Breivik-Anklägerin Inga Bejer Engh Entlarvung eines Monsters

Dem Massenmörder Anders Behring Breivik ließ sie keine Bühne. Als Staatsanwältin Inga Bejer Engh den selbsternannten Tempelritter vor Gericht befragte, knickte er immer wieder ein. In ihrem Schlussplädoyer muss sich Engh jetzt festlegen, ob Breivik psychisch krank - oder einfach nur böse ist.

Von Gunnar Herrmann, Oslo

Sie sind jetzt fast zu Ende, die zehn Prozesswochen, vor denen Norwegen Angst hatte. Es gab eine Menge Befürchtungen vor diesem Verfahren: Der Gerichtssaal könne zur Bühne für den rechtsextremen Massenmörder Anders Behring Breivik werden, der Zeugenstand sein Rednerpult. Einen Tag vor Prozessabschluss muss man nun feststellen, dass nichts davon eingetroffen ist. Zu verdanken ist das vor allem Staatsanwältin Inga Bejer Engh, die mit ihrem Kollegen Svein Holden die Anklage führt und im Verfahren die meisten Verhöre mit Breivik übernahm. An diesem Donnerstag hält sie ihr Schlussplädoyer.

Wenn Breivik in den vergangenen Wochen im Zeugenstand mit schwülstigen Worten von seinem Terroristenleben erzählte, hörte Engh ihm stets aufmerksam zu. Die 41-Jährige wirkte kühl, aber betont freundlich. Manchmal lächelte sie ihn sogar an. Dann strich sie sich die blonden Haare zurück, klappte die Akten auf, die sich auf ihrem Tisch stapeln, und zerpflückte Breiviks Aussagen, Stück für Stück, mit bohrenden Fragen: Wie genau war das mit diesem angeblichen Geheimtreffen der Tempelritter? Wer waren die "Mentoren", die der Mörder von Utøya in seinem Manifest erwähnt? Breivik verstrickte sich bei diesen Verhören in Widersprüche. Am Ende blieb ihm oft nichts anderes übrig, als kleinlaut einzuräumen, dass er gelogen und übertrieben hat. Der Mörder, der so monströs erschien - im Gespräch mit Engh wirkte er klein und unterlegen.

Als der Chef der Anklagebehörde knapp einen Monat nach den Anschlägen in Enghs Büro kam und fragte, ob sie den Fall übernehmen wolle, sagte sie ohne zu zögern ja. Sie habe zwar kurz an ihre beiden kleinen Söhne gedacht, aber gewusst, dass sie sich ganz auf ihren Mann verlassen könne, erzählte sie später einer Zeitung. Er bringt nun den Nachwuchs in die Krippe, während sie am größten Fall ihres Lebens arbeitet. Sie war gut vorbereitet für die Aufgabe: Engh gilt als zielstrebig und fleißig. Nach ihrem Examen arbeitete die Juristin bei den UN in New York. Mit nur 32 Jahren wurde sie dann Staatsanwältin. Seitdem brachte sie Polizistenmörder, Alkoholpanscher und andere Verbrecher ins Gefängnis.

Noch kein Ergebnis zum Geisteszustand

Die große Frage ist nun, ob Engh auch Breivik dorthin schicken will. Er selbst hält sich für geistig gesund und lässt seine Anwälte auf schuldig plädieren. In der Anklageschrift vom März wird er dagegen als unzurechnungsfähig eingestuft. Engh und ihr Kollege Holden fordern dort seine Einweisung in die Psychiatrie. Doch seitdem ist viel passiert: Es gibt jetzt ein zweites Gutachten, das Breivik Schuldfähigkeit bescheinigt.

Ein Heer von Experten hat im Gerichtssaal tagelang den Geisteszustand des Angeklagten diskutiert, ohne zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Und die Staatsanwälte hatten sich im März ausdrücklich vorbehalten, die Bewertung in ihrer Anklageschrift im Schlussplädoyer noch zu ändern, sollten neue Fakten auf den Tisch kommen. Am Donnerstag muss Inga Engh, die den Prozess mit ihren klugen Fragen geprägt hat, nun eine abschließende Antwort geben: Ist der Massenmörder Breivik aus ihrer Sicht krank oder böse? Es wird wohl ihr schwierigster Auftritt.