Casting für Straßenmusikanten Lizenz zum Flöten

Ob mongolische Hackbrettspieler oder rumänische Teufelsgeiger: Wer sich in einer deutschen Fußgängerzone als Straßenmusiker verdingen will, kommt an Bürokratie nicht vorbei. Für eine Lizenz müssen die Musiker vielerorts erst ein Casting bestehen. In München entscheidet der Beamte Albert Dietrich über die Frage: Kunst oder Krach?

Von Laura Hertreiter

Die Straßenmusikerszene Münchens passt in einen Holzkasten voller Karteikarten, jede mit Kugelschreiber beschrieben. Wer in der Fußgängerzone spielen will, muss es auf eine Karteikarte schaffen. Wer auf eine Karteikarte will, muss bei Albert Dietrich im Rathaus vorspielen. Der Beamte steht hinter einem Tresen im Rathaus der bayerischen Landeshauptstadt und zieht seine Cordhose hoch. Es ist früh am Morgen. "Schonmal hier gewesen?", fragt er zwei zierliche Russinnen mit Geigenkoffern. Kopfschütteln."Dann lasst mal was hören."

Der 62-Jährige verschränkt die Arme. Die beiden Frauen packen vorsichtig ihre Violinen aus und spielen schließlich eine hauchzarte Version von The Verves "Bittersweet Sinfonie". Dietrichs Mundwinkel rutschen nach unten. Er legt die Stirn unter dem grauen Haar in Falten, seufzt und hebt die Hand. Sein Urteil: "So kann man im Wohnzimmer spielen, aber nicht auf der Straße." Die Musikerinnen blicken auf ihre Riemchensandalen. Schultern, Violinen und Bögen hängen in Richtung Boden. "Ihr braucht mehr Pepp", sagt Dietrich. "Übt weiter und kommt dann wieder."

Albert Dietrich ist Münchens Spielplanmacher der Straßenmusik. Er entscheidet, wer in der Fußgängerzone musizieren darf. Und er verbindet damit zwei Dinge, die in seinen Augen eigentlich nicht zusammenpassen: Kunst und Behörde. Dietrich selbst ist klassikbegeistert. In seiner Freizeit arbeitet der Beamte deshalb als Beleuchter bei der Oper. Und wenn Backpacker mit durchgetretenen Turnschuhen und Mundharmonika vor ihm im Rathaus stehen, erinnert er sich an seine einstigen Pläne, die irgendwo zwischen Akten und Terminen zu Träumen schrumpften. Er wäre selbst gern gereist. Raus aus dem Amt, rein ins Abenteuer, frei und ungebunden.

Stattdessen steht er nun hinter dem Tresen und holt die Freien und Ungebundenen gewissenhaft auf den Boden der bayerischen Bürokratie zurück. Mongolische Hackbrettspieler, rumänische Teufelsgeiger, Pianisten am weißen Flügel. Wer früh genug bei ihm Schlange steht, musikalisches Talent und eine Gebühr von zehn Euro mitbringt, bekommt eine der fünf Lizenzen für den Vormittag oder - weit lukrativer - eine der fünf für den Nachmittag. Wer indes ohne Genehmigung spielt, kann bis zu 1000 Euro Strafe kassieren. Und München ist keine Ausnahme. Weil Massen von Musikanten die deutschen Fußgängerzonen beschallen, war die Zahl der Beschwerden massiv gestiegen. Seither überlegen die Städte, wie sie der Lage Herr werden. Und die Regularien nehmen zu.

"Freiheit der Kunst missachtet"

Die Musiker sind davon wenig begeistert. Für Gitarrist Thomas Mauerberger vom "Forum Straßenmusik" etwa sind Castings ein hilfloser Versuch: "Gerade die Musiker, die unerwünscht sind, halten sich eh nicht an die Regeln", sagt er. Das Forum bemüht sich, online die vielen unterschiedlichen Vorschriften zu erfassen, die heute in den einzelnen Städten gelten. Die Lage sei inzwischen recht unübersichtlich geworden. Wichtigster Kritikpunkt: Mauerberger und sein Kollege Dieter Pohl fühlen sich zensiert. "Mit diesen Castings wird die Freiheit der Kunst missachtet."

Doch Instrument auspacken, Hut aufstellen, losmusizieren: Das war einmal. Der weltenbummelnde Lebenskünstler ist vor allem in Ländern nicht mehr willkommen, in denen das Geld lockerer sitzt: Je mehr Touristen, desto strenger die Auflagen. So beginnt der Straßenkünstlertag in vielen Metropolen mit dem Ämtergang: Lizenzen, Gebühren, Regeln. Einerseits, weil die Städte bettelnde Vagabunden loswerden wollen, die mangelnde Musikalität mit Lautstärke wettmachen. Zum anderen, weil sie in virtuosen Musikern längst eine Touristenattraktion erkannt haben.