chantals Pflegefamilie lebte schon seit 2005 ein weiteres Pflegekind, die Tochter der ältesten Tochter der Pflegeeltern. Weil das damals noch zuständige Amt Harburg diese Pflegschaft bewilligt hatte, wurde die Familie vier Jahre später nicht weiter überprüft, als Chantal einzog. Man verließ sich auf die Harburger.

Während vor dem Wohnhaus, aus dem Rettungskräfte am 16. Januar den leblosen Körper der Elfjährigen trugen, die niedergelegten Blumen erfrieren, wird im politischen Hamburg die Schuld verteilt. Adressat ist vor allem Bezirksamtsleiter Schreiber. Ihm wird vorgeworfen, die Jugendamtsspitze nicht schon 2009 umbesetzt zu haben, nach dem Tod von Lara Mia. Das neun Monate alte Kind war verhungert, obwohl eine Familienhelferin zugeteilt war.

Vier Kinder, zwei Betten, drei Hunde

Schreiber sagte jetzt der Welt, für eine Versetzung der Leiterin des Jugendamts, Pia Wolters, sei damals keine "angemessene" Stelle zu finden gewesen. Sie blieb also, obwohl Schreiber sie und ihr Amt heute als womöglich "betriebsblind" einschätzt. Zumindest störte es beim Jugendamt offenbar keinen, dass für vier Kinder in der Familie nur zwei Betten vorhanden waren, es aber Platz genug für drei Hunde gab, davon zwei Kampfhunde.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben sich unterdessen ausgeweitet. Neben der Pflegefamilie, die möglicherweise die Verantwortung dafür trägt, dass Chantal an das Methadon herankam, ermittelt die Behörde auch gegen unbekannt in den Reihen des Jugendamts Mitte und beim Verband Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE). Dieser freie Träger betreute die Pflegefamilie. Auch dieser Umstand, dass ein freier Träger, ein Unternehmen also, in einem solch sensiblen Bereich wie Pflegschaften eine derart große Verantwortung tragen durfte, steht nun in der Kritik. Schreiber selbst hält es aus heutiger Sicht für "nicht hilfreich".

Die Grünen haben in der von der SPD mit absoluter Mehrheit beherrschten Bürgerschaft inzwischen Einsicht in die Buchführung des Jugendamts gefordert, auch, um die politische Verantwortung des übergeordneten Bezirksamts einschätzen zu können. CDU, FDP, Linke und GAL fordern geschlossen den Rücktritt Schreibers, der aber bleiben will, wenn ihm keine persönliche Schuld nachgewiesen werden könne. Im Übrigen, so Schreiber, sei er Beamter: "Da gibt es so etwas wie Rücktritt nicht."