Der Fall Brittany Maynard Zwischen Tod und Tod

Unheilbar an einem Hirntumor erkrankt, hat sich Brittany Maynard selbst das Leben genommen - und versucht, mit ihrem Freitod für Sterbehilfe zu werben.

(Foto: AP)

Unheilbar an einem Hirntumor erkrankt, hat sich Brittany Maynard am 1. November das Leben genommen. Nun diskutiert Amerika darüber, ob ihr Fall der Sterbehilfe geholfen hat.

Von Peter Richter

Hat der Tod von Brittany Maynard am 1. November in den USA eine neue Debatte über die Sterbehilfe ausgelöst? Tatsächlich muss man sagen: nein. Die Debatte fand vielmehr vorher statt - nach der Ankündigung der 29-Jährigen, dass sie an diesem Tag sterben werde.

Bei der jungen Frau aus Kalifornien war am 1. Januar ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert worden. Nachdem ihr die Ärzte zunächst noch bis zu zehn Jahre prognostiziert hatten, korrigierte ein zweiter Befund diese Erwartungen kurz darauf drastisch auf Monate. Maynard beschloss daraufhin, mit ihrem Ehemann nach Oregon umzuziehen, denn in diesem Bundesstaat ist seit 1994 durch den "Death With Dignity Act" die ärztliche Sterbehilfe legal.

Vorsichtige Kritik an der Entscheidung

Sie erfüllte sich letzte Reisewünsche, Alaska, Grand Canyon, Yellowstone-Nationalpark, und sie ließ die Öffentlichkeit über einen Blog daran Anteil nehmen, dass sie ihrem Leiden selbst ein Ende setzen werde, zweieinhalb Wochen vor ihrem dreißigsten Geburtstag und mithilfe von Tabletten, die sie in Oregon auf Rezept bekommen hatte. Millionen nahmen daran Anteil. Maynards jugendliches Alter spielte sicher eine Rolle, die gefassten Worte, die sie für ihre Lage fand, und die Klarheit der Botschaft, dass die Würde ihres Sterbens in der Selbstbestimmtheit liegen würde. Aber es war vor allem dieser Countdown, der zu Reaktionen führte, die über Mitleid, Trauer und Zuspruch hinausgingen.

Ein namhafter Palliativmediziner kritisierte vorsichtig, dass sich Maynard, um für die Sterbehilfe zu werben, vor den Medien selbst unter Druck gesetzt habe. Und sie wurde in eindringlichen Schreiben gebeten, von ihrem Entschluss abzulassen - von Vertretern der katholischen Kirche, aber auch von Privatpersonen.

Kara Tippetts aus Colorado Springs, Mutter von vier Kindern und ähnlich letal an Krebs erkrankt, versuchte ihr in einem offenen Brief darzulegen, weshalb auch in dem ohnmächtigen Leid, zu dem sie beide durch ihre Krankheit verurteilt seien, eine Würde liegen könne. Das waren gerade aus christlicher Sicht sicherlich bewegendere und womöglich auch theologisch konstruktivere Worte als das mechanische Pochen auf das Suizidverbot, mit dem der Vatikan auf die Nachricht von Brittany Maynards Tod reagierte.

Eine Entscheidung zwischen Tod und Tod

Der anabaptistische Autor Benjamin Corey stellt dagegen sogar in Abrede, dass Maynards Tod überhaupt als Suizid bezeichnet werden könne. Die Selbsttötung aus Angst vor dem sicheren Tod sei eben keine Selbsttötung, keine Entscheidung zwischen Tod und Leben, sondern nur zwischen zwei Arten von Tod. Sie sei nicht selbstsüchtig, also klein, sondern von einer Größe, die Nichtbetroffene wie in Schockstarre versetzt: Er vergleicht es mit denen, die am 11. September 2001 von den Dächern des brennenden World Trade Centers sprangen, speziell mit dem als "Falling Man" bekannt gewordenen Foto des Unbekannten, der tatsächlich in der Würde des Selbstbestimmten gestreckt dem Tod entgegenzustürzen scheint.

Auf der Ebene der Politik ist die Resonanz währenddessen sehr viel weniger stark. Die vielen Nachrufe auf Brittany Maynard vermitteln den Eindruck, dass Amerika ihrer Entscheidung überwiegend mit Sympathie gegenüberstand, und in den Kommentarspalten und sozialen Netzwerken sieht es sogar so aus, als hätte sich eine überwiegende Mehrheit die Sache der Sterbehilfe als Maynards Vermächtnis zu eigen gemacht. Das heißt aber nicht, dass es jetzt mittelfristig auch zu mehr Legalisierungen in den Bundesstaaten kommen muss.

Amerikanische Medien bringen Brittany Maynard viel Sympathie entgegen

Ross Douthat stellte in der New York Times schon einige Wochen vor Maynards Tod die Frage, wieso in den Vereinigten Staaten eigentlich Dinge wie die gleichgeschlechtliche Ehe und der legale Marihuanakonsum auf den Weg zum staatlich sanktionierten Mainstream gebracht worden sind, nicht aber die Sterbehilfe, die ja ebenfalls zum Bereich liberaler Selbstbestimmung gehört. Seine These war, dass es in Amerika links der Mitte eben doch prinzipiell noch Bauchschmerzen gebe bei einer Sache, die dort durchaus "voluntary euthanasia", freiwillige Euthanasie, genannt wird und das Schreckbild vom "lebensunwerten Leben" als Möglichkeit an den Horizont male. Amerikas christliche Rechte habe ohnehin konservativere Werte. Es wäre wohl am ehesten der libertäre Flügel der Republikaner, der die Sterbehilfe einigermaßen bruchlos in seine individualistische Agenda einbauen könnte.

Welche Rolle dieser Flügel nun wiederum im Marsch seiner Partei aufs Weiße Haus spielen wird - das ist in der Tat auch eine der Fragen, die Amerika zurzeit debattiert.

Anmerkung der Redaktion

Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.