Eichhörnchen-Plage In Großbritannien tobt ein Eichhörnchen-Streit

2,5 Millionen graue Eichhörnchen stehen in Großbritannien 140 000 roten gegenüber: ein ungleicher Kampf, der den Briten Sorgen macht.

(Foto: imago)

Wegen der großen grauen Hörnchen würden die kleineren roten aussterben, heißt es auf der Insel. Es geht um Einwanderung und Artenschutz - nun hat sich auch Prinz Charles mit einem Projekt eingemischt.

Von Cathrin Kahlweit

Es gibt mehr als zweihundert Eichhörchenarten auf der Welt, fliegende und springende, pygmäengleiche und riesenhafte. Es gibt einen "Wir-lieben-Eichhörnchen-Tag" in North Carolina, es gibt aber auch Menschen, die Eichhörnchen kochen und essen. In Großbritannien gibt es vornehmlich zwei Arten: graue und rote. Und nur ein Thema: Warum die größeren grauen weichen müssen, damit die niedlichen roten überleben.

Das Thema ist nicht neu. Auch anderswo auf der Welt wird mit Sorge beobachtet, dass die grauen Tierchen, die ursprünglich aus den Weiten der USA stammen, aber von Adeligen im 19. Jahrhundert als possierlicher Zuwachs für ihre heimischen Parks über den Atlantik gebracht wurden, sich nun im fremden Habitat schnell ausbreiten. Leider sind sie aber die natürlichen Feinde der roten Tierchen. Nur im Vereinigten Königreich ist daraus jedoch über die Jahre ein Glaubenskrieg geworden, in den sich auch Seine Königliche Hoheit, Prinz Charles, einmischte: Wegen der grauen Hörnchen stürben die rote Hörnchen aus, stellte der passionierte Umweltschützer vor einiger Zeit fest. Er hat einen "Red Squirrel Survival Trust" gegründet.

Vor ein paar Jahren recherchierte ein Team der Universität Oxford, dass die roten Hörnchen in zwanzig Jahren ausgestorben sein könnten, wenn nichts dagegen unternommen werde. Das Problem: Die grauen Invasoren tragen ein Pockenvirus in sich, das nicht sie, wohl aber rote Eichhörnchen tötet. Die Population der einheimischen Tiere sei daher, sagen Forscher, in 50 Jahren um 50 Prozent zurückgegangen. Das Zahlenverhältnis laut Guardian in diesem Sommer: 140 000 gegen 2,5 Millionen. Nur in Schottland, wo ein Schutzprogramm für die roten Nager Erfolge zeitigt, nimmt deren Zahl wieder zu.

Es muss also etwas geschehen, finden die Briten. Das hat ökologische, aber auch politische Gründe. Warum, fragen sich Fanklubs der "red squirrels", sollen die Ausländer sich ausbreiten dürfen, während die einheimischen Tiere aussterben? Die Brexit-Debatte um Einwanderung und Souveränität macht vor der Tierwelt nicht halt.

Aber die Sache ist tatsächlich nicht lustig. Ein Nebeneinander ist nicht möglich, wo die Grauen leben, sterben die Roten. Zudem ist das graue Hörnchen ein Umweltschädling: Es richtet massive Schäden in den Wäldern an. Daher gibt es Fallen und Gifte zu kaufen. Einzelne Gruppen versuchen, den grauen Eichhörnchen Kontrazeptiva unterzuschieben oder sie sterilisieren zu lassen. Förster und Umweltschützer vertreiben die Grauen, wo immer es geht. Es gibt Aktivisten-Treffen, auf denen Landkarten hochgehalten werden mit Ausbreitungsgebieten der Grauen und "Rückzugpunkten" der Roten.

Vor allem aber marschieren, vornehmlich im Herbst, Red Squirrels United auf, die sich zum Ziel gesetzt haben, in den Krieg der Arten einzugreifen. Das Projekt, das unter anderem vom Heritage Lottery Fund und über ein EU-Programm mitfinanziert wird, versucht, die Ausbreitung der grauen Hörnchen durch Monitoring und Frühwarnsysteme zu verhindern.

Wo das nicht geht, wird zu gröberen Maßnahmen gegriffen: dem Abschuss. Gruppen, die in den Wäldern des Nordens umherziehen, vermelden bis zu 2000 Tötungen pro Jahr. Das ist legal und aus ökologischen Gründen sogar erwünscht, genauso wie etwa in einigen Bundesländern in Deutschland der Abschuss von Kormoranen zeitweilig gestattet ist - zum Schutz der Fischbestände in Flüssen und Seen.

5000 Freiwillige wurden im Frühjahr von Red Squirrel United gesucht und gefunden, um über das Jahr hinweg zu beobachten, zu filmen, aufzuklären - und zu töten. "Das ist nicht jedermanns Sache", sagt Cathleen Thomas, Programm-Managerin der Organisation, "und wir erwarten nicht von jedem Helfer, der sich damit unwohl fühlt, dass er das tut. Aber wir haben Freiwillige, die das übernehmen." Es gebe dabei strikte Regeln, niemand tue das schließlich aus Spaß. "Aber es ist entweder oder, und wenn wir die Roten retten wollen, bleibt uns keine Wahl."

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