Ermittlungen in Santiago de Compostela "Ich bin doch nicht so verrückt, nicht zu bremsen"

Auf dem Weg zum Gericht: der spanische Lokführer des entgleisten Schnellzugs

(Foto: AFP)

Neue Wendung in den Ermittlungen zum Bahnunglück im spanischen Santiago de Compostela: Der Lokführer wurde angerufen, kurz bevor der Zug entgleiste. Medienberichten zufolge kam der Anruf offenbar von einem Schaffner aus einem anderen Waggon.

Der Lokführer hat vor dem verheerenden Bahnunglück in Spanien nach Medienberichten mit dem Zugführer telefoniert. Er sei am Mittwoch freiwillig im Gericht am Unglücksort in Santiago de Compostela erschienen, um die Identität des Anrufers zu enthüllen, berichteten spanische Medien unter Berufung auf das Oberlandesgericht von Galicien.

Der Lokführer kam den Angaben zufolge am Mittwoch mit seiner Anwältin ins Gericht und berichtete dem Ermittlungsrichter, der Zugführer, der als Leiter der Schaffner tätig ist, habe ihn am vergangenen Mittwochabend kurz vor der Entgleisung durch überhöhte Geschwindigkeit angerufen. Auch der Zugführer, der beim Unfall leicht verletzt wurde, habe bei seiner Polizei-Befragung nichts vom Anruf erzählt.

Einem Bericht der Zeitung El País zufolge soll der Zugführer den Anruf inzwischen zugegeben haben. Die beiden seien demnach gute Freunde gewesen. Eine Stellungnahme dazu gab der Zugführer vorerst nicht ab.

Über Details des Gesprächs berichtete am Mittwoch der TV-Sender LaSexta. Der Lokführer sei unter anderem gefragt worden: "Wie läufts bei dir?" - und habe geantwortet: "Gut, wir kommen gleich an." Kurz danach fuhr der Eisenbahner den Erkenntnissen der Behörden zufolge seinen Zug vier Kilometer vor der Einfahrt in den Bahnhof von Santiago mit 192 Kilometern pro Stunde in einer engen Tempo-80-Kurve ins Unglück. Der Lokführer habe am Mittwoch aber versichert, er habe das Gespräch noch vor der Entgleisung beendet, hieß es. Nach den Vorschriften der Eisenbahngesellschaft Renfe dürfen Lokführer während der Fahrt auf bestimmten Streckenabschnitten nur vom Bahnkontrollzentrum aus angerufen werden.

Die Auswertung der Blackbox ergab laut Medien zudem, dass der Lokführer während des Telefongesprächs wohl auch auf ein Blatt Papier geschaut hat. Einen technischen Fehler oder Sicherheitsmängel als zusätzliche Ursache des Unfalls schlossen die Regierung und die Chefs der betroffenen Unternehmen aus.

Lokführer hat auf schlechte Beschilderung der Kurve hingewiesen

Die Zeitung El País veröffentlichte außerdem einen Auszug des Anhörungsprotokolls, wonach Richter Luis Alaez fragte: "Haben Sie die Bremse irgendwann betätigt?" Darauf habe der Lokführer geantwortet, er habe alle Bremsen betätigt, allerdings erst, als das Unglück bereits "unvermeidbar" gewesen sei. In der Kurve habe er dann gewusst, dass der Zug sie nicht unfallfrei durchfahren werde. "Als es passierte, war er zwischen 180 und 190 (Kilometer pro Stunde) schnell, ich hatte keine Zeit für gar nichts", sagte der Lokführer dem Protokoll zufolge.

Er würde lieber sterben, "als mit der Schuld leben zu müssen", sagte der erfahrene Eisenbahner bei der Vernehmung nach Medienberichten. Allerdings habe er auch auf die schlechte Beschilderung an der Unglückskurve "A Grandeira" hingewiesen. Verkehrs- und Bauministerin Ana Pastor teilte mit, sie wolle vor dem Verkehrsausschuss des Parlaments Stellung zum Unglück beziehen. Vorwürfe von Gewerkschaften, Medien und Kollegen des Lokführers, die Sicherheitssysteme an der engen Unglückskurve seien unzureichend, hatte sie mehrfach zurückgewiesen.

Der Lokführer war nach seiner Anhörung unter Auflagen freigelassen worden. Gegen ihn wurde jedoch ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung in 79 Fällen eingeleitet. Der Unfall war das schwerste Zugunglück in Spanien seit dem Zweiten Weltkrieg. Von den 66 Verletzten, die am Dienstag noch im Krankenhaus waren, befanden sich noch 15 in einem kritischen Zustand.