Eichhörnchen-Schützerin Sabine Gallenberger "Die Eichhörnchen-Notrufnummer ist 24 Stunden besetzt"

Sabine Gallenberger betreibt eine Eichhörnchen-Notrufnummer.

(Foto: Privat)

Erst in einer dramatischen Aktion von der Feuerwehr befreit - dann doch gestorben: Das Schicksal des Eichhörnchens, das mit dem Hals in einem Gullydeckel stecken blieb, machte Schlagzeilen. Sabine Gallenberger betreibt eine Eichhörnchen-Notrufnummer in München und weiß, wie man den kleinen Nagern am besten hilft.

Interview: Jana Stegemann

Wer in diesen Tagen bei den Service-Nummern großer deutscher Unternehmen anruft, muss sich auf lange Wartezeiten gefasst machen. Wer die Nummer des Eichhörnchen-Notrufs in Bayern wählt, hat innerhalb weniger Minuten die Chefin persönlich am Telefon. Wenn es um das Leben der rotbraunen Nagetiere geht, kennt Sabine Gallenberger keinen Feierabend und übergibt die Schlüssel ihres Schreibwarengeschäftes auch schon mal ihrem Vater. Angefangen hat alles mit einem verletzten Eichhörnchen, das die 30-jährige Müchnerin vor Jahren liebevoll aufpäppelte. 2010 hat sie den Verein Eichhörnchen Schutz e. V. gegründet und gilt mittlerweile als Bayerns oberste Eichhörnchen-Expertin.

Süddeutsche.de: Frau Gallenberger, in Isernhagen ist ein Eichhörnchen in einem Gullydeckel steckengeblieben. Mithilfe von Olivenöl gelang es der Polizei nach Stunden das Tier zu retten. Wie hätten Sie dem Nager geholfen?

Sabine Gallenberger: Das Wichtigste ist ganz viel Ruhe und Geduld. Optimal ist, wenn den Tieren ein Beruhigungsmittel verabreicht wird. Das kann ihnen der Tierarzt spritzen oder oral verabreichen. Und dann ist es gut, wenn man den Kopf des Hörnchens abdeckt, damit das Tier nicht direkt mit seinem Feind konfrontiert wird.

Süddeutsche.de: Für die Hörnchen sind die Retter also Feinde?

Gallenberger: Ja, denn das Tier weiß ja nicht, dass die Menschen ihm helfen wollen. Ein Handtuch überm Kopf beruhigt die Eichhörnchen sehr schnell. Für sie bedeutet Dunkelheit Geborgenheit, wie in einer Höhle.

Süddeutsche.de: Warum klettern die kleinen Nager denn überhaupt in Gullydeckel?

Gallenberger: Eichhörnchen können ja nicht fliegen. Es gibt viele, die auf der Suche nach Wasser verdursten - besonders in Wohngebieten. Daher vermute ich, dass das Eichhörnchen aus Niedersachsen in den Gully geklettert ist, weil es instinktiv wusste, dass es unter dem Deckel Wasser finden würde.

Süddeutsche.de: Stunden nach der glücklichen Rettung verstarb das Wildtier. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Gallenberger: Da ich nicht weiß, ob das Tier innere Verletzungen hatte, kann ich es natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass auch bei Eichhörnchen ein Schockzustand länger anhalten kann. Es ist dann wichtig, das Tier zu wärmen und ihm Flüssigkeit zuzuführen - wie man das auch mit Menschen macht, die unter Schock stehen.

Süddeutsche.de: Das Eichhörnchen aus Isernhagen ist also aus Schock über seine Rettung gestorben?

Gallenberger: Es kann sein, dass es aus dem Schock nicht mehr herauskam, ja. Allerdings kommt es auch stark auf die physische und psychische Verfassung des Tieres an. Es gibt Eichhörnchen, die haben ein schwaches Herz. Die schauen dich an, bekommen Panik und sind tot.

Süddeutsche.de: Sie haben vor zwei Jahren in München den Verein Eichhörnchen Schutz e.V. gegründet. Wie viele Tiere konnten sie seitdem retten?

Gallenberger: Es sind bisher etwa 1500 Eichhörnchen durch unsere Hände gegangen, davon ist aus Gründen des Artenschutzes jedes registriert. Die Überlebensrate liegt bei 90 Prozent. Die Eichhörnchen-Notrufnummer ist 24 Stunden besetzt, wir bekommen täglich zwischen zwei und zehn Anrufen. Erst heute war ich die halbe Nacht mit der Versorgung eines kranken Eichhörnchens beschäftigt.

Süddeutsche.de: Wer ruft unter der Eichhörnchen-Notrufnummer an?

Gallenberger: Menschen, die die Tiere im Wohngebiet finden oder im Park mit ihren Hunden unterwegs sind. Die Anrufe kommen meist am späten Nachmittag und am Abend. Oft bringen uns Leute auch Eichhörnchen, die sich in Katzennetzen verfangen haben. Oder Jungtiere, die nicht zurück ins Nest finden.

Süddeutsche.de: Wie geht es mit den verletzten Findelkindern weiter?

Gallenberger: Unser Verein hat zur Zeit zehn Auffangstationen. Das sind Privatleute, die als Pflegeeltern für die Wildtiere fungieren. Meistens leben die Tiere dann bis zu ihrer Genesung in Zimmervolieren. Wenn es sich um Jungtiere handelt, die noch nie in freier Natur gelebt haben, müssen wir sie in großen Außenvolieren auswildern. Von diesen mit engmaschigem Draht versehenen Holzbauten, haben wir derzeit vier. Allerdings sind nicht alle Münchner begeistert von unserer Arbeit. Erst kürzlich mussten wir eine große Außenvoliere schließen, weil sich ein Nachbar beschwert hat. Daher suchen wir momentan dringend ein unbewohntes Grundstück im Münchner Osten für eine Auffang- und Pflegestation.

Süddeutsche.de: Sie führen ein Schreibwarengeschäft und arbeiten als Kosmetikerin, wie kommt es da zur Faszination für Eichhörnchen?

Gallenberger: Das hat nichts mit Faszination zu tun. Klar, die Tiere sind süß zum Anschauen und intelligent, aber mir geht es vor allem darum, den Tieren zu helfen, damit es sie noch lange gibt. In Deutschland wird zu lange gewartet, um Wildtiere zu schützen. Erst wenn die Tiere einmal auf der Roten Liste stehen, werden millionenschwere Projekte gestartet, um die Art zu erhalten. Aber man kann schon früher etwas tun - und zwar für den Bruchteil des Geldes.

Weitere Informationen zum Eichhörnchen Schutz e. V. findet man unter www.eichhoernchen-schutz-verein.de. Eichhörnchen-Notrufnummer: 0176/55 37 68 64