Elektrosmog Der Strahlenfahnder

Strahlenmesser Dieter Kugler mit seinem Equipment

(Foto: Johannes Simon)

Die Welt ist voller Strahlen - manche Menschen spüren das besonders. Geobiologe Dieter Kugler hat schon 20 000 Schlafplätze auf Elektrosmog untersucht. Jeder Kundenbesuch ist eine Gratwanderung.

Von Thorsten Schmitz

Freitagnachmittag im Deutschen Museum in München. Wie jeden Tag steigt ein Mitarbeiter in eine Drahtgitterkugel, lässt sich nach oben ziehen, das Deckenlicht geht aus. Zweihundert Besucher legen ihre Köpfe in den Nacken. Sie wollen sehen, was mit dem Mann passiert, wenn der Metallkäfig unter 220 000 Volt Spannung gesetzt wird.

Dem Mann passiert - nichts.

Jeden Tag zeigt das Deutsche Museum Stromexperimente, dass es blitzt und knallt, wenn sich unfassbare 220 000 Volt entladen. Die Menschen lieben die Vorführungen, weil sie die Gefahr sehen.

Die Gefahr, mit der sich Dieter Kugler beschäftigt, ist unsichtbar. Sie heißt: Elektromagnetische Strahlung. Handys, Smartphones, Wlan, Bluetooth, Hochspannungsleitungen, all das strahlt. Fünf Milliarden Handys und Smartphones werden zurzeit weltweit benutzt. Hunderttausende Mobilfunkantennen sorgen dafür, dass man in Israels Negev-Wüste und auf dem Marienplatz telefonieren kann. Was machen die Strahlen mit den Menschen?

Dieter Kugler ist kein Arzt, er ist Geobiologe. Auf seiner Internetseite verspricht er: "Gesundes Wohnen und Leben durch Vermeidung schädlicher Strahlenbelastung." Rund 20 000 Schlafplätze hat Kugler bislang untersucht. Hat mit Wünschelruten Wasseradern und Benker-Linien aufgespürt, mit Messgeräten hochfrequente Strahlungen von Mobilfunkantennen und Wlan-Adaptern ausfindig gemacht. Er kümmert sich um die, bei denen die Schulmedizin versagt: die Elektrosensiblen.

Heute gibt es kaum noch einen Flecken Erde, auf dem er keine Funkstrahlung vorfindet

Es ist ein sonniger Dienstagmorgen, Kugler ist auf dem Weg nach Starnberg. Er besitzt kein Smartphone, sondern nur ein altes Nokia-Handy. Sobald er im Auto sitzt, stöpselt er es in die Freisprechanlage, die mit einer Antenne verbunden ist. Handys im Auto, sagt er, "das tu ich mir nicht an. Die Strahlen müssen ja auch durchs Blech." Zehntausende Kilometer fährt Kugler jedes Jahr mit dem Auto. Vor ein paar Jahren wollte er sich einen Oberklassewagen kaufen, den Verkäufer fragte er: "Und wie steht es mit den magnetischen Wechselfeldern?" Der Verkäufer verstand nicht, von was die Rede war. Kugler maß 4000 Nanotesla (nT), der empfohlene Richtwert liegt bei 200 nT. Er verzichtete auf den Kauf. Heute fährt Kugler einen Renault Laguna, dessen elektrisches System maximal 100 nT produziert.

In gewisser Weise lebt Dieter Kugler auch vom Internet- und Handyboom. Früher, sagt er, "da war die Hauptstrahlung noch Erdstrahlung". Heute gibt es kaum noch einen Flecken Erde, auf dem er keine Funkstrahlung vorfindet. Manche Menschen halten Kugler für ihren Lebensretter. Dabei verspricht er nie das Blaue vom Himmel. Er rät sogar zur Skepsis gegenüber Wünschelrutengehern: "Die meisten Abschirmmaßnahmen gegen Erdstrahlen sind sinnlos und kosten nur Geld." Von seinem Klienten in Starnberg weiß Kugler an diesem Dienstag nur Adresse und Telefon. Er fragt nie, weshalb man ihn anruft. Er möchte unbefangen bleiben.

Der Unternehmer Stefan Möllinger lebt in Starnberg in einer 200-Quadratmeter-Wohnung mit phänomenalem Blick auf Starnberger See und Alpen. Ein Traum. Doch für Möllinger ist die Wohnung ein Albtraum geworden. Hält er sich länger in ihr auf, kribbelt es in den Beinen, schmerzen Kopf und Rücken. Legt Möllinger sich ins Bett, bleibt er wach. Schläft er doch ein, wacht er nach einer Stunde auf. Im Gästezimmer, ohne Seeblick, schläft Möllinger am besten. Über eine Million Euro hat die Wohnung gekostet.

Schon beim Einparken hat Dieter Kugler die Mobilfunkantenne entdeckt. Im Lauf der Jahre hat er ein Antennenauge entwickelt. "Das ist ja das Problem heute mit den Penthouse-Wohnungen: Man steht da auf den Terrassen und sieht Dutzende Mobilfunkantennen." Von Möllingers Terrasse aus sieht man den Funkmasten, der für UMTS-, D-, E- und Digitales-Fernseh-Netz sendet. 207 Meter liegen zwischen Mast und Möllingers Luxuswohnung. Kugler misst die Strahlung der Antenne auf Möllingers Terrasse. 14 100 Mikrowatt. "Der Idealwert im Freien läge bei zehn Mikrowatt." Unmittelbar am Antennenmast beträgt die Strahlung fünf Millionen Mikrowatt. Wenn an Antennenmasten gearbeitet wird, muss die Antenne ausgestellt werden, obwohl der zulässige Grenzwert in Deutschland bei zehn Millionen Mikrowatt liegt. "Sie können Ihre Terrasse eigentlich nicht benutzen", sagt Kugler. Stefan Möllinger wird nicht wütend. "Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie ehrlich reden." Als er die Wohnung gekauft hatte, war die Antenne von einer Birke versteckt, bis die Birke gefällt wurde.