Debatte um Kinderpornografie "Pädophilie hat sich niemand ausgesucht"

In die Regensburger Anlaufstelle für Pädophile kommen Männer, die Täter sind, oder die Sorge haben, einer zu werden. Ambulanzleiter Michael Osterheider erklärt im Interview mit SZ.de, wie er mit Betroffenen arbeitet und warum man Pädophile nicht "heilen" kann.

Von Jana Stegemann

Der Fall Edathy hat eine gesellschaftliche Debatte über Kinderpornografie und den Umgang mit Pädophilen angestoßen. Justizminister Heiko Maas (SPD) plant, den kommerziellen Handel mit Nacktbildern von Kindern unter Strafe zu stellen. Wie soll eine Gesellschaft mit Pädophilen umgehen? Wie können Kinder vor Missbrauch geschützt werden? Michael Osterheider ist Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg, Leiter eines Präventivprogramms für Pädophile in Bayern sowie Netzwerksprecher des deutschlandweiten Präventivprogramms "Kein Täter werden" mit Ambulanzen in Kiel, Stralsund, Hamburg, Berlin, Hannover, Gießen und Regensburg. Im Gespräch berichtet der 56-Jährige von seinen Erfahrungen mit therapiewilligen Tätern und erklärt, warum er die Kategorisierung von kinderpornografischem Material für "absurd" hält.

Süddeutsche.de: Herr Osterheider, braucht Deutschland härtere Strafen in Bezug auf Kinderpornografie?

Michael Osterheider: Ich halte es nicht für richtig, bei jeder neuen Diskussion die Gesetze zu verändern. Eine moralgesteuerte Gesetzgebung ist problematisch. Es sollte versucht werden, die bestehenden Gesetze anzuwenden. Was jedoch die unsägliche Diskussion über die Kategorisierung von Kinderpornografie angeht: Es wäre dringend an der Zeit, hier kritisch zu prüfen. Die Trennung zwischen Kategorie eins und zwei ist absurd. Die angeblich harmlose Kategorie zwei - in diesem Fall sind nackte Kinder, aber keine aufreizenden Posen und sexuellen Handlungen zu sehen - ist ebenso problematisch wie Kategorie eins. Die betroffenen Menschen werden ohne ihr Wissen anonym zu Opfern gemacht und erfahren von diesen Aufnahmen vielleicht erst Jahre später. Das darf nicht sein, hier muss der Gesetzgeber dringend handeln.

Gibt es heute mehr Pädophile als früher?

Nein, aber die Themen Pädophilie und Kindesmissbrauch sind präsenter in der öffentlichen Diskussion. Das hat mit aktuellen Fällen wie der Edathy-Causa, aber auch mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und dem daraufhin eingesetzten runden Tisch der Bundesregierung zu tun. Positiv ist: Die Leute reden darüber. Doch langsam muss gehandelt werden, nur mit Reden kommen wir nicht weiter. Die Aufmerksamkeit, die es für das Thema aktuell gibt, muss erhalten bleiben. Es muss an breiter Front deutlich gemacht werden, dass wir die Darstellung von Missbrauchsabbildungen in der Öffentlichkeit nicht dulden und juristisch angehen - unabhängig davon, ob auf den Bildern Genitalien zu sehen sind oder nicht. Kanada ist in diesem Punkt viel fortschrittlicher als Deutschland. Das kanadische Rechtssystem macht keine Unterscheidungen zwischen den beiden Kategorien.

Das Geschäft mit der Kinderpornografie umfasst eine weltweit operierende kriminelle Industrie, das Internet hat die Verbreitung von Film und Foto mit wenigen Mausklicks ermöglicht. Welche Rolle spielt Kinderpornografie für Pädophile?

Eine sehr große. Fast alle Pädophilen nutzen solche Bilder. Es ist für Menschen, die pädophil sind, erst mal die naheliegende Lösung. Schließlich findet der Täter dort genau das, was er sucht. Genau das, was er sich sonst nur in seiner Phantasie ausmalt, genau das, was ihn interessiert. Kinderpornografie ist auch Thema in unseren Therapiesitzungen.

Welche Rolle spielt kinderpornografisches Material in den Therapiesitzungen?

Auf dem Spielplatz des Abnormen

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Fast alle Pädophilen, die sich an uns wenden, haben es bereits genutzt. Ein erklärtes Therapieziel ist es, dass die Teilnehmer auf kinderpornografische Darstellungen verzichten. Wir wissen, dass durch den Konsum von Kinderpornos eine Sogwirkung entsteht: Zunächst befriedigen die Videos und Fotos die sexuellen Bedürfnisse des Pädophilen. Doch irgendwann - in einigen Fällen nach Monaten oder Jahren - reicht manchen Männern das nicht mehr. Sie wollen ihre Phantasie dann in die Tat umsetzen und suchen verstärkt die Nähe zu Kindern und werden ihnen gegenüber teilweise sexuell übergriffig.

Wie sieht die typische Behandlung eines Pädophilen in Ihrem Präventivprogramm aus?

Zuallererst der Hinweis: Eine Pädophilie hat sich niemand ausgesucht, sie entwickelt sich. Im Gegensatz zu einem sexuellen Missbraucher, der nicht pädophil ist. Der Missbraucher hat andere Motivationen, die in seiner Persönlichkeit liegen. Meist geht es um Macht und Dominanz oder darum, Frustsituationen an Kindern auszuleben. 60 Prozent der Täter, die Kinder missbrauchen, sind nicht pädophil. Es gibt auch keine pädophilen Frauen. Pädophilie ist eine Körperschema-Orientierungsstörung.

Was bedeutet das genau?

Ihr sexuelles Erleben hängt an diesem Schema. Ein pädophiler Mann interessiert sich nicht für Frauen mit Brüsten und Schambehaarung. Er interessiert sich für siebenjährige Mädchen ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale. Mädchen, die rein und unschuldig wirken. Oder für kleine Jungen.

Wann machen sich pädophile Neigungen bemerkbar?

In der Pubertät. Meist bemerken die Betroffenen recht früh, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Etwa wenn ein 14-Jähriger sieht, dass seine Klassenkameraden flirten und erste Zärtlichkeiten austauschen, er aber noch immer auf seine siebenjährige Cousine steht. Spätestens zum Ende der Pubertät wird den Männern klar, dass sie anders sind. Die Betroffenen bleiben am präpubertären Körperschema hängen und kommen davon nicht mehr los.

Ist eine Behandlung Pädophiler dann überhaupt möglich?

Wir wirken in unserem Präventivprogramm darauf hin, dass sich betroffene Männer ihren Neigungen stellen und Verantwortung übernehmen. Wir sagen ihnen aber auch, dass Pädophilie eine lebensbegleitende Störung ist, die weitgehend unveränderbar ist. Pädophilie lässt sich nicht heilen. Die eineinhalbjährige Therapie, die wir den Männern anbieten, hat nicht zum Ziel, dass der Betroffene im Anschluss einvernehmliche sexuelle Kontakte mit altersadäquaten Frauen pflegt. Um es drastisch zu sagen: Er wird sich sein Leben lang nicht von üppigen Blondinen oder kurvigen Brünetten angezogen fühlen. Unser Programm ist in erster Linie ein Opferpräventionsprogramm. Dem Betroffenen muss klar sein, dass er seine Sexualität nur im stillen Kämmerlein ausüben kann mit Selbstbefriedigung und entsprechenden Phantasien wie Kopfkino.

Wie nehmen Betroffene, die sich helfen lassen möchten, Kontakt zu Ihnen auf?

Der erste Schritt ist immer ein Anruf über eine Hotline. Per Telefon wird dann ein sogenanntes Screening von geschulten Studenten durchgeführt; hierzu werden bis zu fünfzehn Fragen gestellt, deren Ergebnisse uns sehr schnell Antworten darauf geben, ob jemand für unser Präventionsprogramm geeignet ist. Sollte sich jemand als potenzieller Kandidat herausstellen, bitten wir ihn, einen Tag nach Regensburg zu kommen, um eine genaue Diagnostik zu erstellen. Danach entscheiden wir, ob er einen Therapieplatz bei uns bekommt. Bereits strafrechtlich verurteilte Männer können wir nicht aufnehmen.

Fast vier Jahre besteht das Programm in Regensburg bereits. Was für Männer sind es, die Ihre Hilfe suchen?

Pädophilie ist kein Merkmal einer bestimmten Bevölkerungs- oder Berufsgruppe. Zurzeit sind bei uns Männer zwischen 17 und 70 in Behandlung. Vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Unternehmens ist alles dabei. Pädophilie ist kein Problem der Unterschicht oder von Alleinstehenden. Wir haben verheiratete Männer in unserem Programm, Männer mit Partnerin - und auch Väter.

Sind auch Männer in Ihrem Programm, die bereits Übergriffe begangen haben?

Ja. Wenn ein Betroffener erzählt, dass er in der Vergangenheit bereits Delikte begangen hat, aber bei Ermittlungsbehörden noch nicht aktenkundig geworden ist, ist das kein Grund, ihm die Behandlung zu verweigern. Einige kommen zu uns und sagen: "Ich will nicht, dass das schlimmer wird. Ich brauche Hilfe." Hier greift die ärztliche Schweigepflicht. Wir sind ja keine Strafverfolgungsbehörde, auch wenn wir in Bayern mit Mitteln des Justizministeriums finanziert werden. Das ist trotzdem streng getrennt. Was wir aber machen: Wenn Gefahr im Verzug ist, können wir die Schweigepflicht in Ausnahmefällen aussetzen. Wenn uns ein Patient zum Beispiel berichten sollte, dass er konkrete Phantasien hegt, die Nachbarstochter betreffend, dann werden wir hellhörig. Wir kontaktieren und konfrontieren den Patienten, beziehen sein Umfeld und seine Familie mit ein, um die soziale Kontrolle zu erhöhen. Sollten diese Strategien nicht greifen, dann würden wir in Ausnahmefällen auch jemanden der Staatsanwaltschaft übergeben. Zu dieser Maßnahme mussten wir bisher aber noch nicht greifen.

Wie läuft die Behandlung konkret ab?

Nach einer ausführlichen Befragung behandeln wir die Betroffenen mit Gesprächs- und Verhaltenstherapien. Gegebenenfalls wird die Therapie von triebdämpfenden Medikamenten begleitet, der sogenannten chemischen Kastration. Nach etwa zwei Wochen wird die Triebfähigkeit reduziert, es besteht dann keine Erektionsfähigkeit mehr. Medikamentöse Begleitung der Therapie kann wichtig sein, ist aber in vielen Fällen nicht nötig. Die verhaltenstherapeutischen Sitzungen finden mindestens einmal wöchentlich in Gruppen statt. Im Anschluss gibt es noch die Möglichkeit von stützenden Nachsorgeangeboten und einer Patienten-Hotline, an die sich die Betroffenen in Konfliktsituationen wenden können.

Gibt es genügend Plätze für Pädophile, die sich behandeln lassen wollen?

Leider nein. Wir führen eine Warteliste. Wir haben bereits mit dem Justizministerium gesprochen, inwiefern wir weitere Ambulanzen einrichten können, damit Entfernungen zwischen Wohn- und Behandlungsort nicht mehr zum Problem werden. Ziel unseres Netzwerkes ist es, dass wir in naher Zukunft in jedem Bundesland mindestens eine Anlaufstelle haben. Gezeigt hat sich: Entsprechende Programme können Straftaten verhindern. Die Rückfallquote ist relativ gering.

Woran liegt das?

Bei den Leuten passiert kognitiv etwas. Die Empathie für die Opfer ist sehr wichtig. Es ist zu Beginn noch so, dass die Patienten teilweise frotzelnde, unschöne Bemerkungen machen und rüde über die Problematik hinweggehen. Doch im Laufe der Therapie kommt es zu einer entscheidenden Bewusstseinsänderung. Es ist für einige das erste Mal, das sie bewusst darüber nachdenken, was sie eigentlich den Kindern antun - sei es bei tatsächlichen Delikten oder durch den Kauf von Kinderpornografie.

Wie viele Männer haben sich in Deutschland bereits behandeln lassen?

Mehrere Tausend Männer, in Regensburg etwa 500. Die Nachfragen sind da. Es müsste mehr Plätze geben. Ein zusätzlicher Therapeut, das kann ein Psychologe oder Psychiater sein, würde die Situation schon sehr verbessern. Pädophile, die sich haben behandeln lassen, gehen mit einem deutlich geringerem Risiko durch die Welt, Übergriffe auf Kinder zu begehen. Bedenken muss man dabei jedoch, dass zu uns nur Männern kommen, die sich freiwillig dazu entscheiden.

Linktipp:

Zeit-Autorin Heike Faller hat einen Pädophilen während seiner Therapie begleitet und ihre Eindrück in dieser Reportage verarbeitet.

Strafrecht ist kein Moralrecht

Kinderpornografie gilt als Terrorismus des Alltags. Entsprechend massiv und exzessiv wird ermittelt. Bisweilen wird das Strafrecht missbraucht, um dann über die Moral eines Beschuldigten öffentlich herzuziehen. Geht es beim Fall Edathy um die Verfolgung eines strafrechtlich Unschuldigen? Von Heribert Prantl mehr...